Putztrupp findet Leiche

Baby tot auf Zug-Toilette: Kripo fahndet nach Mutter

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Mord in der Zugtoilette: Auf Abstellgleis 54 stand am Dienstagmittag der Railjet, in dem das tote Baby gefunden wurde. Ermittler verladen den Zug-Müll.

München - Was ist an Bord des Zuges, in dem ein totes Baby gefunden wurde, auf der rund 650 Kilometer langen Reise zwischen Ungarn und Bayern geschehen? Die Kripo fahndet nun nach der Mutter.

Mit 23 Minuten Verspätung fuhr der Railjet 68 aus Budapest am Montag um 22.55 Uhr auf Gleis 11 in den Münchner Hauptbahnhof ein. Kurz darauf wurde der Vorzeigezug der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) aufs Abstellgleis 54 zwischen Donnersberger- und Hackerbrücke gefahren. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, welch grauenhafte Fracht dieser Zug an Bord hatte. Um 4.15 Uhr schlug das Reinigungspersonal Alarm: In einer Zugtoilette lag ein totes Neugeborenes – ein kleiner Bub, der gesund zur Welt kam. Die Obduktion ergab: Das Baby wurde gleich nach der Geburt im Zug umgebracht – und von der Mutter fehlt jede Spur. Die Mordkommission ermittelt.

Was ist an Bord dieses Zuges auf der rund 650 Kilometer langen und acht Stunden währenden Reise zwischen Ungarn und Bayern geschehen? Wo stieg die hochschwangere Frau ein und wo verließ sie den Zug? Wie ist es möglich, ein Kind auf einer engen Zugtoilette zu gebären, ohne dass Schaffner oder Reisende etwas davon mitbekommen? War sie allein oder in Begleitung? Und in welch trostloser Situation muss diese Frau leben, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sah?

Viele Fragen, auf die es zumindest derzeit noch keine Antworten gibt. Um 15.10 Uhr war der täglich verkehrende Railjet 68 am Montag planmäßig in Budapest-Keleti gestartet. Er fuhr über Wien-West, St. Pölten und Linz quer durch Österreich und passierte gegen 21 Uhr die deutsch-österreichische Landesgrenze hinter Salzburg. Vor der Endstation Hauptbahnhof München hielt der Zug gegen 22 Uhr nur noch in Rosenheim.

Wo und in welchem Zustand das tote Kind in der Zugtoilette gefunden wurde und auch welche Weise es ermordet wurde, gab die Mordkommission gestern nicht preis. Ein Suchhund der Polizei verfolgte die Spur der unbekannten Mutter vom Speisewagen bis zu der Toilette. Der Müll im Zug wird durchsucht, das Zugpersonal vernommen und alle verfügbaren Videoaufnahmen werden gesichtet. In den Railjets selbst gibt es nach Angaben eines ÖBB-Sprechers keine Videoüberwachung.

Unter der Rufnummer 089/2910-0 bittet die Münchner Mordkomission um Hinweise von Reisenden, die in dem Zug saßen oder eine auffällige Beobachtung an einem der Bahnhöfe gemacht haben.

Dorita Plange, Jacob Mell

War es Mord aus Verzweiflung?

Was geht in einer Mutter vor, die ihr Neugeborenes tötet?

Dr. Stephan Lermer, Psychologe:  Eine solche Tat hinterlässt immer ein Fragezeichen. Der Grund könnte sein, dass die Frau nicht intelligent genug ist, um die Folgen ihres Handelns abzuschätzen. Oder sie leidet an einer psychischen Erkrankung.

Welche Erkrankung wäre das?

Lermer: Zum Beispiel eine Neurose. In diesem Fall könnte eine Frau die Schwangerschaft verdrängen und sich denken: „Wenn es so weit ist, schauen wir weiter.“ Und wenn es dann so weit ist, geschieht der Mord aus Verzweiflung. Auch eine Psychose wäre denkbar, bei der die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen.

Warum geben Betroffene ihr Kind nicht zur Adoption frei oder legen es in eine Babyklappe?

Lermer: Sie spielen diese Varianten nicht durch, weil sie keine Informationen haben oder die Situation verdrängen.

Wie kann es sein, dass eine Frau ein Kind zur Welt bringt und tötet, ohne dass jemand davon erfährt?

Lermer: Mütter, die ein Baby töten, leben häufig völlig isoliert. Denn in einer Familie steht eine Schwangere im Mittelpunkt und könnte von vielen Seiten Unterstützung bekommen.

Wie geht es einer Frau, nachdem sie ihr Kind umgebracht hat?

Lermer: Sie könnte jetzt selbst suizidgefährdet sein. Die Tötung verfolgt sie meist ihr Leben lang.

Bea

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