Multikulti-Hochburg, Touristen-Magnet, Gastro-Paradies

Bahnhofsviertel: 14 Geschichten aus dem Schmelztiegel

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Blick auf das Münchner Bahnhofsviertel bei Nacht.

München - Multikulti-Hochburg, Touristen-Magnet, Gastro-Paradies: Die neue tz-Serie über das Bahnhofsviertel mit 14 Geschichten aus dem Münchner Schmelztiegel.

Es ist laut, bunt, vielfältig. Manchmal auch ein bisschen chaotisch und ein bisschen unanständig. Auf jeden Fall nie langweilig und uniform. Das südliche Bahnhofsviertel ist so etwas wie der Münchner Schmelztiegel der Menschen und Nationen, der Kulturen und Religionen. Der Puls der Stadt! Das Viertel hat nicht gerade den besten Ruf, ist aber in Sachen Kriminalität allenfalls unterer Durchschnitt. Und es hat vor allem eines: einen ganz eigenen Charakter, eine unverwechselbare Identität.

Das Bahnhofsviertel ist eine auf drei Längs- und fünf Querstraßen reduzierte Stadt in der Stadt, Heimat von rund 3200 Münchnern, Arbeitsplatz für mehr als 20.000 Menschen. Es ist ein Anziehungspunkt für Zeitgenossen mit den unterschiedlichsten Anliegen. Moscheen und Kirchen, Sex-Shops und türkische Gemüseläden, arabische Restaurants und kulturelle Treffpunkte: Im Bahnhofsviertel gibt es das alles – und noch viel mehr.

Im Bahnhofsviertel herrscht ein beispielhafter Zusammenhalt zwischen den Menschen

Zum Beispiel einen beispielhaften Zusammenhalt zwischen den Menschen. Man kennt sich, man schätzt sich, und das über Herkunfts- und Religionsgrenzen hinweg. Das spürt man, wenn etwa Mahir Zeytinoglu vom „Hotel Goethe“ mit Freude von seinen guten Kontakten zum Pfarrer der Matthäuskirche und von seinem Besuch beim Neujahrsempfang der Münchner CSU berichtet. Oder wenn der St.-Matthäus-Pfarrer Gottfried von Segnitz von seinen islamischen Freunden erzählt: „Die mögen mich, und wir brauchen einander.“

Einer der effektivsten Katalysatoren zur weiteren zwischenmenschlichen Klima-Verbesserung im Karree zwischen zwischen Hauptbahnhof, Sonnenstraße, Unikliniken und Paul-Heyse-Straße ist der Verein südliches Bahnhofsviertel. Er ist Bürgerbeteiligung pur, personifiziert vor allem durch Hotelier Fritz Wickenhäuser und Rechtsanwalt Serdal Altuntas, die sich mit ihren Mitstreitern um das friedliche Miteinander, bezahlbare Mieten, einen vernünftigen Mix an Geschäften und Lokalen und für mehr Grün engagieren.

60 Prozent der Münchner Hotelbetten befinden sich im Bahnhofsviertel

Keine Frage: In „Klein-Istanbul“ rührt sich was – bedingt durch den Mix aus Großstadtflair, Urbanität und Multikultur ist es einzigartig und unverzichtbar für München. Es hat Menschen aus mehr als 70 Nationen angelockt, vor allem aus Kroatien, der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Weil 60 Prozent der Münchner Hotelbetten hier zu finden sind, ist es auch die erste Adresse für Touristen aus aller Welt. Es bietet in der Vielzahl türkischer und arabischer Läden ein in München einmaliges Warenangebot. Hier finden sich reichlich Spielhallen und Sexshops.

Aber genauso haben sich Künstler und Könner wie der weltbekannte Designer Konstantin Grcic, Galerien wie die von Schauspielerin Ilse Neubauer oder Musiker wie Jazz-Professor Hannes Beckmann oder Architekten wie Muck Petzet angesiedelt.

Heile Welt ist im Bahnhofsviertel schon lange nicht mehr 

Ein weiterer Schwerpunkt im Viertel sind die Kliniken im südlichen Bereich und die vielen sozialen Einrichtungen. Ob Drogen-Notdienst oder Caritas, Wohnheim für Ex-Knackis oder Heim für ledige Mädchen gleich neben einem Sex-Schuppen: All das und vieles mehr konzentriert sich hier auf engem Raum.

Die Speerspitzen des kulturellen Lebens sind das Deutsche Theater und die Geschäftsstelle der Theatergemeinde München. Die sehen sich mit dem bulgarischen Arbeiterstrich an der Landwehrstraße und den grassierenden Bettelbanden aus Osteuropa konfrontiert: Heile Welt ist nicht im Bahnhofsviertel – und das schon seit der Zeit, in der hier die Prostituierten auf und ab stöckelten. Oder als nach dem Krieg die Ami-Bars boomten.

Willkommen im südlichen Bahnhofsviertel! Heute präsentieren wir Ihnen einen kleinen Vorgeschmack auf die 14 Geschichten über das pralle Leben, die Menschen, die stillen Ecken und die ganz besonderen Plätze:

Vom Künstler- zum Rotlichtviertel:

Ludwig von Schwanthaler ist wohl der bekannteste Kulturschaffende, der sich einst hier niederließ. Mit der Erfindung der Fotografie verwandelten sich viele Malerateliers in Fotoläden. Der Höhepunkt war im Jahr 1868 erreicht: Damals gab’s im Bahnhofsviertel 72 Fotoateliers. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde es dann langsam verrucht im Viertel …

Die ältesten Geschäfte:

Die Geschichten, Hintergründe und Kuriositäten zu zwei alteingesessenen Läden im ehemaligen „Elektroviertel“, die im Windschatten der Branchen-Riesen mit einem exklusiven Angebot überlebten: Wolfgang Gleich vom gleichnamigen „Tonnadel-Paradies“ sowie Fanny und Januschek Werner („Lampen-Werner“) erzählen ihre Geschichten.

Die Multikulti-Küche: 

Paca Corbasi-Suppe, backfrisches Fladenbrot, Grillspieße (wie hier im Restaurant Istanbul) oder natürlich Kebap – im Bahnhofsviertel gibt es eine reiche Gastronomie-Szene. Natürlich ist sie stark türkisch-arabisch ausgerichtet. Aber es gibt auch feine Speisen aus noch weiter entfernten Ländern. Die uigurische Küche etwa kann sich durchaus schmecken lassen. Im Sommer bekommt sogar die gepflegte bayerische Gastlichkeit eine neue Heimstatt. Die ist nämlich bisher quasi nicht vorhanden.

Der Cavusoglu-Clan & der Verdi Supermarket:

An der Familie Cavusoglu und ihren Läden und am größten „Süpermarket“ im Bahnhofsviertel, dem „Verdi“, kommen Lebensmittel-Einkäufer kaum vorbei. Was man bei ihnen kaufen kann, gibt es sonst in München nirgends in dieser Vielfalt. Allein im „Verdi“ schätzt Chef Nihat Yilmaz das Sortiment aktuell auf 5000 Artikel. Wer die Küche der Türkei oder Arabiens mag oder zwischen 100 verschiedenen Olivensorten wählen mag, ist hier richtig.

Auf den Spuren der Dichterfürsten:

Schiller und Goethe prägen das Viertel über die Straßennamen hinaus. Andrea Langwieder betreibt das Sport-Café Schiller: „Ich mag den Zusammenhalt hier im Viertel, dass man sich gegenseitig hilft, wenn Not an der Frau oder am Mann ist. Alle denken, hier gibt’s nur Mord und Totschlag, aber das ist absolut nicht der Fall.“ Und Mahir Zeytinoglu vom Hotel Goethe sagt: „Das Viertel soll wachsen und schöner werden. Und die Goethestraße muss zur Fußgängerzone werden, das hat sie verdient, das ist mein Wunsch. Ich hoffe, dass er erfüllt wird, bevor ich sterbe!“

Unterwegs im Viertel:

Ein Star-Architekt, der regelmäßig für sich und seine Büro-Nachbarn kocht, eine Stadtführerin, die seit Jahren durch die Hinterhöfe und die Läden im Viertel zieht. Muck Petzet und Elisabeth Siedel erzählen, was ihr Quartier so besonders macht. Anwohnerin Inés Gutiérrez, die auch nach Jahren noch längst nicht alles gesehen und geschmeckt hat, was ihre direkte Umgebung zu bieten hat, hält das Bahnhofsviertel ein absolutes Muss für alle München-Besucher, die zum ersten Mal in die Stadt kommen.

Die Künstler:

Das Deutsche Theater und das Büro der Theatergemeinde München sind zwei auffällige kulturelle Einrichtungen im Bahnhofsviertel. Aber hier haben sich auch eine ganze Reihe bekannter Künstler niedergelassen. Schauspielerin Ilse Neubauer etwa hat sich vor gut 15 Jahren ein Haus in der Landwehrstraße gekauft und dort eine Galerie eingerichtet. Noch viel länger beobachtet Jazz-Geiger Hannes Beckmann die Entwicklung in seinem Viertel: Seit 1973 lebt er in diesem einst als Grattlerviertel verrufenen Quartier.

Der soziale Brennpunkt:

Die Lage direkt am Hauptbahnhof prädestiniert das Viertel für soziale Einrichtungen. Regina Radke, die Chefin der Drogen-Nothilfe, hat hier alle Hände voll zu tun. Auch die Bettler-Dichte ist hoch. Hotelier Franz Wickenhäuser sagt: „Die Kriminalitätsrate ist dennoch niedrig – relativ gesehen. Hier kommen pro Tag 500.000 Menschen durch.“

  • Der Immobilien-Hype: In kurzer Zeit sind die Mieten auch rund um den Hauptbahnhof um 100 Prozent gestiegen, arabische Investoren kaufen auf, was zu haben ist – das Viertel wird teuer.
  • Die zwei Moscheen: Auch wenn am Ende der Landwehrstraße stolz die St.-Pauls-Kirche thront: Die Mehrheit der Bahnhofsviertel-Bewohner geht in die Moscheen in Landwehr- und Schillerstraße.

  • Der Hotel-Hotspot: Hier gibt’s 60 Prozent aller Münchner Hotelbetten – und es werden immer mehr. In diesem Serienteil erfahren Sie, was das Viertel für dieses Gewerbe so anziehend macht.

  • Die Rotlicht-Szene: Die Zeiten großer Szene-Paten wie Walter Staudinger sind längst Geschichte. Jetzt florieren eher brave Table-Dance-Bars und Animierschuppen.

  • Die Spielhöllen-Hochburg: Kaum hört ein alteingesessenes Geschäft auf, zieht schon ein Wettbüro oder eine Spielhalle ein. Die Anwohner stört das gewaltig.

  • Der Hauptbahnhof: Der erste Münchner Bahnhof entstand 1839, seitdem prägt er das Viertel. Eine Rundum-Erneuerung ist schon lange überfällig. Lesen Sie alle Hintergründe und Pläne.

    Rudolf Huber, Heinz Gebhardt

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