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Die Lichtgestalt der Münchner Freiheit

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Ein faszinierend helles Stück „Münchner Freiheit“: Ingo Maurer hat der U-Bahnstation mit seiner Farb- und Lichtgestaltung und den Deckenspiegeln Leben eingehaucht. © Schlaf

München - Denkt man an Schwabing, denkt man an das alte Künstlerviertel, das Eck der Stadt, wo Geist und Freigeist und Freiheit zuhause waren. Viel ist von dieser ganz eigenen Münchner Freiheit ja nicht geblieben.

Längst gibt es „trendigere“ Viertel. Aber die ganz handfeste Münchner Freiheit – nämlich die U-Bahnstation, die atmet tatsächlich wieder ein Stück Vergangenheit. Weil hier ein Stückerl Revolution für jeden sichtbar ist. Und, wie immer bei ungewöhnlich Neuem, scheiden sich auch hier die Geister. Doch die Mehrheit der Münchner, das kann man in der U-Bahn belauschen: Die meisten Münchner lieben ihr brandneues Stück Freiheit.

Zu verdanken haben sie diesen herrlichen Platz unter der Erde dem Münchner Lichtpapst Ingo Maurer. Der 1932 auf der Insel Reichenau (im Bodensee) geborene Industriedesigner hat sich auf Lichtinstallationen spezialisiert und ist für diejenigen Münchner, die im Untergrund verkehren (natürlich per U-Bahn), kein Unbekannter: Von ihm stammen auch die wunderschönen Licht­objekte für die U-Bahnstation Westfriedhof, die seit elf Jahren hier hängen. Was wollte Maurer mit der neuen Münchner Freiheit erreichen? „Ich entwickelte eine Reaktion auf das, was vorher war: absolute Tristesse“, sagt der Künstler. Also das genaue Gegenteil von dem, was man seit 1971 im alten Künstlerherzen der Stadt vorfand: graue Grundstimmung.

Bilder von der Münchner Freiheit

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„Beim Westfriedhof wollte ich, dass sich die Besucher durch mein Lichtkonzept beschützt fühlen. Hier, an der Münchner Freiheit, sollen sie angetörnt werden“, beschreibt Maurer sein Ziel. Hat er erreicht, und das mit schöner Steigerung: Fährt man nämlich übers Zwischengeschoss abwärts, wird man behutsam vorbereitet auf den Farb- und Spiegelrausch: Denn oben wird erst einmal mit dezenteren Farben operiert, die verspiegelte Decke allerdings weist schon auf die Station voraus. Und da wirkt der Raum mächtig höher als früher – die insgesamt 3200 Spiegel-Elemente machen’s möglich, die per 204 Lichtkassetten so richtig zum Strahlen gebracht werden.

Die Leuchten sind Maurer übrigens ein kleiner Dorn im Auge – er musste Neonröhren verwenden, was ihn sehr eingeschränkt hat. Er hätte den Bahnhof noch deutlich kräftiger und provokativer ausgeleuchtet – auch, was die Intensität der Farbe Gelb betrifft, in der die Seitenwände erstrahlen. Blau und Gelb, die Komplementärfarben also – wer denkt bei diesen Farben nicht an einen schwedischen Möbelriesen? Pa­rallelen gibt’s allerdings nur eine: Entdecke die Möglichkeiten. Als eine „moderne Kathedrale“ bezeichnet Maurer den Bahnhof. Die ist zwar reichlich niedrig ausgefallen (Spiegel hin oder her), aber der Ort wirkt tatsächlich mythisch, hat etwas Weihevolles. Nicht nur, weil bei jeder der täglich 700-mal einfahrenden U-Bahnen etliche Passagiere auf dem Bahnsteig den Blick nach oben wenden, um Bahn und Fahrgäste auf dem Kopf zu sehen.

Andere U-Bahnhöfe in München

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Der schönste Fleck des neuen Stücks vom mobilen Glück ist für uns allerdings der Abschnitt, wo die Kathedrale zur Krypta wird – um im Bild zu bleiben: nämlich der niedrige Abschnitt unterm Zwischengeschoss. Hier, im Dunkeln, sind keine Spiegel an der Decke, und das tiefe Blau wirkt doppelt schön. Tipp: einfach mal eine U-Bahn sausen lassen und diesen Abschnitt näher anschauen. Fazit: Das 38 Jahre alte Gemäuer erstrahlt nach rund 20-monatiger Umbau­pause in gänzlich neuem Glanz. Transparenz, Offenheit, Freundlichkeit – so, wie sich München gerne gibt, sieht’s im Untergrund aus. Zumindest im tiefen Herzen Schwabings.

Matthias Bieber

Viergleisige Station mit Tradition

Der Name des Knotenpunkts von Schwabing heißt erst seit 62 Jahren Münchener Freiheit – zuvor wurde er Fei­litzsch­platz genannt, seit 1933 auch Danziger Freiheit. Wie kam’s zu dem Namen Münchener (Münchner) Freiheit? Er ist eine Erinnerung an die Widerstandsgruppe Freiheitsaktion Bayern, die im 1945 zur Kapitulation vor den US-amerikanischen Truppen und zum bewaffneten Aufstand gegen die verbliebenen NS-Einheiten aufrief. Die U-Bahnstation Münchner Freiheit ist eine der wenigen viergleisigen der Stadt und zählt zu den ersten, die am 19. Oktober 1971 eröffnet wurden. Das erste Stück Münchner Mobilität im Untergrund – die U6, – reichte vom Kieferngarten bis zum Goetheplatz und war 12,0 km lang. Derzeit umfasst das Gesamtnetz rund 100 km und 98 Bahnhöfe. Die Modernisierung von Technik und Neugestaltung der Station Münchner Freiheit kostete 20 Millionen Euro.

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