"München eine Stadt mit großem Herzen"

Ausnahmezustand am Hauptbahnhof: Eine Reportage

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München beweist ein großes Herz.

München - Die Behörden haben den Ansturm von Flüchtlingen am Samstag mit einem ausgetüftelten Plan bewältigt. Dennoch warnt Sozialministerin Emilia Müller: „So geht das nicht weiter. Wir brauchen Unterstützung aus ganz Europa.“

Update vom 11. September 2015: Wieviele Menschen sind seit September in der Landeshauptstadt angekommen? Lesen Sie alles zum Thema Flüchtlinge in München in unserem Faktencheck nach.

Mehr Informationen zu Flüchtlingen in München lesen Sie hier in unserem Ticker.

Familie Maag-Gebauer ist eine junge Münchner Familie. Am Samstag haben sie mit ihren beiden kleinen Kindern den Wochenend-Einkauf erledigt. Es war aber keine gewöhnliche Fahrt in den Supermarkt, sondern sie haben Hilfsgüter für Flüchtlinge besorgt. Ganz spontan, für 200 Euro insgesamt, wie Familienvater Dan, 40, erklärt. Mit seiner Frau Kim (37) und den Kindern Oskar (4) und Emil (2) steht der Filmproduzent am Samstagmittag am Hauptbahnhof. Sie haben einen Radanhänger und einen Handwagen voll gepackt mit Zwieback, Knäckebrot, Windeln und Wasser. Über Twitter haben sie von dem Flüchtlingsansturm erfahren. Dan Maag-Gebauer sagt: „Wir selbst haben genug, wir können was abgeben.“ Kim Maag-Gebauer erklärt, man wolle auch den Kindern etwas vorleben: Nächstenliebe, und das nicht nur Geld zählt im Leben, sondern auch mal jemandem die Hand zu reichen oder eben Essen und Trinken zu spenden. Die Hilfe der Münchner empfindet sie als überwältigend und ihr Mann ergänzt: „München war immer schon eine Stadt mit großem Herzen.“

Das Bild, das im Laufe dieses Tages von München um die Welt gehen wird, ist wieder eines der Hilfsbereitschaft, des hellen Deutschlands. „Bayern leuchtet gelb und orange“, wird Regierungspräsident Christoph Hillenbrand später sagen. Gelb und orange, die Signalfarben der Westen der ehren- und hauptamtlichen Helfer. Ohne die ehrenamtlichen Helfer, allein 600 offiziell Registrierte, gehe gar nichts, betont der Regierungspräsident. Am Nachmittag stehen Münchner Spalier hinter den Absperrgittern. Hunderte, ja Tausende Flüchtlinge – die meisten aus Syrien - kommen im Stundentakt. Es sind herzzerreißende Szenen, die viele zu Tränen rühren. Ausgemergelte Flüchtlinge, die winken und teilweise weinen, weil die Menschen ihnen zujubeln und Beifall klatschen – wie im Fußballstadion. Sie haben höllische Tage, ja Wochen und Monate hinter sich. In Ungarn sind sie teilweise behandelt worden wie eine Herde Vieh. Nun erhalten die Kinder Kuscheltiere und Süßigkeiten. Vier junge Frauen kommen mit voll bepackten Tüten. Vor der Sperrzone am Bahnhofsvorplatz, wo die Flüchtlinge registriert werden, bildet ein Stand mit bunten Dirndln den Kontrast zum Flüchtlingsstrom. Oberbürgermeister Dieter Reiter, der am Samstag gegen 16 Uhr eintrifft, sagt: „Das ist doch das Schönste, so viele strahlende Gesichter von Kindern zu sehen.“ Er scherzt mit einem kleinen Jungen und sagt: „How are you?“ Der OB ist zuversichtlich, „auch diese Herausforderung meistern zu können“.

Doch alle Beteiligten – egal ob Politiker, Polizei, Regierung von Oberbayern und Helfer – wissen: Es gibt Grenzen der Belastbarkeit. Von acht Uhr morgens bis nach Mitternacht kommen in München etwa 8000 Flüchtlinge an. Dass die Verteilung komplikationslos und geordnet verläuft, ist eine unglaubliche Leistung der Behörden. Die bayerische Sozialministerin Emilia Müller warnt dennoch: „Wir brauchen auch Unterstützung aus ganz Europa. So geht das nicht weiter. Ansonsten ist das eine Bankrotterklärung für das gemeinsame Europa.“ Genau wie OB Reiter erklärt Müller, die Bundesebene sei nun mehr denn je gefragt. Christoph Hillenbrand, der den ganzen Tag über optimistisch ist, sagt: „Wenn das die nächsten Tage so weiter geht, stoßen wir extrem an unsere Grenzen.“

Das Durchlaufventil, das die Behörden geschaffen haben, ist genial ausgetüftelt. Am Samstagmittag präsentieren Christoph Hillenbrand und Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle ihren „Schlachtplan“: München als sternförmige Drehscheibe, von wo aus tausende Flüchtlinge in die gesamte Republik verteilt werden. Die Behörden sind nach den Vorkommnissen in Ungarn seit Tagen in Alarmbereitschaft und haben nach dem ersten Ansturm zu Beginn der Woche fieberhaft an dem Krisenplan gearbeitet. In der Nähe der Donnersberger Brücke (Richelstraße 7) wird in einer Nacht- und Nebel-Aktion eine seit Jahren leerstehende, 2000 Quadratmeter große Halle der Bahn – eine ehemalige Signalmeisterei – sanitär und elektrisch ertüchtigt. Hillenbrand: „Wir haben aus einer schrottigen Industriehalle eine humanitäre Möglichkeit zur Unterbringung gemacht.“ Dort können vorübergehend 1200 Flüchtlinge Platz finden. Zudem wird die Messe München ins Boot geholt. Die Hallen C2 und C3 stehen derzeit leer, dort können kurzfristig 3000 Menschen untergebracht werden. 1700 Feldbetten werden aufgestellt und 1500 Sitzgelegenheiten stehen zur Verfügung. „Die Messe wurde über Nacht geboren“, sagt Wilfried Blume-Beyerle, Chef des Kreisverwaltungsreferats. In der Turnhalle des Luisengymnasiums können 500 Flüchtlinge beherbergt werden, 700 in einer Tennishalle in Grasbrunn im Landkreis München und 400 Asylbewerber im Münchner Ankunftszentrum an der Maria-Probst-Straße. 1300 Flüchtlinge werden im Laufe des Tages mit Bussen in andere Regierungsbezirke Bayerns gefahren.

Die Stadt hat mittlerweile einen Zuweisungsschlüssel von 480 Flüchtlingen pro Woche. Vor einem Monat waren es noch in etwa die Hälfte. Insgesamt haben die Behörden 5600 Betreuungsplätze für die Stadt als Drehscheibe binnen kürzester Zeit aus dem Boden gestampft. Bis zum Samstagabend funktioniert das Verteilungssystem so hervorragend, dass nur 40 Flüchtlinge zur Messe gebracht werden müssen.

Die Staatskanzlei steht seit den Morgenstunden in Kontakt mit den anderen Bundesländern. Einige Züge werden gleich umgeleitet: 800 Flüchtlinge kommen nach Dortmund, 500 nach Saalfeld in Thüringen, 460 nach Frankfurt am Main, Baden-Württemberg holt direkt in Österreich 750 Flüchtlinge mit Bussen ab. Hillenbrand: „Ein starkes Zeichen eines föderalen Systems.“ Reiter spricht von einer „generalstabsmäßigen Planung“. Blume-Beyerle: „Alles ist getragen von der Zielvorgabe einer menschenwürdigen Unterbringung. Die Stadt will ihren guten Ruf nicht gefährden.“ Münchens neuer Polizei-Vize Werner Feiler erklärt: „Wir wollen den Menschen eine angemessene Ankunft gewähren.“ Wieder werden an diesem Tag Polizisten mit Flüchtlingskindern scherzen, ihnen ihre Mütze aufsetzen oder Kuscheltiere für die Kleineren überreichen.

Kardinal Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche, haben am Samstag im Amtssitz von Marx zu Mittag getafelt. Spontan brechen sie zum Hauptbahnhof auf, um ein Willkommenszeichen der beiden Kirchen zu geben. Sie schütteln unzählige Hände, sprechen ein paar Worte, sagen Welcome oder Salam. Marx erklärt, er sei viele Male in Syrien gewesen: „Ein wunderbares Land.“ Er sei zu Tränen gerührt, wenn er sehe, was in Palmyra oder Homs passiere, wie Kulturstätten zerstört und wie Menschen ermordet und vertrieben würden. Heinrich Bedford-Strohm erklärt, er finde es toll, wie sich Christlichkeit in der Münchner Willkommenskultur ausdrücke.

Syrien, das Land mit dem Drei-Fronten-Krieg und mittendrin werden die einfachen Bürger zerrieben, ermordet, verlieren ihre Häuser. An der einen Front das Assad-Regime, dort die Rebellen und dann noch der menschenverachtende IS, der das Land in Angst und Schrecken versetzt. Muaayiah Alhadeed, 33, kommt aus der im Osten Syriens gelegenen Stadt Deir ez-Zor. Er sendet einen Dank an Deutschland und Österreich. Er war Lehrer in Syrien. Der IS wollte ihn zwingen, überzulaufen. Er muss mitansehen, wie ein Mann vor seinen Augen enthauptet wird. Ihm gelingt die Flucht, nun will er in Deutschland ein neues Leben beginnen.

Patrick Fehrenz hat 14 Jahre in arabischen Ländern gelebt, die meiste Zeit davon als Tauchlehrer in Ägypten. Er sei immer gut behandelt und gut aufgenommen worden, sagt der 43-Jährige aus dem Westend. Er wolle heute etwas zurückgeben. Fehrenz steht hinter dem Absperrgitter, ein Mann mit Vollbart und Münchner Dialekt. Er ruft den ankommenden Flüchtlingen auf arabisch Willkommensgrüße zu und klatscht euphorisch Beifall. Bis zum Abend sind bereits Fernsehstationen aus Australien, Japan oder den USA vor Ort. Die New York Times schickt extra eine deutschsprachige Reporterin aus London, weil die Deutschland-Korrespondentin im Urlaub weilt.

Stephanie Jacobs ist die neue Gesundheitsreferentin der Stadt und erst seit knapp einer Woche im Amt. So etwas nennt man wohl einen Sprung ins kalte Wasser. Das Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) ist zuständig für das medizinische Erst-Screening. Neun Ärzte und 15 Sanitäter sind am Hauptbahnhof im Einsatz. Mehr als 2000 Flüchtlinge werden am Samstag auf die Schnelle untersucht. Insgesamt sei die Verfassung der Flüchtlinge gut gewesen, berichtet Jacobs. Nur fünf Personen müssen ins Krankenhaus gebracht werden, meist wegen Kreislaufbeschwerden oder Dehydration. Am späten Abend gibt es einen Zwischenfall, als Flüchtlinge an der Donnersbergerbrücke ins Gleisbett laufen. Die Strecke zum Hauptbahnhof muss für 45 Minuten gesperrt werden, zu Schaden kommt niemand.

Bis zu 15 000 Flüchtlinge werden am Ende dieser Woche am Münchner Hauptbahnhof angekommen sein, davon allein 8000 an einem einzigen Tag, an diesem denkwürdigen Samstag, den 5. September. Hillenbrand sagt: „Wenn mir einer am Montag gesagt hätte, mit 3300 Flüchtlingen an einem Tag sind unsere Kapazitäten erschöpft, hätte ich das bejaht.“ München im humanitären Ausnahmezustand. Wie es weitergeht: „Ich bin Regierungspräsident und kein Prophet“, sagt Christoph Hillenbrand. Er wirkt erschöpft, aber immer noch völlig klar.

Klaus Vick, Münchner Merkur

Bilder: Flüchtlinge werden in der Münchner Messe untergebracht

Bilder: Flüchtlinge werden in der Münchner Messe untergebracht

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