Große tz-Serie

Bahnhofsviertel: Besuch in der Moschee

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Durmaz Bilal ist Vorstand des Vereins, der die Moschee an der Landwehrstraße betreut.
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Der Eingang zur Moschee ist ­unscheinbar. Unten:
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Der Gebetsraum mit dem markanten Teppich.
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De Gebetszeiten.

München - Zum Münchner Bahnhofsviertel gehört auch die Vielfalt des Glaubens – unter andere gibt es dort eine Moschee. Wir haben uns dort umgesehen.

Es wird eng im Hinterhof. Es geht auf Mittag zu, das Freitagsgebet steht an. In Scharen drängen Männer in einen schmucklosen Eingang im Rückgebäude eines vierstöckigen Hauses an der Landwehrstraße. Die Moschee der islamischen Union platzt aus allen Nähten. Denn die Zahl der Moslems im Zentrum Münchens steigt, die der Gebetsstätten ist rückläufig. Und in den letzten Monaten sorgt auch noch die steigende Zahl von islamischen Zuwanderern aus Afrika für verstärkten Zulauf bei den fünf täglichen Gebeten. Mehr als 50 Gebetsstätten für Moslems gibt es nach aktuellen Zählungen im gesamten Stadtgebiet, die Anzahl der Muslime in München wird auf rund 100 000 geschätzt.

Allerdings gibt es keine wirklich seriösen und aktuellen Statistiken. Fakt ist: Die Münchner Muslime gehören vielen verschiedenen Nationalitäten an, sie sprechen viele unterschiedliche Sprachen und unterscheiden sich in ihren religiösen und kulturellen Einstellungen und Hintergründen. Ein buntes Gemisch also, das gerade für das Bahnhofsviertel typisch ist. Und das unter dem Dach der Moschee zusammenkommt – Türken, Araber, Iraker, Syrer, aktuell auch verstärkt junge Sudanesen, Eritreer und Somalier. Geleitet werden die Gebetsstätten hauptsächlich von türkischen Sunniten, die den Großteil der Münchner Muslime stellen. Doch im Islam ist die Gastfreundschaft gegenüber Glaubensbrüdern ein hohes Gut – und so funktioniert auch diese Übung in brüderlicher Toleranz trotz der völlig unterschiedlichen Wurzeln zumindest nach außen hin ziemlich gut. Auch wenn sie die ehrenamtliche Arbeit von Durmaz Bilal oft ganz gehörig schwierig und anstrengend macht. Der 56-Jährige ist seit zehn Jahren Vorstand des kleinen islamischen Vereins, der seit 34 Jahren die Moschee Cuba Mescidi in dem Landwehrstraßen-Hinterhof betreibt. Alles mit privaten Spenden, wie Bilal betont: „Wir bekommen keinen Euro vom Staat.“

Der große Ansturm vor allem zum Freitagsgebet stellt den Verein vor erhebliche organisatorische Probleme: „Da ist es brutal, es kommen mindestens 300 bis 400 Leute“, so der Vorstand. „Wir würden doppelt so viel Platz brauchen – aber das ist für uns unmöglich: viel zu teuer!“ Gebetet wird in der Cuba Mescidi auf zwei Etagen, im Tiefparterre und im ersten Stock. Die Gebetsfelder, auf denen die Gläubigen niederknien, sind in Richtung Mekka ausgerichtet, davor ist in die Ecke die blau gekachelte Minbar eingebaut, von der aus der Iman zu den Betenden spricht. Direkt gegenüber ist vor dem Schild mit den aktuellen Gebetszeiten eine kleine Treppe eingebaut, eine Art Behelfs-Minarett, von dem der Muezzin zum Gebet ruft. „Leider drinnen und nicht draußen“, sagt Vorstand Bilal. „Das ist in Deutschland leider verboten.“

Im unteren Geschoss gibt es auch einen Gebetsraum für Frauen. Dazu Räume für die vor dem Gebet vorschriebene Hand- und Fuß-Waschung. In einer Mini-Kabine mit zwei Glasscheiben schneidet ein Friseur den Vereinsmitgliedern preisgünstig die Haare. Eine noch wichtigere Einrichtung liegt hinter dem oberen Gebetsraum: die Vereins-Kantine. Hier wird täglich frisch gekocht, die Preise sind niedrig, die Nachfrage ist groß: „Die Menschen haben so viele Probleme, viele sind arbeitslos und kommen mit ein paar Cent in der Tasche her“, so der 56-Jährige. Was in der Kantine übrig bleibt, wird an die Ärmsten verschenkt – so steht es im Koran. Für viele der Moschee-Besucher ist der Aufenthalt in diesem sicheren Raum eine der wenigen Möglichkeiten, sich kurz zu erholen. Oft sind sie so erschöpft, dass sie in einer Ecke des Gebetsraums einschlafen. Hier muss Durmaz Bilal eingreifen: „Bitte Brüder, seid nicht böse. Aber hier könnt ihr nicht schlafen“, sagt er den Gästen, die ihn nach dem Aufwecken erschreckt anstarren. Und immer wieder ermahnt er die Menschen aus vielen Nationen, ihre Schuhe doch bitte nicht im Treppenhaus stehen zu lassen und nach dem Füßewaschen doch bitte Socken anzuziehen: Das ist Vorschrift in Deutschland, das gilt auch in der ­Moschee im Bahnhofsviertel.

Dass viele Deutsche „null Ahnung vom Islam haben“, dafür aber reichlich Vorurteile, bemängelt der Vorstand. Auch dass die Moslems immer gleich in eine finstere Ecke gesteckt werden. „Wir ­gehören zu keiner Partei“, sagt Bilal. „Wir sind keine radikale Gruppe und keine rassistische Gruppe, sondern eine völlig ­unabhängige Moschee.“

tz-Stichwort: Moschee

Das Wort „Moschee“ kommt vom arabischen Wort „masdschid“. Das wiederum stammt von der Wortwurzel „sadschada“ mit der Bedeutung „sich niederwerfen“. „Masdschid“ oder „Moschee“ ist demnach der „Ort des Sich-Niederwerfens“, also der Platz, an dem man – beim Gebet vor Gott – zu Boden geht.

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