Sozialprogramm für Menschen auf der Straße

So hilft die Stadt Obdachlosen im Winter

+
Sehr dankbar ist Mihai B. aus Rumänien. Für ihn sind die Betten in der Bayernkaserne die einzige Option, nachts einen warmen und sicheren Schlafplatz zu haben. 

Kälte, Regen, Schnee: Für Obdachlose ist der Winter eine harte Zeit. Die Stadt gewährt ihnen besonderen Schutz in der Bayernkaserne. Ein Ort, an dem sich Schicksale begegnen.

Anton Auer erinnert sich gut an den Februar 2011. „Wir hatten bis zu minus 20 Grad – das war eine Katastrophe.“ Für alle, die kein Dach über dem Kopf hatten, ging es ums Überleben. Suppenküchen und andere Räume wurden geöffnet. Die Streetworker holten die Menschen von der Straße. Dass keiner sterben musste, ist diesen Helfern zu verdanken. Ein Jahr später hat der Kälteschutz für Obdachlose in der Bayernkaserne geöffnet. 2019 wurde das Programm, das Auer für das Evangelische Hilfswerk leitet, auf Ganzjahresbetrieb erweitert. Jetzt im Winter übernachten hier täglich 450 Männer, Frauen und Familien in getrennten Bereichen. Platz wäre für 850 Menschen. Jeder, der ab 17 Uhr kommt, ist willkommen.

So wie Mihai B., der in einer ausgebeulten Jogginghose, mit einem zu großen Pullover und alten Schuhen auf seinem Bett im Obdachlosen-Asyl sitzt. Das Zimmer muss er sich mit fünf Männern teilen. Eisenbetten mit abwischbaren Matratzen, für jeden einen Spind – mehr gibt es nicht. Dem 49-Jährigen reicht das völlig. „Ich bin zufrieden“, sagt der Rumäne. „Und dankbar, dass es so ein Haus gibt.“ Worte, die Sozialarbeiterin Adriana Mihaita, die gute Seele im Kälteschutz, für ihn übersetzt. So ist es einfacher für den Mann, der daheim im Osten eine Tochter und ein Enkelkind hat. Doch sein Leben dort ist zu Ende.

„Es gab Schwierigkeiten“, fasst er sich kurz. Deshalb hat er die Heimat verlassen. Seit zwei Jahren versucht er in München als Maler sein Glück. Was er braucht? „Ich möchte einfach nur arbeiten“, sagt er. Die Arbeit bringe ihm das Geld, mit dem sich in seinem Leben vielleicht doch noch etwas ändert. Solange wird er wohl im Asyl bleiben.

Nur ganz kurz wollte Christof Wassermann in der Einrichtung Schutz suchen. „Inzwischen komme ich seit neun Wochen hierher.“ Dabei wäre der 52-Jährige als Deutscher berechtigt, eine Bleibe zu bekommen. Aber: Wassermann ist nicht allein. Hündin Susi ist bei ihm, deshalb sei er nicht vermittelbar, erklärt er. Und fügt an: „Ich gebe Susi trotzdem nicht weg. Sie ist mein Herz.“ Die Hündin tut sich auf der Straße deutlich schwerer als er. „Sie bewacht unseren Rucksack. Mehr ist mir nicht geblieben.“ Eigentlich hat Wassermann mal einen Pflegeberuf gelernt. Die meiste Zeit war er aber als Erntehelfer im Einsatz: Die Arbeit in der Landwirtschaft oder mit Tieren liegt ihm einfach mehr. Bei seinen Anstellungen hatte er immer auch eine Bleibe. Dazwischen kam er bei einer Freundin unter. Was letztlich alles kaputtgemacht hat: der Alkohol. Mehrfach war Wassermann schon im Entzug. „Ich habe es aber nie geschafft.“ Hinzu kam Ärger mit der Polizei. Wie es für ihn und Susi nun weitergeht? „Ich weiß es nicht“, lautet seine traurige Wahrheit.

Wegen seiner Sucht sind die Stunden im Kälteschutz, der morgens um 9 Uhr schließt, nicht leicht für ihn. Dort gelten strenge Regeln: Alkohol, Drogen, Waffen und gefährliche Gegenstände sind tabu. „Unsere Mitarbeiter schauen sich die Taschen genau an“, sagt Chef Auer. Das Besondere: Die meisten, die hier arbeiten, stammen selbst aus einem anderen Land und sprechen die Sprachen der Klienten. Unter denen sind Migranten und Bettler aus Rumänien. Es kommen aber auch Deutsche. Typische Obdachlose suchen genauso Schutz wie junge Menschen, ältere Paare oder Männer Mitte 40, deren Leben in Schieflage geraten ist. Pro Winter kommen rund 3000 Menschen in das Asyl. Die meisten sind nicht das erste Mal da. Sie wissen, dass sie sich in der Beratungsstelle „Schiller 25“ einen Einweisungsschein holen müssen, der für sieben Nächte gilt, aber beliebig oft erweitert werden kann.

Mit ihrem Kälte- und Übernachtungsschutz ist die Stadt Vorreiter in Deutschland. Sie zahlt rund 3,5 Millionen Euro an das Hilfswerk. Zu den weiteren Hilfsangeboten für Wohnungslose, die die Stadt freiwillig bezuschusst, gehören „FamAra“ (Rosenheimer Str. 125), ein Tagesaufenthalt für obdachlose Familien mit Kindern, der Tagesaufenthalt „otto & rosi“ (Rosenheimer Str. 128d), die Teestube „komm“ (Zenettistraße 32), das Haneberghaus St. Bonifaz (Karlstraße 34), die Bahnhofsmission am Hauptbahnhof (Gleis 11) und die Straßenambulanz, die Obdachlose medizinisch versorgt. Seit Januar gibt es auch einen Wärmebus, der seine Runden dreht.

Auch interessant

Meistgelesen

Wiesn-Wirt völlig fassungslos - „Mussten 36.000 Liter Bier vernichten“
Wiesn-Wirt völlig fassungslos - „Mussten 36.000 Liter Bier vernichten“
Wetter in München: DWD gibt neue Warnung aus - und die nächste Wende steht schon bevor
Wetter in München: DWD gibt neue Warnung aus - und die nächste Wende steht schon bevor
Opfer der Corona-Pandemie: Münchner Kult-Hotel macht dicht - „Wir schaffen es leider nicht“
Opfer der Corona-Pandemie: Münchner Kult-Hotel macht dicht - „Wir schaffen es leider nicht“
Corona in München: Mehr als doppelt so viele Neu-Infektionen wie am Vortag - dennoch Trend-Wende?
Corona in München: Mehr als doppelt so viele Neu-Infektionen wie am Vortag - dennoch Trend-Wende?

Kommentare