S-Bahn geht Personal aus - Sie gehen zurück in die Heimat

München - Nicht mit Weichenstörungen oder dem schlechten Wetter hat die S-Bahn derzeit zu kämpfen. Jetzt gibt es ein ganz anderes Problem: Der Bahn gehen die Lokführer aus.

S2, S3, S8: Überall Ausfälle bei den Verstärkerzügen. Mittwochfrüh, als dort 16 Fahrten ausfallen mussten, war der Grund nicht ein Oberleitungsschaden oder eine Stellwerksstörung. Bei der Münchner S-Bahn gibt es schlichtweg zu wenig Fahrer! Und wenn dann akute Ausfälle wegen Krankheit und Mitarbeiter dazukommen, die nach einem Suizid-Fall eine Auszeit nehmen müssen, müssen die Züge im Betriebshof bleiben. „Wir können das leider in den nächsten Wochen auch nicht ausschließen“, bedauert Bernd Honerkamp von der Deutschen Bahn.

550 Lokführer hat die S-Bahn derzeit. „Aber in den vergangenen zwei Jahren sind etwa 40 Fahrer wieder abgewandert.“ Das ist jeder 13. Fahrer! Der Bahn-Sprecher Bayern erklärt, dass im Zuge des Strecken-Ausbaus in den 1990er-Jahren viele Lokführer aus ganz Deutschland nach München gekommen waren. „Jetzt, da der Güterverkehr und auch andere deutsche Städte wegen des Konjunkturaufschwungs ebenfalls Lokführer suchen, wandern diese wieder in ihre alte Heimat ab.“

Der tägliche Stress und vor allem die hohen Lebenshaltungskosten hier in der Landeshauptstadt sind da wohl ausschlaggebende Gründe.

Das traurige Thema Suizid(versuche): Leider betrifft das die Fahrer immer öfter (siehe unten). Vergangenes Jahr gab es laut Bahn-Sprecher im S-Bahnbereich 37 Fälle. „Das sind deutlich mehr als früher. Die Fahrer müssen dann mehrere Tage oder Wochen in anderen Bereichen arbeiten und betreut werden.“

Was tut die Bahn gegen den Engpass? Kritiker bemängeln, dass zu spät entgegengesteuert wurde. „Wir setzen aktuell auch Fahrer aus der Verwaltung ein, die eine Lizenz besitzen.“ Im April kämen zudem 15 neue Lokführer in den Dienst, die erstmalig eine 18-monatige Funktionsausbildung (statt der dreijährigen Ausbildung im Betriebsdienst) absolvieren. Bernd Honerkamp hofft, dass der aktuelle Personalmangel schon am Donnerstag keine Probleme mehr bereiten wird. „Und bei möglichen neuen Engpässen werden die Ausfülle nur die Verstärkerzüge im Berufsverkehr betreffen. Der 20 Minuten-Takt ist gesichert“, versichert er.

Nina Bautz

Die große Angst fährt immer mit

Der tote Mann im Autowrack am Bahnübergang – dieses Bild begleitete Helmut Binninger (52) bis in den Schlaf. Der S-Bahn-Lokführer und Ausbildungsleiter musste in seiner 31-jährigen Karriere bereits einen Selbstmörder mit seinem Zug erfassen, ein Unfall mit einem Auto war vielleicht auch Suizid. „Bei diesem Unfall konnte ich fünf Wochen lang keine Lok mehr führen.“

Den Suizid Anfang der 90er- Jahre hat Binninger relativ gut verarbeitet. „Da hatte ich das Glück, dass es mitten in der Nacht war und ich erst Tage später erfuhr, dass der Grund des dumpfen Schlages ein Suizid war.“

Den 25. Dezember 1995 aber, den ersten Weihnachtsfeiertag, kann er nicht vergessen. Das war der Tag, an dem er die Leiche sehen musste, in dessen Auto seine S 1 gerast war. „In den ersten Tagen war ich selbst verwundert, wie gut ich das verkraftete – heute weiß ich, dass ich unter Schock stand.“

Nach fünf Tagen bekam Binninger Schlafstörungen, wachte nachts schweißgebadet auf. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, wieder eine Lok zu führen. Ich wollte nur bei meiner Familie bleiben, die mir Halt gab.“ Die ersten Male nach der Pause fuhr der 52-Jährige mit einem Betriebsarzt. „An der Unglücksstelle fuhr ich immer ganz langsam.“

Rein statistisch überfährt jeder Lokführer im Laufe seines Berufslebens drei Menschen. Binninger berichtet von Kollegen, die nach einem Suizid oft lange Zeit noch beklommen in einen vollen Bahnhof einfahren. „So eine Verarbeitung braucht Zeit. Mittlerweile betreut die Bahn die Fahrer sehr professionell. “

Die große Angst fährt aber immer mit.

nba

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