Kampf gegen verwaiste Wohnungen

Jetzt online! Leerstand089

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So sieht Leerstand089.de im Internet aus. Blau ist ein vermuteter Leerstand, gelbe sind in Recherche, rote bestätigt und grüne behoben.

München - München platzt aus allen Nähten: Wohnraum ist knapp, die Mieten galoppieren davon. Umso unverständlicher, dass rund 17.000 Wohnungen leer stehen. Ab Donnerstag dokumentieren das Bündnis bezahlbares Wohnen und die tz verwaiste Quartiere.

Die Homepage leerstand089.de geht an den Start. Hier können Bürger Häuser mit ungenutzten Wohnraum melden.

Das Team von Leerstand089 sowie tz und tz.de.

Die Münchner Journalistin Lisa Rüffer hatte die Idee zu einem Münchner Leerstandsmelder, als die Satire-Aktion Goldgrund im Oktober 2013 das städtische Leerstandshaus in der Pilotystraße für eine Kunstaktion besetzte. Damals startete sie einen Leerstandsmelder bei Facebook. Ihre Motivation: „Wenn Leerstände publik gemacht werden, bringen sie eine Diskussion über Gentrifizierung in Gang und sie bewegen die Münchner dazu, sich zu fragen: Wie soll die Stadt aussehen, in der wir leben wollen?“
Doch die Facebook-Seite war ihr nicht professionell genug. Gemeinsam mit dem Bündnis bezahlbares Wohnen, einem Programmierer und einem Grafiker entwickelte sie die neue Seite leerstand089.de, die heute an den Start geht. „Die Meldungen werden von einem Team ehrenamtlicher Researcher nach journalistischen Kriterien vor Ort sowie über Telefon- oder Internetrecherche geprüft“, so Rüffer. Auch die Besitzer können sich zu Wort melden. Eine Meldung durchlebt dann mehrere Phasen zwischen gemeldet, vermutet, in Recherche, bestätigt und behoben, falls Wohnraum wieder bezogen, saniert, oder auch abgerissen wird.

Rüffer: „Wir wollen kein Internet-Pranger sein sondern die Gründe für Leerstand darlegen. Wir sehen uns als Schnittstelle zwischen Bürgern – also Vermietern und Mietern – und der Politik.“ Auch die Satireaktion Goldgrund, das Münchner Forum und die LMU-Studierendenvertretung unterstützen Leestand089.

Grün! In der Pilotystraße tut sich schon etwas

In diesem leerstehenden Haus an der Pilotystraße (Lehel) sorgte die Satireaktion Goldgrund um Lustspielhaus-Chef Till Hofmann für Schlagzeilen, als sie es im Oktober 2013 einen Abend für eine Kunstaktion besetzen. Pikant: Das Haus gehört der Stadt, ihr wurde es als Stiftung übertragen. Damals lebte nur eine Mieterin dort. Im Februar 2014 genehmigte der Stadtrat die Sanierung für 2,6 Millionen Euro. Mittlerweile sind die Bauarbeiter ein- und die alte Dame ausgezogen - vorübergehend, sie darf nach dem Umbau wieder zu bezahlbarer Miete dort wohnen.

Gelb! Historisches Wirtshaus verfällt

Schon mindestens seit Anfang 2010 steht der ehemalige „Riedwirt“ an der Schwanthalerstraße leer. Schon damals ärgerte sich der Bezirksausschuss über den Verfall des denkmalgeschützten spätklassizistischen, 1864 von Maurermeister G. Dürr errichteten Eckhauses mit Konsolgesims. Die Stadt hatte den Leerstand genehmigt, da eine Sanierung des Hauses nicht mehr zumutbar sei – nachdem man es hatte verkommen lassen. Nach Angaben des Referats für Stadtplanung liegt seit Ende 2013 eine Baugenehmigung für einen Neubau inklusive Hotel, Gastronomie und Tiefgarage vor. Der Architekt will sich dazu nicht äußern.

Blau! Villen-Rätsel im Wiesn-Viertel

Ein wahrhafter Traum ist diese schlossähnliche Villa in der Schubertstraße nahe der Theresienwiese. Dieses wunderschöne Baudenkmal wurde 1894–95 von Wilhelm Spannagel im Stil der deutschen Renaissance erbaut. Offenbar steht der Bau seit Jahren leer, Schlösser und Ketten an den Türen verhindern den Zutritt zum Anwesen, das Gras wuchert. Eine Anfrage bei der Stadt ergibt: Im Februar 2014 wurde eine Baugenehmigung erteilt für den Dachgeschoss-Ausbau, den Anbau von Aufzügen, Wintergärten und Balkonen. Außerdem genehmigte die Stadt die Nutzungsänderung von vier Wohnungen zu Büros! Wieso nichts passiert, weiß nur der unbekannte Besitzer. Der Umbau würde das geschützte Denkmal sehr stark verändern.

Rot! Städtischer Abbruch in Giesing?

Dieses Mehrfamilienhaus in der Obergiesinger Weinbauernstraße steht schon seit 2010 leer. 2013 war noch eine Wohnung bewohnt. Das Anwesen gehört der städtischen Sanierungstochter MGS (Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung). Die will das Vorderhaus abreißen und durch einen Neubau ersetzen. Laut MGS wurde eine Bauvoranfrage gestellt. Damit klären Bauherren üblicherweise, was auf dem Grundstück an Neubauten genehmigt werden kann. „Das Vorbescheidsverfahren für das Baurecht auf dem gesamten Grundstück läuft zur Zeit noch“, teilt die MGS auf Anfrage mit. Wenn das Baurecht geklärt ist, soll ein Zeitplan erstellt und der Abbruch des bestehenden Hauses vorbereitet werden.

Aufklärung statt Pranger

„Irre Mieten – aber die Stadt lässt diese Häuser leerstehen!“ So stand es bereits am 21. Februar 2013 groß auf Seite 1 der tz. Anhand von 16 Beispielen zeigten wir eines der großen Probleme auf dem ohnehin problematischen Münchner Wohnungsmarkt auf. Nun, mehr als zwei Jahre später, haben wir endlich ein Instrument, das dieses Problem bei den Wurzeln packen möchte. Dabei geht es uns nicht ansatzweise darum, Eigentümer an einen öffentlichen Pranger zu stellen. Wir wollen vielmehr aufklären, mögliche Schwierigkeiten aufzeigen und Diskussionen in Gang setzen. Deswegen freue ich mich, wenn möglichst viele Münchner – in eben dieser positiven Absicht – mitmachen.“

Peter Schiebel, stellvertretender Chefredakteur der tz

Bürgerschaftliches Engagement

„Nach dem Aktionstag in der Pilotystraße war klar, dass dieses Thema in der Stadt angegangen werden muss. Wir freuen uns, dass unsere Freunde vom Leerstandmelder den langen Atem hatten, diese fixe Idee durch bürgerschaftliches Engagement zu verwirklichen. Jetzt kommt es darauf an, dass sich möglichst viele Bürger beteiligen und dass die dadurch entfachte Diskussion dazu führt, dass die Leerstände verschwinden und Wohnen wieder etwas erschwinglicher wird.“

Goldgrund-Chef Till Hofmann

Die Gründe sind sehr vielschichtig

„Es gibt für leerstehenden Wohnraum fast immer eine nachvollziehbare Begründung. Es lässt ja niemand ein Haus einfach so leer stehen. Dafür ist der Verzicht auf Mieteinnahmen viel zu groß. Der häufigste Grund sind Schwierigkeiten im Rahmen von Renovierungen, wenn während des Umbaus Probleme bei der Statik oder Bautechnik auftauchen. Oft gibt es auch rechtliche Probleme mit der Lokalbaukommission, die einen Umbau einstellt, weil man andere Vorstellungen von der Ausführung einer Baugenehmigung hat. Viel schwerwiegender sind für mich der verdeckte Leerstand von Senioren, die in viel zur großen Wohnungen leben. Da muss ein Umdenken einsetzen.“

Rudolf Stürzer, Chef der Haus und Grund München

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