Der Musentempel fürs ganze Volk

Gärtnerplatztheater feiert 150. Geburtstag 

+
Der Intendant auf der Baustelle, 2013: Josef E. Köpplinger will sein Haus Ende 2016 wieder eröffnen.

München - Zum großen Geburtstag muss leider draußen angestoßen werden: Das Gärtnerplatztheater wird gerade renoviert – aber Schließjahre gehören ja zur Historie des Hauses. Heute wird Münchens Volksoper 150 Jahre alt.

Was für eine Blamage. Drei italienische Gesangsstars verpflichtet, dazu noch die Schickeria auf der Gästeliste: Der gute Herr Pitzelberger wollte sich in der Stadt als Neureicher etablieren. Doch dann sagen die teuren Solisten ab, ebenso die Promis. Was bleibt also Herrn Pitzelberger? Seine Tochter und ihr von Papa wenig geschätzter Liebhaber müssen Arien schmettern – mit Riesenerfolg. Das ist keine Geschichte aus dem geschleckten Grünwald, sondern die Handlung von Jacques Offenbachs Operette „Salon Pitzelberger“. Ausgerechnet sie wurde zur Eröffnung des Gärtnerplatztheaters gespielt, damals, am 4. November 1865. Das passt natürlich wunderbar zu München, das die Adabeis und Möchtegerns schon immer fast magisch anzog.

Exakt 150 Jahre ist heute diese Vorstellung her. „Geboren“ wurde damals ein Theater, ein Volkstheater, das nicht mehr aus der Landeshauptstadt wegzudenken ist, viel mehr noch: dessen heimeliger bis frecher Charme im Grunde viel besser zu München passt als die sich nach Weltruhm streckende Staatsoper. Dabei gehört das Gärtnerplatztheater zu einer aussterbenden Spezies. Es gibt nicht mehr viele öffentlich finanzierte Bühnen, die sich dem musikalischen Unterhaltungstheater verschreiben. Die Wiener Volksoper zählt dazu, die Dresdner Staatsoperette, die Komische Oper Berlin und eben das „Gärtnertheater“, wie es von Einheimischen und Fans gern genannt wird.

Niemals habe dieses Haus aufgehört, „populärer Rebell gegen die großteils erstarrten hof- und staatstheaterlichen Zeremonien zu sein“. So hat es Hellmuth Matiasek formuliert, von 1983 bis 1996 Intendant. „Wir wollen zurück in die Welt des lebendigen, nicht nur gesungenen, sondern auch gespielten und getanzten Theaters.“ Schön klingt das, hintergründig, aber es wird auch deutlich, dass eine solche Volksoper ein Problem mit sich herumschleppt: Sie muss sich abgrenzen gegen die große Schwester am Ort und leidet daher unter schweren Definitionsproblemen, zuweilen auch Komplexen.

Manchmal, im Falle des Gärtnerplatztheaters, kommen auch schwere Finanzprobleme dazu. Um das Gebäude zu errichten, wurde mit Erlaubnis von König Ludwig II. eine private Aktiengesellschaft gegründet. Aber so richtig gut lief der Musentempel für die einfachen Leut’ nicht. Der Kini griff 1870 selbst ein und machte das Unternehmen zum „Königlichen Theater am Gärtnerplatz“, das bis 1930 Eigentum der Wittelsbacher blieb.

Doch immer blieb da diese Fieberkurve. Erfolg, Nachfrage, guter Kartenabsatz, goldene Zeit, dann wieder Einbruch bis zur Gefährdung des Hauses. Manchmal versuchte man, sich mit Gastspielen des Wiener Burgtheaters über Wasser zu halten, ein andermal gründete man eine umhertingelnde Gastiertruppe, die als Werbemaßnahme gedacht war. Trotz dieser stets rechtzeitig gestoppten Talfahrten (auch wenn das Haus dafür gelegentlich geschlossen werden musste) hatte sich das Gärtnerplatztheater irgendwann in der deutschen Kulturlandschaft etabliert. Dies in erster Linie wegen seiner maßstäblichen Operettenaufführungen – sogar Superstars wie Franz Lehár standen am Pult.

Wenn es also ein Haus gibt, an dem die Operette, die aufmüpfige Schwester des Musikdramas, musterhaft gepflegt wird, dann ist dies das Münchner. Das Gärtnerplatztheater wurde quasi zur Speerspitze der leichten Muse, was in dunkler deutscher Zeit auch einen anderen Beigeschmack bekam. 1935 meldete das damalige Leitungsduo, man sei seit drei Jahren „bewusst judenfrei“ und damit vor der Machtergreifung „wohl das einzige judenfreie Theater Deutschlands“ gewesen.

Auch wenn die Nazis wohlgefällig auf das Haus blickten, geriet man in eine Zwickmühle. Einerseits sah man sich der braunen Kulturpolitik verpflichtet, die mit Amüsement vom Grauen ablenken wollte, andererseits wurden ständig Werke jüdischer Komponisten gespielt – einfach, weil diese die besten Operetten schrieben. Nach einer Renovierung wurde das Gebäude 1937 und mit 250 000 Reichsmark aus Adolf Hitlers Privatfonds als „Bayerische Staatsoperette“ wiedereröffnet – dies mit einer Inszenierung von Johann Strauß’ „Fledermaus“. Die stieß übrigens auf Kritik des „Führers“. Er ließ mitteilen, dass „weder die Dekorationen, noch die Kostüme, noch die Darsteller oder die Art der Darstellung eine Satire oder Karikatur der damaligen Zeit sein dürfen“. Im Übrigen empfehle man weiße statt schwarze Spitzenhöschen fürs Ballett.

Heesters und Gründgens - die Stars des Theaters

In diese Zeit fällt auch der Aufstieg eines Operettenwundermannes, den manche schon für unsterblich hielten, bis er 2011 im Alter von 108 Jahren starb. Johannes Heesters wurde zu einer Ikone des Gärtnerplatztheaters. In der Nazi-Zeit, als er in Hitlers Lieblingsoperette „Die lustige Witwe“ ständig von seinem Gang ins Maxim kündete („Da geh ich zu Maxim/ Dort bin ich sehr intim“). Und danach, als Heesters, wie viele andere Film- und Theatergrößen, singend und tanzend die verharmlosende Bli-Bla-Bluna-Stimmung der Fünfziger- und Sechzigerjahre beförderte.

Zu den Stars der Nachkriegszeit zählten noch Sari Barabas, Rosl Schwaiger, Harry Friedauer, Ingeborg Hallstein oder Elisabeth Biebl. Gustaf Gründgens trat in seiner eigenen Inszenierung von Offenbachs „Banditen“ auf. Vorübergehend verlor das Haus seine Eigenständigkeit, als es unter Generalintendant Rudolf Hartmann mit der Staatsoper fusionierte – 1955 war diese für das Selbstverständnis so heikle Phase beendet. Für die Operette, wie sie sich ihre Komponisten und Textdichter eigentlich dachten, war dies eine üble Zeit. Sowohl von den Nazis als auch im Nachkriegsdeutschland wurde sie (bewusst) missverstanden, erst recht am Gärtnerplatz: als seichte Unterhaltung, als Mittel zur Alltagsflucht, als pappsüßes Schaumgebäck.

Höchst populäre Produktionen kamen heraus, die Arno Assmann, von 1959 bis 1964 Intendant, sogar ins Fernsehen brachte. Im Rückblick bereitet das dem jetzigen Chef eher Bauchschmerzen. „Die Operette reflektiert durchaus kritisch ihre Zeit, auch wenn man sich dabei mal Sentimentalität gestatten muss“, sagt Josef E. Köpplinger, der seit drei Jahren Intendant ist. „Für mich ist der entscheidende Ansatz, die Operette zu dem zurückzuführen, was sie vor dem Krieg war. Kein so weichgespültes, nichtssagendes Etwas, wie es in den Nachkriegsfilmen transportiert wurde.“

Kurt Pscherer gelang dieser Spagat wohl am besten. Fast 20 Jahre, von 1964 bis 1983, saß er im Chefsessel. Ein Prinzipal der leichten Muse wie aus dem Intendantenmusterbuch. Ob Operette, Musical oder italienische und französische Oper (die man selbstverständlich auf Deutsch spielte): In keiner anderen Zeit behauptete man sich so mühelos gegenüber der Staatsoper. Denn immer blieb da dieser Komplex: Auf Seiten des Gärtnerplatztheaters, das sich manchmal als zweitrangiges Aschenputtel sah. Aber auch auf Seiten der Staatsoper, die so gut wie nie auf Solisten der Kollegen zurückgriff – als ob die ein Kainsmal auf der Stirn trugen.

Die größte Annäherung an das Repertoire der großen Schwester wagte Intendant Klaus Schultz, von 1996 bis 2007 Intendant. Vielleicht auch, weil er selbst gern Chef der Staatsoper geworden wäre. Gespielt wurde mehr Moderne, es gab Uraufführungen, Operette in manchmal extrem ambitionierten Inszenierungen, große Oper, Barockes – und den Abend „In mir klingt ein Lied“. Eine grandiose Produktion, in der mittels aneinander geknüpfter Musikhäppchen und Szenen die Geschichte des Hauses thematisiert wurde: Kein anderes deutsches Musiktheater hat sich bislang so kritisch, klug und liebevoll mit seiner Historie auseinandergesetzt.

Heute, unter der Intendanz von Josef E. Köpplinger, sind die Gärtnerplatzler zu Vagabunden geworden. Wieder ist das Haus geschlossen, diesmal aus Sanierungsgründen. Eine Wiedereröffnung zum heutigen großen Geburtstag hat nicht geklappt, erst in der kommenden Saison ist die Heimat wieder bespielbar. Und doch scheint es, als ob das nicht Verdruss und Frust provoziert, sondern für einen Energieschub sorgt. Man pendelt zwischen Prinzregenten- und Cuvilliéstheater, zwischen Circus Krone und Reithalle, und Ergebnis sind Produktionen, die auf große Nachfrage stoßen. Vielleicht auch, weil inzwischen der „normale“ Gärtnertheater-Konsument den Tapetenwechsel ganz angenehm findet – und neue Zuschauerschichten dazustoßen.

Hinzu kommt: Operette ist wieder in. Die beiden Schrittmacher-Häuser sind München und die Komische Oper Berlin, wo Köpplingers Kollege Barrie Kosky die schrille, schräge Revue pflegt. „Ich bin stolz darauf, dass wir mit unseren Operetten, die jahrelang eher kritisch betrachtet wurde, einen kleinen Boom ausgelöst haben“, sagt Köpplinger. Nicht nur die Qualität der Produktionen mag dafür sorgen, auch anderes: Angesichts einer gesellschaftlichen Situation, in der vieles ins Rutschen geraten ist, in der Veränderungen als bedrohlich empfunden werden und viele auch genug haben von Regie-Experimenten, sehnt man sich nach einem netten Abend. Dass man den Amüsierwilligen dabei Kritisches unterjubeln kann (und sollte), gehört wieder zum Selbstverständnis des Hauses. Schickis dürfen also ab dem 14. Januar 2016 in den Spiegel blicken – bei der Premiere von Offenbachs „Salon Pitzelberger“ – bei jenem Stück also, mit der das Gärtnerplatztheaters einst das Licht der Musikwelt erblickte.

von Markus Thiel

Auch interessant

Meistgelesen

Münchner Hotelbesitzerin in der Türkei: „Die Krise macht uns kaputt“
Münchner Hotelbesitzerin in der Türkei: „Die Krise macht uns kaputt“
MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit

Kommentare