Ihr Einsatz, bitte!

Das Bahnhofsviertel als Zocker-Zentrum

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­Gerhard Strunz vom City Play.

München - Im Bahnhofsviertel gibt es jede Menge Spielhallen. Das sind sogar so viele, dass es mittlerweile einigen Betreibern zu bunt wird. In diesem Teil unserer großen Serie aus dem Bahnhofsviertel geht's ums Zocken!

Der Eingang zur Jokers Wild Gambling Hall.

Vormittags, zehn Uhr. Noch ist wenig los im City Play in der Bayerstraße. Nur an ein paar der Spielautomaten sitzt Kundschaft, die meisten Geräte blinken still vor sich hin. Teppichboden dämpft das Piepsen der bespielten Groschengräber. „Alles hell und freundlich“, sagt Chef Gerhard Strunz fast schon beschwörend. Er hat ja recht: Mit einer finsteren, vollgequalmten Zockerbude voller ebenso finsterer Gestalten hat sein Laden gegenüber vom Hauptbahnhof wirklich nichts zu tun. Und trotzdem richtet sich die geballte Ablehnung der Nachbarn und der Politik gegen sein Gewerbe. Woran mag das liegen? Eine Spurensuche im südlichen Bahnhofsviertel zwischen City Play, Admiral, Jokers Wild Gambling Hall Schwanthalerstraße und Las Vegas City.

Bunte Automaten wie dieser locken die Spieler.

An die 40 Spielhallen gibt es derzeit im Viertel. „Viel zu viele“, klagen die Stadtviertel-Verantwortlichen und die Geschäftsleute. Unterstützung bekommen sie dabei von unerwarteter Seite. Nämlich von Gerhard Strunz. Viel zu viele Spielotheken habe die Stadt einfach so genehmigt, obwohl die durchaus regulierend hätte eingreifen können. „Wir haben ein Riesenproblem damit“, sagt der Geschäftsmann. Nichts gegen gesunde Konkurrenz. Aber die Spielotheken an fast schon jeder Ecke, die vielen Seiteneinsteiger, unter denen es durchaus auch schwarze Schafe gebe – das schade doch der ganzen Branche.

Schon das Thema „abgeklebte Scheiben“ ist so eine Sache. Völlig klar, dass es weder Nachbarn noch Passanten gefällt, wenn halbe Straßenzüge mit blickfesten Folien volltapeziert sind. Ist aber gesetzlich vorgeschrieben. Damit bloß kein Jugendlicher angesichts verführerisch vor sich hin blinkender Geräte in Versuchung geführt wird. Schließlich ist auch der Zutritt unter 18 Jahren strikt verboten.

Für den Bezirksausschuss-Vorsitzenden Alexander Miklosy ist diese Folge des Spielhallen-Booms auch das größte Problem: „Viele zehntausend Quadratmeter im Viertel sind damit für Jugendliche blockiert, andere Geschäfte werden auf die Seite gedrückt.“ Möglich sei das den Betreibern, weil sie wegen der „übermäßigen Profite“ in den Spielotheken locker höhere Mieten bezahlen könnten. Auch ein Viertel-Anwohner, der von seinem Geschäft aus frontal auf die verspiegelten Scheiben eines Salons schaut, ist wenig begeistert: „Das ist eine völlig tote Fläche. Wenn in einer Stunde ein Mensch reingeht, ist das schon viel. Aber den Betreibern reicht es ja schon, wenn jeden Tag ein Spieler 1000 Euro verliert.“ Wobei das mit den 1000 Euro ganz schön anstrengend werden dürfte.

Gerhard Stunz vom City Play, der auch im Bayerischen Automaten-Verband aktiv ist, verweist auf die gesetzlichen Bestimmungen: Der maximale Spieleinsatz beträgt 20 Cent, maximal kann ein Spieler pro Stunde an einem Automaten 80 Euro verdaddeln. Im Schnitt, so Strunz, seien es aber 11,80 Euro. Natürlich können Zocker auch auf mehreren Geräten gleichzeitig spielen. Das wird ihnen aber duch die vorgeschriebene Aufteilung der Hallen deutlich erschwert: Die Geräte sind entweder in Zweier-Gruppen mit drei Metern Abstand angebracht, oder dazwischen ist eine Trennwand angeschraubt. Weil ein Spiel nur maximal fünf Sekunden läuft, würde es auf Dauer ganz schön anstrengend, ständig hin und her zu rennen. Und die Automatik-Taste, mit der die maximal einzahlbaren 25 Euro mit einem Tastendruck abgearbeitet werden können, ist für echte Spieler nicht so der Hit: Sie sind ja überzeugt, dass sie letztlich besser sind als der Automat. Sonst würden sie ja gar nicht erst antreten.

Der durchschnittliche Spielothek-Gast, wie sieht der denn eigentlich aus? „Ab 30 bis 80 Jahre“, sagt der Chef vom City Play. „Es kommen viele Rentner und auch ältere Damen, der Frauenanteil hat sich teilweise auf bis zu 50 Prozent erhöht.“ Etwa drei Prozent seien süchtige Spieler. Aber: „Die wollen wir gar nicht. Die rücken uns in ein schlechter Licht.“ Das Personal, erzählt der Geschäftsmann, sei darauf geschult, einschlägige Zocker zu erkennen und gezielt anzusprechen, unterstützt von einem Flyer mit einem Selbsttest auf „problematisches Spielverhalten“.

Schöne, saubere Spielhallen-Welt. Aber leider gibt es ja auch die von Gerhard Strunz erwähnten schwarzen Schafe. Und die ziehen automatisch eine Szene an, die Bezirksausschuss-Chef Miklosy ganz und gar nicht im Viertel haben will: „Spielhallen sind häufig Anbahnungsorte für Drogengeschäfte und damit verbunden weitere kriminelle Handlungen“, so seine Feststellung. Und bisweilen sind die Hallen sogar selbst Ziel von Straftaten. Beispielsweise letzten November, als ein Mann die Mitarbeiterin einer Spielothek in der Schillerstraße überfiel und ein paar hundert Euro raubte. Kurz darauf stellte er sich selbst der Polizei. Sein Motiv: Spielsucht. Seine Beute hatte er bereits komplett verzockt.

R. Huber

Gefährliches Glücksspiel

In Bayern gelten derzeit rund 28 000 Menschen als pathologische Glücksspieler, weitere 34 000 sind als problematische Glücksspieler einzustufen, so die Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern. 88,8 Prozent davon sind laut der jüngsten Untersuchungen Männer, das Durchschnittsalter beträgt 35,8 Jahre. 81,2 Prozent der Süchtigen oder akut Gefährdeten sind Deutsche, 6,7 Prozent Türken, gut die Hälfte von ihnen hat den Hauptschulabschluss, knapp die Hälfte ist verheiratet. Ein abhängiger Spieler, der in einer der bayerischen Beratungsstellen betreut wird, hat im Schnitt 24 000 Euro glücksspielbedingte Schulden. Als bevorzugtes Glücksspiel geben 73,6 Prozent der Klienten in ambulanten Suchthilfeeinrichtungen das Spiel an Geldspielautomaten an.

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