Schwerer Unfall nach P1-Party

Loch im Schädel: Doch Nici kämpft sich zurück

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Ein selbständiges Leben (wie früher auf dem Foto, das sie zeigt) kann Nici nicht mehr führen. Beim Gehen wird sie von ihrer Mutter (r.) gestützt

München - Ein lustiger Party-Abend hat für die Studentin Nici mit einem schweren Unfall und einem Loch im Schädel geendet. Erst am Mittwoch, fünf Jahre später, siegt für sie die Gerechtigkeit. 

Es war am 28. Januar 2008 nach einem lustigen Abend in der Nobeldisco P1. Die Studentinnen Nici und Alexandra, damals beide 24, setzten sich in ein Taxi. Sie wollten nach Schwabing, um dort bei einer Freundin zu übernachten. Doch dort kamen sie nie an. An der Kreuzung Schelling- und Arcisstraße fuhr der Taxifahrer bei Rot über die Ampel. Ein Bus rammte das Taxi daraufhin hinten links, genau dort, wo Nici saß. Ihr Schädel wurde zertrümmert, wichtige Teile ihres Gehirns schwer beschädigt. Außerdem brachen zahlreiche Rippen, die Milz riss, ein Lungenflügel fiel zusammen – die Diagnose umfasst fünf dicht bedruckte Seite.

Der Taxifahrer kam bei dem Unfall mit leichten Verletzungen davon, ebenso Nicis Freundin. Am Mittwoch, fast fünf Jahre nach dem Unfall, hat das Landgericht München den 42-Jähren wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 30 Euro verurteilt. Für Nici und ihre Eltern ist das eine große Erleichterung. „Endlich weiß ich, wer schuld ist“, sagt die heute 28-Jährige. Sie wird ihr Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen sein, und das kostet viel Geld.

Geld, das Versicherungen zahlen müssen – mit dem Schuldspruch hat Nici nun eine bessere Position. Obwohl es nicht sie selbst ist, die verhandelt. Das kann sie nicht mehr, deshalb macht es ihr Vater Rainer. Der sorgt sich sehr um seine sensible Tochter, ehemals eine erfolgreiche Studentin internationaler Betriebswirtschaftslehre. Heute hat Nicole große Probleme mit ihrem Gedächtnis. Bei dem Unfall wurden Teile ihres Frontalhirns schwer beschädigt, dort sitzen das Gedächtnis und das planerische Denken. „Es ist mir ein bisserl peinlich, aber ich kann mich schon mittags nicht mehr erinnern, was ich zum Frühstück gegessen habe“, sagt sie am Montag im Gericht. Und lächelt schüchtern.

Durch den Unfall hat Nici ihre geistige und körperliche Selbstständigkeit verloren. Auch ihr Selbstbewusstsein ist weg. „Zwar fehlt die Erinnerung, aber der Schock steckt im Körper.“ Seit vier Jahren besteht Nicis Alltag aus Traumatherapie und Reha-Maßnahmen. Weil Gehirnblutungen eine schwere Spastik im rechten Bein gelöst haben, sitzt sie im Rollstuhl. Nur mit Stock und menschlicher Stütze kann sie gehen. Mit Physiotherapie kämpft sie darum, einen Schritt ohne Hilfe machen zu können.

Sechs Monate lang lag Nici im Wachkoma. Ihre Mutter Christa P. (58) saß an ihrem Bett. Hoffte, munterte auf, redete. Reaktion gab es keine. Aber immerhin Lichtblicke. Wenn die Sonne Nici blendete, verzog sie ihr hübsches Gesicht. Wenn Freundinnen kamen und Witze rissen, lächelte sie ab und an. Aber keiner wusste, ob sie je wieder aufwachen würde. Als sie dann am 21. Juli 2008 endlich ihre Augen wieder aufschlug, schrieb ihre Schwester daheim in Tegernsee an die Wand: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist!“

In 8-Stunden-OP künstliche Stirn modelliert

Eine tiefe Höhlung grub sich über den Augen von Nicola P. (28) in den Schädel. Ihre Stirn war zertrümmert, das Gehirn lag fast schutzlos unter ihrer Haut. In einer achtstündigen Operation schufen ihr Chirurgen eine neue Stirn. Möglich war das dank moderner Medizintechnik und, weil zwei meisterhafte Mediziner zusammenarbeiteten: der plastische Chirurg Professor Riccardo Giunta, Chefarzt für Handchirurgie, Plastische Chirurgie und Ästhetische Chirurgie am Klinikum der Ludwigs-Maximilians-Universität – und Professor Jörg Christian Tonn, Leiter der Klinik für Neurochirurgie an der Uniklinik Großhadern.

Ihre Ausgangslage war sehr schwierig. Denn nach dem Unfall hatte man Nici in einem anderen Krankenhaus schnell operiert. Es kam zu schweren Kompikationen. Keime drangen in den Schädel ein, man musste Nicis Stirnknochen herausnehmen. Was blieb, war eine große, entstellende Höhlung. Hirnhaut und Stirnhaut verwuchsen teilweise miteinander. An den Knochenrändern wurde die Haut porös und dünn, sie drohte zu reißen.

Mit einer 3-D-Kamera nahmen die Experten an der Uniklinik Großhadern das Gesicht der jungen Frau auf und sahen so, wie groß die Höhlung ist. Sie bilden ihre fehlende Stirn aus weichem Kunststoff nach und setzen das Transplantat ein. Aber weil die Stirnhaut über dem Kunststoff nicht durchblutet gewesen wäre, wäre sie abgestorben. Um das zu verhindern, legte Professor Giunta gut durchblutetes Gewebe darunter, und zwar einen Muskel, den er Nici aus dem Oberschenkel entnahm. Dann verband er die Blutgefäße des Muskels mikrochirurgisch mit denen der Schläfe, damit sie mit Blut versorgt werden.

Ein halbes Jahr nach der Operation machte sich der plastische Chrirurg an die Feinkorrekturen. Um die letzte Delle auszugleichen, entnahm er Nici Bauchfett und spritzte es in die Stirn. „Eigenfett als Füllstoff ist gut verträglich und sogar heilungsanregend, da es Stammzellen enthält“, erklärt Giunta.

Susanne Sasse

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