Arbeiterstrich

Das Bahnhofsviertel: Der soziale Brennpunkt

+
Bis zu 400 Männer warten jeden Tag auf Jobs – wie hier an der Ecke Goethe-/Landwehrstraße.

München - Beim neuen Teil der tz-Serie zum Münchner Bahnhofsviertel begeben wir an die sozialen Brennpunkte.

Ein großer Hinterhof, ein vierstöckiger Zweckbau, in die Eingangstür ist eine gläserne Klappe eingebaut. „Da werden außerhalb der Öffnungszeiten die frischen Spritzen herausgereicht“, erklärt Regina Radke. Die Suchttherapeutin ist Chefin des Drogennotdienstes München L 43. Seit 1993 bekommen hier die Konsumenten illegaler harter Drogen Beratung, Begleitung, Schlafmöglichkeiten, schlicht Hilfe. 100 bis 120 Besucher kommen täglich in die Landwehrstraße 43, rund 40 000 Kontakte sind es pro Jahr.

Das mit den Spritzen ist ein wichtiger Punkt in der Arbeit der vom Präventions-, Jugendhilfe und Suchttherapie-Verein Prop betriebenen Anlaufstelle. Es funktioniert ganz einfach: Wer eine gebrauchte Spritze abliefert, bekommt dafür eine neue. „Die Spritzen liegen nicht rum, wir können sie entsorgen“, erklärt Regina Radke. „Außerdem ist das natürlich eine Infektions-Prophylaxe.“

Erster Anlaufpunkt im L 43 ist der Kontaktladen. Es gibt Kaffee, Duschen, Waschmaschinen – und natürlich Kontaktmöglichkeiten. Wer akute Probleme hat, kommt schnell und ohne bürokratische Hürden an die Leute ran, die weiterhelfen können.

Drogensucht schafft existenzielle Nöte: Kriminalisierung, kein Geld, keine Unterkunft. Deswegen gibt es im L 43 eine Notschlafstelle mit 32 Betten in Ein- und Zweibettzimmern. Wer das Glück hat, einen Platz zu bekommen, kann zunächst zwei Wochen bleiben. Wenn sich bis dahin keine Alternative aufgetan hat, sind maximal drei Monate Aufenthalt möglich – mit klaren Regeln: keine Drogen auf den Zimmern, kein Dealen, keine Gewalt. Wer dagegen verstößt, der fliegt.

„Auch wenn sie nicht gerade aufhören wollen, haben sie ein Recht auf Hilfe“, erklärt die Therapeutin das Konzept der Nothilfe. Die 20 Mitarbeiter auf 17 Vollzeitstellen versuchen, die Besucher zu stabilisieren, zu beraten, mit ihnen Wege aus der Suchtspirale zu finden. „Der größte Erfolg ist es natürlich, wenn jemand eine Therapie macht und abschließt“, sagt Regina Radke. „Aber es ist auch jeder ein Erfolg, der seinen Konsum so reduziert, dass nicht mehr jeder Tag lebensgefährlich ist.“ Der es schafft, von der Droge aufs Substitutionsmittel umzusteigen, der mit Arbeitslosengeld II und einer Krankenkassen-Karte wieder ins Sozialsystem einsteigt.

Das Drogentoten-Gedenkbuch im Aufenthaltsraum zeigt überdeutlich, dass das Überleben keine Selbstverständlichkeit ist. Deshalb werden zum Beispiel auch die Schlafräume im Stundenrhythmus kontrolliert – nicht auf Anwesenheit oder Sauberkeit. Sondern darauf, ob die Bewohner noch atmen. 20 bis 30 Mal im Jahr muss der Notarzt kommen, bei drei Bewohnern in gut 21 Jahren kam jede Hilfe zu spät. Suchthilfe-Einrichtungen sind üblicherweise nichts, worüber Nachbarn in großen Jubel ausbrechen würden. Im Fall des L 43 funktioniert das Miteinander aber über die Jahre gut. „Wir pflegen den Kontakt, wir tun etwas dafür“, sagt Regina Radke. Eine Methode, die gerade im Bahnhofsviertel mit seinen vielen Facetten gut ankommt.

 

Arbeiterstrich: "Es muss endlich etwas passieren"

Die Migrationsberatung Wohnungsloser in der Schillerstraße

Erst waren es nur ein paar Männer, die regelmäßig an der Ecke Goethe-/Landwehrstraße standen und auf einen Tagelöhner-Job hofften. Doch ihre Zahl wuchs und wuchs – und damit auch die Probleme. Anwohner fühlen sich von den bulgarischen Arbeitssuchenden auf dem „Arbeiterstrich“ belästigt, Geschäftsleute klagen über Behinderungen für ihre Kunden, über Schmutz und Uringestank in den Hinterhöfen. Seit einem Jahr sorgt zwar ein von den Anwohnern finanzierter Ordnungsdienst für einigermaßen geordnete Verhältnisse. Doch ein Ende der Belagerung ist nicht in Sicht. Alle Versuche der Stadt, für die Männer eine Betreuungs- und Beratungsstelle einzurichten, sind bisher gescheitert.

„Seit Anfang des Jahres ist die Zahl dieser Männer explosionsartig angestiegen“, berichten besorgte Anwohner. Bis zu 400 pro Tag sollen es sein, die dort ihre Dienste anbieten und für ein paar Euro in der Stunde auf Baustellen, bei Umzügen oder in Putzkolonnen schuften. Wenn sie Glück haben und ihnen das Geld nicht von dubiosen Hintermännern wieder abgeknöpft wird.

Die direkten Nachbarn haben inzwischen einen hohen fünfstelligen Betrag für den Security-Dienst bezahlt. Damit finanzieren sie eine Aufgabe, für die eigentlich städtische und staatliche Stellen zuständig sind. „Die Stadt muss für eine funktionierende Infrastruktur sorgen“, fordert deshalb ein Geschäftsmann aus der Landwehrstraße. „Die Lage ist so drängend, dass etwas passieren muss – und wenn Container auf die Theresienwiese gestellt werden!“ Aber Abhilfe ist nicht in Sicht an der „Tagelöhner-Börse“, wie die Szene verniedlichend auf Beamtendeutsch heißt.

… und hier gibt es Hilfe

Durch seine zentrale Lage ist das Bahnhofsviertel prädestiniert für soziale Einrichtungen. Hier ein kleiner Überblick:

Anonyme Alkoholiker (Landwehrstr. 9, Tel. 555685)

Caritas-Sozialstation (Landwehrstr. 26, Tel. 231149-42)

Senioren vermitteln Senioren (Schwanthalerstr. 18, Tel. 54851-112).

AWO-Infozentrum für Migration und Arbeit (Schwanthalerstr. 64, Tel. 513 999-29 oder -32).

Im Bodelschwingh-Haus geht es um Wiedereingliederung von Haftentlassenen (Schillerstr. 25, Tel. 5459410).

Das Jugendwohnheim Marienherberge für junge Frauen zwischen 16 und 27 Jahren (Goethestr. 9, Tel. 555805).

Betreutes Einzelwohnen für Menschen mit Alkohol- und seelischen Problemen wird von der gemeinnützigen Soziale Dienste Psychiatrie GmbH (Landwehrstr. 34, Tel. 5998878-0).

Evangelisches Beratungszentrum (Landwehrstr. 15, Tel. 590480).

Info- und Beratungszentrum für Wohnungslose (Landwehrstr. 25, Tel. 54594140).

Auch interessant

Meistgelesen

Berufung zurückgezogen: Todesfahrer muss in Haft
Berufung zurückgezogen: Todesfahrer muss in Haft
Acht Stunden Telefon-Terror: Renterin um 23.000 Euro betrogen
Acht Stunden Telefon-Terror: Renterin um 23.000 Euro betrogen
PI 15 Sendling: Das Revier der PS-Polizei
PI 15 Sendling: Das Revier der PS-Polizei

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare