Seine Familie ist endlich da

Tränen am Hauptbahnhof: Emotionaler Moment für Alimhejer (22)

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Emotionaler Moment: Alimhejer umarmt seine Mama.

München - Emotionale Szenen spielten sich am Sonntagvormittag ab, als ein Flüchtlingszug am Münchner Hauptbahnhof ankam. Bei Alimhejer und seiner Familie flossen Tränen.

Ali nimmt die Absperrungen am Gleis 26 am Sonntagvormittag gar nicht wahr. Mit tränenverschleiertem Blick zerrt er an den Gittern und drückt die Polizeibeamten zur Seite. Auf der anderen Seite der Absperrung stürmt ein Mann auf Ali zu. Es ist sein Bruder. Die beiden Männer drücken ihre Köpfe aneinander, weinen. „My family“ („Meine Familie“) schluchzt der 22-Jährige.

Ali hat seinen Vater, seine Mutter und seine Geschwister seit eineinhalb Jahren nicht mehr gesehen. Der junge Mann aus dem syrischen Kobanê lebt seit fünf Monaten in München. Am Sonntag ist die Familie von Ali mit dem Zug aus Österreich um 10.30 Uhr in München angekommen. Er hat seit 7 Uhr am Bahnhof auf sie gewartet. Die Familie floh aus ihrer Heimatstadt Kobanê. Die Familie war tagelang unterwegs.

Ali erzählt von seiner eigenen Flucht. 15 Tage dauerte sie, durch die Türkei, durch Ungarn, erzählt Ali, bevor er endlich „in Germany“ angekommen sei. „Wir sind so wahnsinnig glücklich, hier zu sein“, sagt der 22-Jährige auf Englisch. Er könne seine Gefühle gar nicht in Worte fassen, sei überwältigt, jetzt endlich seine Familie in die Arme nehmen zu können.

An Gleis 26 darf die Familie nur ganz kurz zusammenbleiben, die Eltern und Geschwister werden gleich mit der S-Bahn weitergebracht. In die Richelstraße 7 nahe der Donnersbergerbrücke. Dort wurde am Samstag eine leerstehende, 2000 Quadratmeter große Halle der Bahn – eine ehemalige Signalmeisterei – für Flüchtlinge geöffnet. Dort bekommen sie wie am Hauptbahnhof etwas zu essen und zu trinken, werden medizinisch untersucht.

Überglücklich: Alimhejer (22)

Ali muss am Hauptbahnhof zurückbleiben. „Ich weiß nicht, wo meine Familie jetzt hingebracht wird“, sagt er. „Aber sie haben versprochen, mich anzurufen, wenn sie fertig sind.“ Ali ist sich sicher, dass jetzt nichts mehr passieren kann und alles gut wird. Er und seine Familie hoffen auf eine „gute Zukunft in Deutschland“ und sind „Deutschland so unendlich dankbar.“ Ali hat bereits Pläne. Er will jetzt in München studieren. Und nicht mehr so lange von seiner Familie getrennt sein. „Vielleicht“, sagt er, will er irgendwann wieder zurück nach Kobanê. „Aber sicher erst in fünf bis zehn Jahren, wenn es dort anders ist.“

Mit seinen beiden Kindern ist ein Ehepaar ebenfalls aus Syrien geflohen. Am Samstag steigen sie aus einem der vielen Züge, die München erreicht haben. Die jüngere Tochter hält eine Stoffpuppe in der Hand, als sie die Treppe am Starnberger Flügelbahnhof herunterkommt. Die Puppe hat sie von einem der vielen freiwilligen Helfer geschenkt bekommen, die am Bahnhof mit Geschenken auf die Flüchtlinge warten. Etwa 600 Helfer in orangefarbenen und gelben Westen sind zurzeit im Einsatz. Die Wartelisten sind lang. Mehr als doppelt so viele wollten sich als Helfer registrieren lassen. „Es wäre schön, wenn die Hilfsbereitschaft in München jetzt auch anhält“, sagt die 32-jährige Sara.

Die syrischen Eltern halten ihre Mädchen fest am Arm. Sie strahlen, sie wissen, dass sie jetzt in Sicherheit sind. Vater und Mutter sprechen weder Englisch noch Deutsch. Sie verständigen sich mit den Polizeibeamten, die die Familie auf dem Platz vor dem Starnberger Flügelbahnhof zu den Bussen begleiten, mit Händen und Füßen. Der Vater versucht auszudrücken, wie überwältigt er von diesem herzlichen Empfang in München ist. „Happy“ („Glücklich“) sagt er immer wieder.

Viele Flüchtlings-Kinder winken den Helfern, der Polizei, der Feuerwehr, den Rettungskräften zu und werfen Kusshände in die Menge. Einige tausend Kräfte aller Organisationen sind an diesem Wochenende im Einsatz.

Auch ein kleiner Bub, der mit seinen Geschwistern und der Mutter am Bahnhof angekommen ist, strahlt die Menschen an und beißt in eine Butterbreze. Er schiebt den Kinderwagen mit seinem Geschwisterchen auf dem Platz vor dem Starnberger Flügelbahnhof hin und her. Seine Mutter sagt auf Englisch, sie müsse dem Kleinen Milch geben, es sei schon ganz unruhig. Sie sei so glücklich, dass sie die Flucht hinter sich hätten. „Der Name meines Buben heißt übersetzt ,Starker Mann‘“, sagt die Mutter. „Und dass er die Flucht so gut überstanden hat, beweist, dass er das wirklich ist.“

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