Kein Warmwasser, kein Duschen

Legionellen-Angst auch im Rathaus

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Kein Warmwasser, kein Duschen – im Rathaus herrscht Notstand: Im Warmwasser haben Kontrolleure extrem hohe Legionellen-Konzentrationen gefunden

München - Der OB hat kein warmes Wasser, Arbeiter dürfen nicht mehr duschen, Kontrolleure sind vor Ort. Alarm im Rathaus: Im Wasser wurden Bakterien gefunden.

Damit steht Münchens Wahrzeichen für viele andere Gebäude in der Stadt: Denn in bislang über 1300 Wohnhäusern gab es schon Legionellen-Alarm!

Seit etwas mehr als einem Jahr müssen große Gebäude in Deutschland untersucht werden: Von den 80 000 Mehrfamilienhäusern und Wohnanlagen in der Stadt dürften nach Einschätzung des Gesundheitsreferats rund 50 000 unter die Trinkwasserverordnung fallen, weil sie große, zentrale Boiler haben. Denn in den Geräten und alten Warmwasser-Leitungen können sich die Bakterien rasant verbreiten.

Auch im Rathaus waren die Kontrolleure – und fanden eine „extrem hohe Legionellenkonzentration“. Davon sprechen die Experten, wenn sie an einem Wasserhahn mehr als 10 000 Bakterien in 100 Milliliter Wasser finden. Der Grenzwert liegt nur bei 100 Bakterien!

Gefunden haben die Kontrolleure diese Konzentration in einer Kammer im Erdgeschoss an einem Spülbecken, in dem die Putzleute ihr Schmutzwasser wegschütten. Aber auch an einigen anderen Messstellen war der Grenzwert überschritten, meldet die Stadt. Folge: Das Gesundheitsamt hat das Warmwasser abgedreht und ein Duschverbot verhängt!

So weit kommt es in den Wohnhäusern zwar selten – im Olydorf gab es etwa ein Duschverbot in 320 Wohnungen. Aber die Zahlen der Funde steigen rasant an: Seit Beginn der Kontrollen vor etwas mehr als einem Jahr liegen die Werte für 2660 Gebäude vor, von denen die Hälfte über dem Grenzwert lagen. Mehr als 1300 auffällige Häuser – obwohl erst ein Bruchteil untersucht wurde. Das Gesundheitsreferat rechnet damit, dass in jedem dritten Gebäude Bewohner betroffen sind!

Im Rathaus werden die Leitungen derzeit mit über 70 Grad heißem Wasser gespült. Nachkontrollen zeigten, dass die Kontamination zurückging.

David Costanzo

Ekel-Rohre: So greislig sind unsere Wasserleitungen

Ekel-Rohre: So greislig sind unsere Wasserleitungen

Bakterien, Dreck und Schäden: In unseren Rohren schaut es greislig aus! "90 Prozent aller Anlagen haben Mängel", berichtet Robert Kroiss der tz. Er hat die Leitungen mit eigenen Augen gesehen. Kroiss arbeitet als Technischer Leiter beim Deutschen Institut für Wasseranalytik (Diwa), eine Kontroll-Firma mit Sitz in Rosenheim. In München hat das Unternehmen bereits hunderte Häuser geprüft. © Diwa
Rost im Rohr: Das ist kein Abfluss – das ist ein Rohr für Trinkwasser! So wie hier in Unterschleißheim sieht eine Leitung aus, wenn sich 30 Jahre keiner darum kümmert. „Da brauchen wir gar nicht proben“, erzählt Kroiss. „Das ist total kontaminiert.“ Denn dieser Schmutz ist eine einzige Brutstätte für Legionellen. © Diwa
Fehlendes Ventil: Normalerweise darf das Trinkwasser nicht direkt mit der Heizung verbunden sein. Tatsächlich sei das oft der Fall, berichtet Kroiss – wie hier mit einem simplen Gartenschlauch, ohne das vorgeschriebene Rücklaufventil. Da kann das Brackwasser aus der Heizung zurück in die Hähne gelangen! Eine Lösung gäbe es ab 120 Euro … © Diwa
Verstopfte Hähne: Hier hat der Hausbesitzer erst gar keinen Filter eingebaut. Darum fließen Sandkörnchen und Kalkpartikel, die im Trinkwasser normal sind, direkt in die Hähne und verstopfen sie. Nicht nur das: „Der Kalk ist ein Transportmittel für die Legionellen“, sagt Kroiss. Wo die Partikel sich ablagern, feiern die Bakterien fröhliche Urständ. © Diwa
Bakterien-Falle:Da kann man die Bakterien schon mit bloßen Auge sehen. Normalerweise gehören diese Filter zwischen Hausanschluss und Trinkwasseranlage alle sechs bis acht Wochen gespült. „Wir haben in München aber schon welche gesehen, die hat seit 30 Jahren keiner angeschaut“, erzählt Kroiss. Und so sehen die dann aus. © Diwa

Erreger vermehren sich im warmen Wasser und können zum Tod führen

Sie lauern in lauwarmem Wasser: Legionellen sind Bakterien, die in der Natur vorkommen. Sie können sich aber in stehendem Wasser etwa in alten Leitungen bei Temperaturen zwischen 30 und 50 Grad Celsius rasant vermehren. Panik ist nicht angebracht: Beim Trinken von verseuchtem Wasser kann nichts passieren, erst das Verschlucken in die Lunge ist gefährlich! Das kann beim Duschen geschehen, aber auch beim Inhalieren, im Whirlpool, an Zimmerspringbrunnen oder wenn man sich beim Trinken verschluckt. Die meisten Menschen bemerken eine Infektion gar nicht. Oft können die Bakterien das Pontiac-Fieber auslösen – mit Halsweh, Schwindel, Kopf- und Gliederschmerzen. Die Symptome vergehen nach wenigen Tagen. Rund fünf Prozent der Infizierten entwickeln jedoch die Legionärskrankheit, eine schwere und gefährliche Lungenentzündung mit Schüttelfrost, Schmerzen und Husten. Studien gehen davon aus, dass rund 15 Prozent aller Erkrankten sterben. Für München rechnet das Gesundheitsreferat anhand dieser Zahlen mit 250 Infizierten pro Jahr, von denen rund 35 sterben.

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