Münchner Philharmoniker

Trauer um Star-Dirigent Lorin Maazel

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Lorin Maazel ist tot.

München - Lorin Maazel, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, ist tot. Der 84-Jährige starb im US-amerikanischen Virginia nach Komplikationen bei einer Lungenentzündung.

Der Gang zum Pult war ihm schwer gefallen bei seinen letzten Konzerten. Im März war das, im Münchner Gasteig, als er sich mit seinen Philharmonikern drei Werke von Richard Strauss vorgenommen hatte. Und das bei Lorin Maazel, der stets kraftvoll, fast wie ein Preisboxer vors Orchester strebte. Ein Jugendlicher in den Achtzigern – die Bewunderung von Musikern und Publikum war ihm lange Zeit sicher. Doch dann Absagen, Rücktritt vom Münchner Chefposten und am Sonntag die gar nicht so unerwartete Nachricht: Lorin Maazel ist im Alter von 84 Jahren gestorben, im amerikanischen Virginia, an den Folgen einer Lungenentzündung.

Bewunderung, Respekt, das war es, was sich der Amerikaner in einer über 75-jährigen (!) Dirigentenkarriere erworben hatte. Ein brillanter Maestro, gesegnet mit einer Schlagtechnik nahe der Perfektion. Wer unter Maazel spielte, konnte sich in Sicherheit wiegen. Auch in der letzten Phase, als die Bewegungen kleiner, aber nicht unpräziser wurden.

Als Wunderkind wurde er seinerzeit gefeiert: Maazel stand mit neun Jahren erstmals vor einem Orchester. Analyse, Durchdringung der musikalischen Materie, das Erfassen kompliziertester Zusammenhänge, das alles muss bei ihm irgendwo in den Genen verankert gewesen sein. Er selbst wusste das natürlich – und spielte damit.

Der spektakulärste Fall ereignete sich 1978 bei den Münchner Opernfestspielen. Carlos Kleiber, das schwierige Genie, sagte Verdis „Otello“ kurzfristig ab. Maazel konnte als Ersatz gewonnen werden. Doch der Retter stellte eine Bedingung: wenn, dann ohne eine einzige Probe. Die Aufführung wurde ein Triumph. Vor allem wegen dieser einzigartigen Fähigkeiten war Maazel bei den Orchestern beliebt. Nicht unbedingt, weil er ein väterlicher Chef war, ein warmherziger Ermunterer, sondern weil er mit kühler Eleganz viel verlangte, die Musiker über Grenzen hinaus in neue Dimensionen trieb. Seine Chefpositionen umfassten das Who’s Who der Klassikszene. Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Deutsche Oper Berlin, Wiener Staatsoper, Pittsburgh Symphony Orchestra, von 1993 bis 2002 Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, New Yorker Philharmoniker und zuletzt Münchner Philharmoniker. Ein Ensemble freilich blieb ihm verwehrt: Nach dem Tod Herbert von Karajans rechnete Maazel 1989 damit, an die Spitze der Berliner Philharmoniker berufen zu werden. Dass sich diese für Claudio Abbado entschieden, erzürnte den Unterlegenen so sehr, dass er jahrelang das Ensemble boykottierte.

Legendär wurden in Maazels Münchner BR-Zeit seine symphonischen Zyklen. Beethoven, Schubert, Bruckner dominierten die Programme – wobei die einzelnen Werke nicht über eine ganze Saison verteilt, sondern in wenigen Tagen präsentiert wurden. Bei Mahler wuchs sich das aus von der Konzentrations- zur reinen Knochenarbeit. Noch heute sind sich viele BR-Musiker sicher: Gerade durch diese Arbeit am Rande der Überforderung brachte Lorin Maazel das Orchester voran und führte es auf eine neue Ebene der Spieltechnik.

Das Dirigieren allein freilich war Lorin Maazel zu wenig. Als Teenager gab er sein öffentliches Debüt als Violinist, und das Geigenspiel begleitete ihn auch während seiner Dirigentenkarriere. Nicht nur, weil er sich Partituren unter anderem mit diesem Instrument beibrachte, sondern auch, weil er sich – etwa beim Wiener Neujahrskonzert – als Solist betätigte. Darüber hinaus komponierte Maazel und sah sich dabei in der (Klang-)Tradition seines Kollegen Wilhelm Furtwängler.

Spätromantische Partituren entstanden, die vor allem von der Erfahrung eines Mannes geprägt waren, der traumwandlerisch sicher an den Reglern und Schalthebeln des Orchesters fummeln konnte. Die PR-trächtigste Uraufführung ereignete sich 2005 in London, Maazel hatte sich die Rechte für Orwells Roman „1984“ gesichert und eine gleichnamige Oper herausgebracht. Dass ausgerechnet er, der sich unter nicht ganz aufgearbeiteten Gründen vom Bayerischen Rundfunk trennte, dass dieser selbstbewusste und höchstbezahlte Maestro nach München zurückkehrte, war eine Sensation. Doch Lorin Maazel, der auch dank seiner dritten Frau, der Schauspielerin Dietlinde Turban, eine große Affinität zur Stadt an der Isar entwickelt hatte, ließ sich gern bitten – und wurde Nachfolger von Christian Thielemann am Pult der Philharmoniker. Eine dreijährige Interims-Amtszeit sollte es werden, bis das Orchester einen anderen gefunden hatte. Nicht einmal zwei volle Spielzeiten waren ihm vergönnt.

Stardirigent Lorin Maazel.

Nicht leicht fällt es, Lorin Maazel in die Interpretationsgeschichte einzuordnen. Je aufwendiger, komplexer die Orchesterbesetzungen waren, je mehr seine entwaffnende Lotsenarbeit gefragt war, desto besser dirigierte er. Bach, Mozart, Haydn, das waren Handgelenksübungen. Aber bei den Großkalibern, ob in der Oper oder im Falle von Mahler oder Bruckner, da entwickelte Maazel gesteigertes Interesse, da wuchs er über sich hinaus. Legendäre Abende ereigneten sich dann auch im Münchner Gasteig. Zum Beispiel bei Verdis Messa da Requiem mit den Philharmonikern, 1985 in den Eröffnungswochen des Kulturzentrums und mit Solisten wie Julia Varady und Agnes Baltsa: ein nie wieder erreichtes Nonplusultura. Später Ähnliches bei Beethovens Missa Solemnis oder mit Mahlers Achter beim BR-Symphonieorchester.

Seine Brillanz stand Lorin Maazel auch etwas im Wege. Es gab Abende, da ließ er sich auf sein Handwerk zurückfallen. Nie freilich unterschritt dieser Dirigent eine bestimmte Leistungsmarke. Dort, wo andere kämpfen mussten, fing es für den Amerikaner, der 1930 im Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine geboren wurde, erst richtig an. Im persönlichen Gespräch konnte man einen anderen Lorin Maazel kennenlernen. Er, der am Pult oft missmutig wirkte, gab sich zurückhaltend, höflich, formvollendet. Ein leiser Denker. Und ein hintergründiger Humorist, der sich gern als „Herr Turban“ vorstellte.

Dass viele immer wieder Fragen nach seinem Alter stellten, amüsierte Maazel. Gern verwies er dabei auf seinen Vater, der 106 Jahre alt wurde. München, so Maazel, dürfe also noch einiges von ihm erwarten. Doch im vergangenen Dreivierteljahr ging es ihm sichtbar schlechter. Und Lorin Maazel, das war typisch für ihn, war der Letzte, der sich das ganz eingestehen wollte. Am Ende ging es nicht mehr – Absagen aus gesundheitlichen Gründen, das kannte man von ihm nicht. Ende Juni konnte er, schwer gezeichnet, noch sein Festival im US-amerikanischen Castleton eröffnen. Und was er über die Arbeit mit den jungen Musikern sagte, dürfte eine Art Lebensmotto gewesen sein: „Es war mehr als eine Arbeit der Liebe, es war eine Arbeit der Freude."

Markus Thiel

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