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Das Bahnhofsviertel als Künstler-Treffpunkt

München - In der tz-Serie zum Bahnhofsviertel geht's heute um die Künstler: Schauspielerin Ilse Neubauer, Musik-Professor Hannes Beckmann und Designer Konstantin Grcic.

Der Hauptbahnhof – in jeder Stadt der Inbegriff der Hektik, aber auch des pulsierenden Lebens. Normalerweise nicht das Vorzeige-Fleckerl einer Stadt, aber spannend. So wie das Bahnhofsviertel in München auch. Hier leben heute 70 verschiedene Nationen, die Gegend summt und brummt – und das tat sie schon seit ihrer Geburtsstunde. Heute geht’s um die Künstler im Viertel: der tz-Report über Schauspielerin Ilse Neubauer, Musik-Professor Hannes Beckmann und Designer Konstantin Grcic.

Rudolf Huber 

"Treffpunkt für gute Künstler"

Seit 1999 in der Landwehrstraße daheim: die Ex-Schwabingerin Ilse Neubauer.

Seit rund zehn Jahren wohnt Ilse Neubauer (72) im Bahnhofsviertel. Aber diese Bezeichnung mag die Schauspielerin und Sprecherin gar nicht. „Ludwigsvorstadt heißt dieses Viertel, auch wenn selbst viele Münchner nicht wissen, wo das ist“, sagt die Ex-Schwabingerin und mittlerweile assimilierte Landwehrstraßlerin im Gespräch mit der tz.

Exakt 100 Jahre war ihr Haus alt, als sie es 1999 kaufte. Es war von der Substanz her gut, aber total runtergekommen. Deswegen war es auch noch relativ günstig. „Vier bis fünf Jahre haben wir anschließend renoviert“, erinnert sich das „Ilse-Hasi“ aus der TV-Serie Die Hausmeisterin. An dem ehemaligen Atelierhaus eines Münchner Malers war jahrzehntelang nichts gemacht worden. Darauf – und weil es für professionelle Investoren einfach viel zu klein ist – führt Ilse Neubauers ihr Kauf-Glück zurück.

„Inzwischen ist es das Dreifache wert“, hat sie festgestellt. Immer wieder mal klingeln wildfremde Menschen bei ihr und fragen, ob sie nicht verkaufen will. „Will ich aber nicht!“, sagt die Künstlerin mit Nachdruck.

Denn inzwischen hat sie sich eingelebt in ihrem außen wie innen denkmalgeschützten Domizil. Im Erdgeschoss betreibt sie eine Galerie mit im Sommer wechselnden Ausstellungen – als „Treffpunkt für gute Künstler“. Mit im Haus leben ihr Sohn Andreas, ein bekannter Fotograf, ein Schauspieler und eine Malerin. Und rundum gibt es eine Handvoll Freunde und gute Bekannte wie Regisseurin und Autorin Carolin Otto, Jazzgeiger Hannes Beckmann (siehe Text unten) oder Maler Cäsar Radetzky. „Ich bin eine Lokalpatriotin geworden“, sagt die Schauspielerin. Aber bestimmt keine mit rosa Brille.

Ilse Neubauer über …

… das Miteinander im Viertel:

„Ich habe mich leicht eingelebt. Ich habe auch gelernt, dass man als Frau von türkischen Männern nicht gegrüßt wird. Aber ansonsten ist das Viertel viel besser als sein Ruf.“

… ihre Lieblingsplätze im Viertel:

„Das Ambiente um die St.-Pauls-Kirche finde ich wunderbar, fast pariserisch. Auch dass in der Kirche viele künstlerische Veranstaltungen stattfinden, fast ein kleines Kulturzentrum. Gerne gehe ich ins Café Herrmann in der Paul-Heyse-Straße. Der Herr Herrmann schmeißt den Laden ganz allein. Da ist alles selbst gemacht und supergut, nix Zeitgeist und nix Schicki oder Micki – das gefällt mir. Und das schöne alte Café Mariandl in der Goethestraße dürfte eines der letzten dieser Art in München sein.“

… die Entwicklung im Viertel:

„Man merkt, dass die Mieten hier sehr stark angezogen haben. Das geht straßenweise, hier sind es jetzt schon fast 16 Euro für den Quadratmeter, das ist Wahnsinn. Aber die Leute nehmen das in Kauf – der Drang in die Innenstadt ist sehr groß.“

… die Vorteile des Viertels:

„Als ich noch in Schwabing lebte, war ich oft einfach zu faul, um in die Innenstadt zu fahren. Hier aber habe ich, als alter Filmfan, in Gehnähe 35 Möglichkeiten, Filme anzuschauen – vom Kunst- und Programmkino bis zum Blockbuster.“

… die Nachteile des Viertels:

„Es ist wirklich laut hier. Aber man kann sich an vieles gewöhnen … Bloß die Wiesn. Das ist wirklich 16 Tage lang die Härte.“

Konstantin Grcic: Er findet die Ruhe

In einem unscheinbaren Rückgebäude im Hinterhof der Schillerstraße 40 ist das Atelier von Konstantin Grcic, einem der einflussreichsten Designer der Gegenwart. Seine Entwürfe finden sich in den weltweit wichtigen Museen und Sammlungen, darunter im Museum of Modern Art in New York und natürlich in der Pinakothek der Moderne. Konstantin Grcic wurde 1965 in München geboren und gründete mitten im Bahnhofsviertel sein Designbüro. Hier ist er trotz ständiger Reisen daheim: „Man kann schnell hinaus ins Leben der Stadt, aber es gibt auch die Möglichkeit, frei zu sein von Ablenkungen. Es ist so ruhig, dass im Sommer die Fenster offen sein können.“

Eine Quelle der Inspiration

„Es war eine Mischung aus Kleingewerbe, Läden und ein bisschen Rotlicht – aber längst nicht so viel wie oft erzählt wird.“ Bahnhofsviertel-Bewohner und Jazz-Geiger Hannes Beckmann (64) weiß, wovon er spricht. Seit 1973 lebt er in diesem früher als Grattlerviertel verrufenen Quartier. Von seiner Wohnung in der Landwehrstraße aus hat er seit inzwischen 42 Jahren einen guten Blick auf die Veränderungen, die Menschen und die Macher.

Für den Musik-Professormit internationalem Renommee ist sein multikulturelles Viertel auch eine Quelle der Inspiration. So entstand sein viel gelobtes Projekt Canto Migrando, bei dem Kinder und Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund mit Profi-Musikern als Teil eines Weltmusik-Orchesters auftreten. Durch direkte Einflüsse aus der Landwehrstraße – genauer gesagt: aus dem Erdgeschoss seines Wohnhauses! „In der griechischen Kneipe haben sich Tunesier getroffen, um zu trommeln. Ich habe das gehört, einen Rhythmus herausgefiltert und gedacht, dazu muss ich ein Musikstück schreiben. Und so kam es zu Canto Migrando.“

Auch die ungewöhnliche Formation Maestro Beckmann & die Münchner Bahnhofskapelle hat natürlich mit dem Wohnumfeld des Musikers zu tun. Im Orchester spielen Musiker verschiedenster Nationen. Ihr Stil ist geprägt von den Klängen der Sinti und Roma, von Melodien und Rhythmen aus dem orientalischen, südamerikanischen, afrikanischen und mitteleuropäischen Raum. Ihre Musik ist also ein Abbild des Bahnhofsviertels.

Mehr als vier Jahrzehnte in einem sich ständig ändernden Quartier machen Hannes Beckmann zu einem Experten für die vielfältigen Veränderungen. „Das Viertel wurde orientalisiert“, sagt der Künstler. „In letzter Zeit ist ein zunehmender arabischer Einfluss festzustellen, wir sind lange nicht mehr das Türkenviertel.“ Dadurch habe sich auch der optische Eindruck gewandelt: „Es gibt hier viele arabische Gewänder und tief verschleierte Frauen, auch die ersten rein arabischen Läden. Angeblich wird viel arabisches Geld hier investiert. Viele von den Boarding-Häusern sind zum Beispiel speziell für Gesundheits-Touristen gedacht.“

„Weniger Monokultur und ein höherer deutscher Anteil“ – das ist Beckmanns Hoffnung für die nächsten Jahre. Neue Wohnungen würden helfen, nicht immer neue Hotels. „Wenn die Stadt Steuerungsmöglichkeiten hat, würde ich mir mehr Wohnungsbau wünschen und eine der Stadt München gemäße Mischung.“

Rubriklistenbild: © Heinz Gebhardt

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