24-Jähriger gefangen im Sperrengeschoss

Aufzug kaputt: Bahn-Leute lassen Rollstuhlfahrer stehen

+
Gianluca Altavilla am Hauptbahnhof.

München - Gianluca Altavilla (24) stand am vergangenen Mittwoch rund eine Stunde lang im Sperrengeschoss am Hauptbahnhof. Der Aufzug war kaputt.

Hilflos. Verlassen. Idiotisch. So fühlte sich – nach eigenen Worten – Gianluca Altavilla (24) am vergangenen Mittwoch in der Früh: „Niemand hat mir geholfen.“ Der Rollstuhlfahrer stand rund eine Stunde lang im Sperrengeschoss am Hauptbahnhof.

Wie jeden Morgen fuhr Gian­luca mit der S-Bahn zu seinem Praktikum. Es ist sieben Uhr, er freut sich schon auf seinen Arbeitstag bei der Pfennigparade. Am Hauptbahnhof muss er in die U2 umsteigen. Alles kein Problem. Aber leider ist er derzeit auf einen Rollstuhl angewiesen. Denn der Münchner leidet an einer Muskelschwäche. Weil sein Fuß angeschwollen ist, passt er nicht in seine orthopädischen Hilfen, die es ihm ermöglichen, zu Fuß zu gehen. Seine einzige Möglichkeit, sich fortzubewegen, ist deshalb der Rollstuhl. Eigentlich keine unlösbare Aufgabe – schließlich gibt es ja Aufzüge. Also wenn sie funktionieren … Aber: Am Mittwoch stand der entscheidende Lift zum Bahnsteig der U2 Richtung Feldmoching still.

„Ich bin zur Bundespolizei, damit sie mir bei der Rolltreppe helfen“, sagt Gianluca. Diese riefen Mitarbeiter der Deutschen Bahn. „Sie halfen mir dann auch und fuhren mich mit dem Lastenaufzug ins Sperrengeschoss“, sagt er. Das Problem: Damit war er immer noch nicht an der U-Bahn. „Sie ließen mich stehen und sagten: Ab hier ist die MVG verantwortlich“, so ­Gianluca. Er kommt nicht vom Sperrengeschoss nach unten, sucht nach Mitarbeitern der MVG oder nach einer Notrufsäule – vergeblich. Verzweifelt ruft er seinen Chef an, der ihm freigibt. „Ich habe mich in dem Moment einfach hilflos und ­idiotisch gefühlt. Es half mir auch kein Passant“, sagt er. Die Bahn bedauert den Vorfall. Auf Anfrage der tz teilte ein Sprecher mit, dass die Mitarbeiter nichts von dem kaputten Aufzug in der U-Bahn wussten und dachten, Gianluca könne ohne Probleme zur ­U-Bahn gelangen. Außerdem seien sie gerade in diesem Augenblick zu einem Notfall gerufen worden. Der Bahnsprecher sagt: „Auch wenn es in der Tat nicht ihr Aufgabenbereich ist, so bin ich überzeugt, dass unsere Mitarbeiter keinen Reisenden einfach stehen lassen.“ Also: Wenn sie gewusst hätten, dass Gian­luca nicht weiterkommen würde, hätten sie ihn nicht alleingelassen.

Und Gianluca? Der fuhr schließlich wieder heim, mit der S-Bahn – da funktionierte der Aufzug ja. Tags darauf, am Donnerstag, waren die Aufzüge übrigens immer noch kaputt.

Florian Fussek

Auch interessant

Meistgelesen

Berufung zurückgezogen: Todesfahrer muss in Haft
Berufung zurückgezogen: Todesfahrer muss in Haft
Video: Das ergaben die Ermittlungen zum OEZ-Amoklauf
Video: Das ergaben die Ermittlungen zum OEZ-Amoklauf

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare