„Wir wollten Sie nicht drangsalieren“

Bahn entschuldigt sich bei Flaschensammlerin Anna (76)

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Anna Leeb hat im Hauptbahnhof kein Hausverbot mehr.

Anna Leeb wurde mit einem Hausverbot und einer Geldstrafe belegt, nachdem sie im Hauptbahnhof Pfandflaschen gesammelt hatte. Der Fall schlug hohe Wellen, die sich jetzt aber wieder ganz geglättet haben.

Da ist sie wieder. Die Sonne. Wir stehen vor dem Hauptbahnhof, in der Wärme des Münchner Herbsts – und wir sehen tatsächlich auch ein Bild menschlicher Wärme. Hier steht Anna Leeb (76): jene Frau, die mit einem Hausverbot und einer Geldstrafe belegt worden war, nachdem sie im Hauptbahnhof Pfandflaschen gesammelt hatte. Sie gibt zwei Herren die Hand: dem Bahnhofs-Chef Karl Bliemetsrieder und Heiko Hamann, dem Leiter des Münchner Bahnhofsmanagements.

Annas Fall, über den wir berichtet haben, hat Wellen geschlagen. Zugegeben: höhere, als wir selbst erwartet haben. Deutschlandweit haben Medien das Thema aufgegriffen, unter anderem auch der Spiegel. Spendenkonten wurden eingerichtet, Sahra Wagenknecht (die Linke) verwies sogar im Bundestags-Wahlkampf auf die Sache, die schon vor Jahren passiert ist, aber die Gemüter immer noch bewegt.

„Wo macht man den Unterschied?“

Was wir auch sehen an diesem Tag: Es ist nie zu spät, sich die Hand zu geben und offen miteinander zu reden. Genau das tun die Bahn-Leute und Anna Leeb an diesem Tag. Zuerst treffen sich alle bei uns in der Redaktion – jeder erklärt seine Position.

Was die Bahn angeht: Am Hauptbahnhof gibt es Regeln. In der Hausordnung steht, dass Abfallsammeln verboten ist. Bliemetsrieder sagt: „Wir sind die Letzten, die etwas dagegen haben, wenn man sich ein bisserl was dazuverdient, aber wo macht man den Unterschied? Wie unterscheidet man zwischen denen, die bloß ein paar Flaschen einsammeln wollen, und denen, die Müllsäcke aufreißen und alles verwüsten?“ Schließlich gebe es nicht nur brave Mutterl wie Anna Leeb. „Sondern auch solche, die gezielt vor den ICEs lauern und die Container mit dem gesammelten Leergut stehlen“, sagt Hamann. Und oft genug müsse der Reinigungsdienst ausrücken, weil Flaschensammler die Resterl des Inhalts auf dem Boden ausschütten. Deshalb gilt ganz grundsätzlich an allen Bahnhöfen: Wenn Flaschen rumstehen, darf man sie mitnehmen. Aber: In Mülleimern wühlen oder Plastiksäcke aufreißen ist verboten.

Flaschensammlerin Anna Leeb mit Karl Bliemetsrieder (l.) und Heiko Hamann von der Bahn

„Deshalb dachte ich, das ist in Ordnung“

Das sieht Anna Leeb ein, erklärt aber auch ihre Position. Denn: Sie habe zwar mehrfach Ärger bekommen, die Sache sei aber wegen Geringfügigkeit eingestellt worden: „Deshalb dachte ich, das ist in Ordnung. Ich hab nicht gedacht, dass ich jemanden stör‘. Wenn ich gewusst hätte, was ein paar Flascherl auslösen können, wär ich bestimmt nicht in den Hauptbahnhof reingegangen.“ Das mit dem Reingehen ist mittlerweile wieder erlaubt, das Hausverbot gilt nicht mehr.

Die Emotionen waren auch deshalb so hochgekocht, weil Anna Leeb berichtet hatte, sie sei rüde behandelt worden. Die entscheidenden Akten dazu gibt’s nicht mehr, Hamann sagt aber zu Leeb: „Wir können uns nur in aller Form bei Ihnen entschuldigen. Wir wollten Sie bestimmt nicht drangsalieren.“ – „Das glaub ich Ihnen“, entgegnet Leeb. Wenn sie in Zukunft Hilfe braucht, kann sie sich an Hamann und Bliemetsrieder wenden – so das feste Versprechen. Sie geben sich die Hände drauf. Hier, in der Weltstadt, die eben doch auch Herz hat.

mm/tz

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