„Häufig sind die Menschen vom Leben enttäuscht“

Leiter der Straßenambulanz: Er kümmert sich um Obdachlose

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Seit Oktober leitet Thomas Beutner die Straßenambulanz in München. An drei Abenden pro Woche suchen deren Mitarbeiter die Menschen an be kannten Plätzen auf.

Thomas Beutner ist viel auf der Straße unterwegs. Der Arzt kümmert sich um obdachlose Menschen, die krank oder verletzt sind. Seit Oktober leitet der 51-Jährige die Münchner Straßenambulanz. Wir haben mit ihm gesprochen.

München - Die Straßenambulanz ist eine Kooperation des Katholischen Männerfürsorgevereins (KMFV), der Barmherzigen Brüder und der Arztpraxis für wohnungslose Menschen im Haus an der Pilgersheimer Straße des KMFV, in der Beutner arbeitet. Sie wird auch von der Stadt unterstützt. Ins Leben gerufen wurde sie vor 20 Jahren: Anfang 1997 mit initiiert von der Ärztin Barbara Peters-Steinwachs, die sie bis vergangenes Jahr engagiert leitete. In ihren Fußstapfen und gemeinsam mit seiner neuen Kollegin Angelika Eisenried versorgt nun Beutner die Menschen, die keine Wohnung haben. Wir sprachen mit dem Facharzt für Chirurgie und Allgemeinmedizin.

Herr Beutner, in den letzten Wochen war es bitter kalt. Mit welchen Krankheiten hatten Sie zu tun?

Thomas Beutner: Aktuell ist in diesem Winter noch nichts Schlimmes aus dem Ruder gelaufen. Es gab lediglich ein paar Erfrierungen. Das häufigste Problem ist die Verschlimmerung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Folgezustände von Gefäßerkrankungen. Oft sind diese das Ergebnis von jahrelangem Alkoholkonsum, von Suchtproblemen und Fehlernährung.

Betrifft das eher ältere Menschen?

Beutner: Auffällig ist, dass auch schon 30- bis 40-Jährige, die auf der Straße leben, solche Erkrankungen haben. Wenn der Körper so geschunden wird, kommt es zum Beispiel häufig zu Herzproblemen oder Diabetes, und Wunden an den Beinen verheilen nicht.

Wie gehen Sie vor?

Beutner: An drei Abenden die Woche suchen wir die Menschen an bekannten Plätzen auf. Vor Ort können wir nur eine Akutversorgung leisten. Wir versuchen, die Menschen in unsere Praxis an der Pilgersheimer Straße zu lotsen. Dort haben wir die Möglichkeit, weitere Untersuchungen durchzuführen.

Welche Art von Untersuchungen?

Beutner: Wir können einen Ultraschall machen, Blut abnehmen und weitere Untersuchungen bei einem Spezialisten veranlassen. Dies ist zum Beispiel bei Blut im Urin der Fall: Hier ist eine weitere urologische Untersuchung notwendig.

Was, außer der Akutversorgung, ist Ihr Ziel?

Beutner: Wenn die Menschen in unserer Praxis sind, versuchen wir, ihren Gesundheitszustand zu stabilisieren und sie an die im Haus befindlichen Sozialarbeiter anzubinden. Diese beraten sie etwa, wie sie wieder zu einer Krankenversicherung kommen können. So versuchen wir, sie sukzessive ins System zurückzuführen. Wer nicht versichert ist, dem helfen wir mit Sachspenden wie Medikamenten, die uns Apotheken spenden. Damit sind wir bisher gut über die Runden gekommen.

Ist es schwierig, die Menschen wieder ins System hineinzuholen?

Beutner: Wir können erst einmal nur die größten Schmerzen und Schwierigkeiten abmildern. Dann versuchen wir, die Arzt-Patient-Beziehung zu festigen. Das ist eine Frage des Vertrauens. Häufig sind die Menschen vom Leben enttäuscht. Viele sind alkoholkrank, psychotisch, aggressiv. Da müssen wir behutsam vorgehen und dürfen uns nicht entmutigen lassen. Oft reicht ein falsches Wort, und sie sind weg. Es ist also ein ständiges Bemühen – doch es gelingt ganz gut.

In Hamburg gibt es eine Krankenstube für Obdachlose. Hielten Sie so etwas auch in München für notwendig?

Beutner: Im Haus an der Pilgersheimer Straße stehen acht Bettplätze in Krankenzimmern zur Verfügung, davon zwei im Einzelzimmer. Hier werden Männer aufgenommnen, die akut oder auch chronisch erkrankt sind und deren Gesundheit stabilisiert werden muss. Etwa ein Patient mit Lungenkrebs, der sich eine Bronchitis eingefangen hat. Oder jemand, der gehbehindert ist und jetzt auf dem Glatteis nicht klarkommt. Die Bettplätze sind absolut notwendig. Was macht ein Mann mit Fieber und Bronchitis sonst – schafft er es bis zur Bayernkaserne, oder legt er sich vorher irgendwo hin? Wir wollen erreichen, dass er in die Praxis kommt. Die Kapazitäten dort halten wir momentan für ausreichend. Für stationäre Aufenthalte sind die Kliniken da.

Hat die Straßenambulanz mehr zu tun als früher – weil mehr Menschen auf der Straße leben?

Beutner: Es fällt schon auf, dass die Zahlen ansteigen. Die Dunkelziffer dürfte deutlich über den von der Stadt geschätzten 550 Obdachlosen liegen. Es gibt inzwischen ganze Gruppen, die in Autos übernachten. Der Kälteschutz wird jedes Jahr ausgebaut, und auch die Bettplätze im Haus an der Pilgersheimer Straße sind sehr gut belegt. Wir müssen uns drauf einstellen, dass es weiterhin mehr werden. Auch die meisten anerkannten Flüchtlinge landen ja nicht direkt in gut bezahlten Jobs, sondern viele werden auch von Wohnungslosigkeit bedroht sein.

Ist München noch Herrin der Lage?

Beutner: Ja. Dank der guten Vernetzung so vieler Einrichtungen und der vielen Ehrenamtlichen haben wir die Situation hier ganz gut im Griff. Die Hilfe kommt an, und sie ist bitter notwendig. Und viele Bürger interessieren sich. Kürzlich kam eine Dame angeradelt und brachte einfach zwei Decken vorbei. Jeder kann gerne etwas an der Pilgersheimer Straße oder direkt bei unserem Bus vorbeibringen – etwa Krücken, einen ausgedienten Rollator, Winterkleidung, gerne auch Geldspenden oder Fahrkarten. Helfen ist eine einfache Sache.

Lesen Sie hier unsere große Reportage über die Arbeit des Kältebus in München. Sowie hier einen ausführlichen Bericht über die steigende Zahl  von Obdachlosen und die Ursachen dafür. Erst in der vergangenen Woche rettete die Münchner Polizei einen Obdachlosen vor dem Erfrieren.

Sehen Sie hier: Video vom Kälteschutzraum für Obdachlose

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