Lerchenberg: Der Fluch des Bruder Barnabas

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Drei Jahre las Bruder Barnabas den Politikern die Leviten. Im Frühjahr kam für Lerchenberg das Aus.

München - Er war ein umschwärmter Star und 26 Jahre eine Institution auf dem Nockherberg: Doch seit er als Bruder Barnabas wegen seines KZ-Vergleichs den Hut genommen hat, ist es ruhig geworden um Michael Lerchenberg:

Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn man so abgestraft wird!“ Für Michael Lerchenberg (57), der auf dem Nockherberg in seiner Fastenpredigt als Bruder Barnabas einen unglücklichen Vergleich zog zwischen Hartz-IV-Beziehern und KZ-Insassen, hat sich von Stund an das Leben verändert. Aus dem umschwärmten Star-Schauspieler (Der Bulle von Tölz), viel fotografiert, um Autogramme gebeten, auf Schritt und Tritt angesprochen, war Knall auf Fall „einer aus der Seuchenabteilung geworden, um den man einen Bogen macht“, wie er sarkastisch sagt. „Plötzlich wird man mit spitzen Fingern angefasst. Vorher konnte man sich vor all dem Schulterklopfen nicht retten. So ist unsere Zeit. Fußballtrainern geht’s genauso!“

Die Landtagspräsidentin lud ihn nicht mehr zum Staatsempfang ein, der BR schnitt Stellen aus seiner Predigt raus und zeigte den Kopf von Lerchenberg nicht einmal mehr in einer Sendung über Wunsiedel. Dort wo Lerchenberg seit Jahren, und 2010 so erfolgreich wie nie, Intendant der Luisenburg-Festspiele ist.

Das Beste aus der Predigt von Bruder Barnabas

Das Beste aus der Predigt von Bruder Barnabas

Lerchenberg hat sich inzwischen viele Gedanken gemacht über den Eklat, der zum Rücktritt führte. Geredet hat er über den Fluch des Barnabas nie. Heute tut er es.

Herr Lerchenberg, wie war es genau beim Nockherberg 2010?

Michael Lerchenberg: Da muss ich etwas weiter ausholen. Ich hatte viel Gegenwind, als ich vom Stoiber-Darsteller, der ich 23 Jahre war, zum Bruder Barnabas gewechselt bin. Es hieß: „Der kennt den Stoiber viel zu gut und wird eine weichgespülte Predigt halten!“ Von dieser Hypothek mussten mein Co-Autor Christian Springer und ich uns erst mal lösen. Wir haben eine härtere Gangart eingeschlagen, auch etwas Neues versucht.

Der härteste Fastenprediger aller Zeiten also?

Lerchenberg: Sie müssen bedenken, so wie vor 20 Jahren der Hannes Burger die Texte geschrieben hat, geht es nicht mehr. Damals war die CSU immer bei 50+x. Kein Mensch konnte voraussehen, dass das mal ins Rutschen kommt. Aber es ist so: Die großen Volksparteien, auch die SPD, verlieren an Gewicht. Das bringt eine große Irritation mit sich. Jetzt ist die Informationsgesellschaft da, der mündige Bürger, der mitredet, demonstriert. Damit tun sich die Politiker schwer. Und dieser Nockherberg ist ja was ganz Spezielles, womit sich kein anderer Kabarettist – und ich bin ja gar keiner – auseinandersetzen muss. Hildebrandt in der Lach&Schieß, Richling im Fernsehen: Die spielen ja alle für ein Publikum, das mehr oder weniger schon ihrer Meinung ist. Auf der Nockherberg-Kanzel hast du die Leute, die du angreifst, leibhaftig vor dir.

Im Angesicht des „Feindes“ sozusagen ...

Lerchenberg: Wenn du merkst, dass die Stimmung umschlägt, dass sich eine Front aufbaut – Zwischenrufe von Ramsauer! – dann setzt du noch eins drauf. Dann willst du sie kriegen. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt unter der Gummiglatze. Das Wasser rann mir nur so herunter. Es war die härteste Stunde meines Lebens, 90 Minuten Fußball mit Verlängerung! Das ist ein Teufelsjob in dieser Kanzel.

Was passierte nach dem Auftritt?

Lerchenberg: Am Morgen danach bin ich zu meiner Frau nach Braunschweig gefahren und habe dann in den ersten Tagen gar nicht so viel mitgekriegt. Mir war aber sofort klar: Jetzt sind die Dämme gebrochen! Das wird nicht enden, bis der Paulaner sturmreif geschossen ist. Also bin ich zurückgetreten, was sich übrigens in gutem Einvernehmen mit der Brauerei, das bis heute besteht, vollzogen hat.

Wie waren die Reaktionen aus Ihrem Umfeld?

Lerchenberg: Aus der Bevölkerung habe ich stapelweise Briefe bekommen, zumeist zustimmende. Manche haben jeden Halbsatz analysiert. Das Benediktiner-Gymnasium in St. Gallen forderte die Rede an, um sie im Unterricht als Satire-Beispiel durchzunehmen. Es gab 90 Prozent Zustimmung von außen und dann das kleine betroffene Saalpublikum – da war der Spagat einfach zu groß.

Das Nockherberg-Singspiel: Seine Stars und ihre Doubles

Das Singspiel: Seine Stars und ihre Doubles

Dennoch: Mir als Zuhörerin schien manchmal die Textsorte der Satire nicht perfekt getroffen. Sie haben manchmal Ihre sehr berechtigte reine Wut herausgeschleudert, aber der Sache nicht immer die satirische Pointe geliefert. Fehlte da ein künstlerischer Arbeitsgang?

Lerchenberg: Ja, da mögen Sie recht haben. Im Nachhinein sage ich: Wir, Christian Springer und ich, waren uns zu ähnlich. Und gerade deshalb konnte einer nicht das Korrektiv des anderen sein. Uns hat ein Dramaturg gefehlt.

Gab es vorher keine Abnahme?

Lerchenberg: Doch, vor acht Leuten, von der Brauerei und vom BR. Aber jetzt will’s keiner mehr gewesen sein.

Und wie geht es jetzt für Sie weiter?

Lerchenberg: Ich sehe es als Neuanfang. Nach 26 Jahren bin ich von diesem Nockherberg herunter. Ich war da ja so was wie ein – verzeihen Sie den neumodischen Ausdruck – Anchorman. Ich gehe da nächstes Jahr gern hin und schaue zu. Einmal nicht da droben stehen! Und dann: Plötzlich habe ich im Frühjahr Zeit für andere Angebote. Im Moment liege ich zusammen mit meinem Co-Autor Wolfgang Görl aber noch in den letzten Zügen zu meinem Buch Donner und Blitz am Nockherberg – meine Starkbier-Biografie. Damit ist das Kapitel dann endgültig abgeschlossen.

Beate Kayser

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