Angegammelte Kleinstadt mitten in der Stadt

Bahnhofsviertel: Wann wird hier endlich saniert?

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So schaut er derzeit aus, der Hauptbahnhof.

München - Das Viertel rund um den Bahnhof vibriert – und das schon seit seiner Geburtsstunde. Mittlerweile ist das Zentrum – der Hauptbahnhof selbst – ganz schön in die Jahre gekommen. Die letzte Folge unserer Serie fragt darum: Wann wird hier endlich saniert?

Man könnte die Situation etwas ketzerisch so ausdrücken: Am Münchner Hauptbahnhof wird seit Jahren gebaut und gebaut – und trotzdem wird’s einfach nicht besser. Zugegeben: Unter der Erde haben sich die groß angelegten Renovierungsarbeiten in den Zwischengeschossen schon rentiert, sie waren ja auch überfällig. Aber das Gesicht des Bahnhofs, die Visitenkarte der Stadt für fast eine halbe Million Reisende täglich, bleibt weiter ein Graus.

Der Hauptbahnhof ist ein Verkehrsknoten der Superlative. Mit 32 Gleisen liegt er bundesweit ganz vorne, er umfasst eine Fläche von insgesamt 760 000 Quadratmetern. Läden, Restaurants, Wartehallen, Coffeeshops, Bahnhofsmission: Der Kopfbahnhof ist fast so etwas wie eine Kleinstadt mitten in der Stadt. Allerdings eine ziemlich angegammelte, stark in die Jahre gekommene.

Dass die Sanierung des nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg entstandene Bahnhofsgebäudes mehr als überfällig ist, wissen alle Beteiligten schon lange. Es rieselt der Kalk, die Bausubstanz ist schlecht, die Funktionalität bescheiden, der Anblick gruselig. Das Problem: Erst fehlte das Geld, jetzt die Planungssicherheit. Denn es ist immer noch nicht klar, ob die 2. S-Bahn-Stammstrecke kommt oder nicht.

Dabei hatte alles visionär angefangen: Ursprünglich wollte die Bahn „München 21“ wie in Stuttgart im Boden versenken. Zu teuer. Auch der Transrapid kam nie. Dann lobte die Deutsche Bahn einen Architektenwettbewerb zum Bahnhof der Zukunft aus – und schien ihn mit dem allseits gelobten Entwurf des Büros Auer+Weber auch gefunden zu haben. Dann verschwand das Projekt für ein paar Jahre in einer großen Schublade: Geldmangel! In einem neuen Anlauf präsentierten die potenziellen Bauherren einen drastisch abgespeckten Entwurf, der im Rathaus nicht nur wegen deutlich reduzierter Verbindungsgänge schlicht durchfiel. Das jahrelange Warten auf einen neuen Entwurf soll ein Ende haben: Demnächst wird sich der Stadtrat mit neuen Plänen befassen. „Vielleicht noch im April“, sagt Thorsten Vogel vom Planungsreferat.

Immerhin wurde in den vergangenen Monaten zumindest das Untergeschoss des Bahnhofs fast komplett neu gestaltet. Beim S-Bahnhof wurden 24 Millionen Euro, bei der U-Bahn rund 20 Millionen Euro investiert, vor allem um die verschärften Brandschutzauflagen einhalten zu können. Bis Ende dieses Jahres wird noch daran gewerkelt, ab Juni wird auch die riesige Gleishalle saniert.

Dann ist der Hauptbahnhof zwar unten und an den Gleisen so gut wie neu. Aber bis das Bahnhofsgebäude, die Visitenkarte, ein erträglicher Anblick ist, dauert es unter Garantie noch Jahre. So lange blicken wir zurück – auf die große Geschichte des Baus. Wenn der Hauptbahnhof erzählen könnte!

Der Gastarbeiter-Treff

Mit Koffern aus Italien – und mit viel Hoffnung im Gepäck.

In den 50er-Jahren war der Münchner Hauptbahnhof das Ankunftszentrum der ersten Gastarbeiter in Deutschland – und von Conny Froeboess’ Schlager „Zwei kleine Italiener“ wurden über 1,2 Millionen Singles verkauft. Die Italiener kamen im Hauptbahnhof aber nicht nur an, er wurde ihnen zur zweiten Heimat: An den Wochenenden trafen sie sich zu Tausenden in der Bahnhofshalle und niemand wusste anfangs warum ausgerechnet hier. Der Grund war ganz einfach: Im Hauptbahnhof fühlten sie sich ihrer Heimat Italien am nächsten und sie freuten sich über jeden Zug, der über den Brenner nach München kam.

Das Promi-Gleis Nummer 11

Das direkt an der Bayerstraße gelegene Gleis 11 war immer schon das „Promi-Gleis“, denn die VIPs dieser Welt brauchten nach der Ankunft nicht durch die Bahnhofshalle laufen, sondern konnten durch den Nebenausgang direkt auf die Straße und in die Staatskarossen steigen. So zum Beispiel der Schah von Persien 1955 zusammen mit seiner Soraya oder 1962 Königin Elisabeth von England, die von artig hinter der Absperrung wartenden Münchnern begrüßt wurde.

Lebensgefahr bei Lollos Ankunft

Wer ist eigentlich Michael Jackson? Starkult gab’s auch früher schon – hier etwa um die Lollobrigida.

Ganz im Gegensatz zur Ankunft von Gina Lollobrigida, über die der Münchner Merkur am 1. Februar 1955 schrieb: „Ein lebensgefährliches Gedränge und zahllose zerrissene Mäntel gab es am Montagmorgen bei der Ankunft der italienischen Filmschauspielerin Gina Lollobrigida auf dem Hauptbahnhof. Die Musik eines oberbayerischen Blasorchesters ging im Trubel völlig unter. Nur in Buenos Aires sei es einmal so ähnlich gewesen, meinte die Lollo.“

Vorsicht an Gleis 11: Die Weltmeister von 1954 fahren ein!

Ein Jahr nach Ankunft der Kriegsgefangenen dröhnte der Hautbahnhof im Jubelgeschrei Tausender Münchner: 1954 wurde Deutschland Fußballweltmeister und die siegreiche Mannschaft fuhr auf dem heutigen Gleis 11 im Lärm der Dampflokomotive und mehrerer Blaskapellen zur Meisterfeier auf dem Marienplatz ein, wo zigtausende Münchner auf die Weltmeister warteten. Mit mehreren Stunden Verspätung –wegen des Jubels an der Strecke.

Protzmeile, Mega-Kuppel: Hitlers größenwahnsinniger Plan

So hatte sich Hitler den gigantomanischen Straßenzugvorgestellt. In der Mitte ist der Bahnhof zu erkennen.

Dabei sollte der Hauptbahnhof schon längst umgebaut sein: Adolf Hitlers unfassbar größenwahnsinniger Plan sah vor, vom Marienplatz bis nach Pasing alles niederzureißen und eine riesige Nazi-Prachtauffahrtsstraße zu bauen! Mittelpunkt sollte der größte Bahnhof des Großdeutschen Reiches sein, für den Generalbaurat Hermann Giesler eine Kuppel von 265 Meter Spannweite bauen sollte. Der Plan wurde schon infolge der Kriegsereignisse erst auf Eis gelegt und hatte sich dann mit dem Kriegsende schon bald von selbst erledigt.

Rudolf Huber (Texte), Heinz Gebhardt (Fotos)

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