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Geburtsstunde des Hauptbahnhofs: Züge, Prostitution & Fotografen

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Die erste Lokomotive fuhr am 26.8.1839 los: Die „Vesta“ dampfte von München nach Lochhausen.

München - Der Hauptbahnhof – in jeder Stadt der Inbegriff der Hektik, aber auch des pulsierenden Lebens. Normalerweise nicht das Vorzeige-Fleckerl einer Stadt, aber spannend. So wie das Bahnhofsviertel in München auch.

Hier leben heute 70 verschiedene Nationen, die Gegend summt und brummt – und das tat sie schon seit ihrer Geburtsstunde. Heute lesen Sie in unserer Serie, wie sich hier die Künstler ansiedelten, was die erste Dampflok-Fahrt auslöste – und wie die Farbe Rot sehr wichtig wurde …

Der erste Zug

Ganz oben: Der „Bavaria“-Schöpfer Ludwig von Schwanthaler lebte im Künstlerviertel.

Der Geburtstag des Münchner Bahnhofsviertels ist der 26. August 1839: Um 7 Uhr morgens dampfte die Lokomotive Vesta von München zur ersten Fahrt nach Lochhausen – das Eisenbahnzeitalter hatte begonnen. Nachdem die Schienen bis nach Augsburg gelegt waren und 1841 die im Englischen Garten in der Maffei-Fabrik gebaute Lokomotive Der Münchner die Strecke nach Augsburg eingeweiht hatte, baute Friedrich Bürklein 1847 den ersten großen Bahnhof. Der südliche Teil des Viertels hatte sich damals bereits zum Münchner Künstlerviertel entwickelt, weil sich rund um das Atelier des berühmten Bildhauers Ludwig von Schwanthaler – an der Stelle der heutigen Schwanthalerschule – zahlreiche Maler und Bildhauer niedergelassen hatten. Die Aufstellung seines bekanntesten Werks, der Bavaria, erlebte er nicht mehr. Der starb zwei Jahre vor ihrer Enthüllung im Jahr 1848. Eines der damals üblichen Nordlicht-Ateliers ist heute noch auf dem Dach der Landwehrstraße 67 zu sehen.

Die ersten Liebesdamen

Blick auf die Paulskirche von der Sonnenstraße aus – vor rund 120 Jahren entstand im Bahnhofsviertel ein stark frequentiertes Rotlicht-Milieu.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam das südliche Bahnhofsviertel erneut ins Gerede, diesmal als stark frequentiertes Rotlichtviertel. Im Jahr 1885 hatte ein Münchner beobachtet, dass bei Ankunft der Züge oft 20 Prostituierte „ungeniert herumstreichen“. Gerade die Bayerstraße sei eine „Domäne der privilegierten Kartendamen“, weil man von da aus sehr leicht „ein stilles Plätzchen auf der Theresienwiese“ aufsuchen könne“, wie die Historikerin Sibylle Kraft in ihrem Buch Prostitution im München der Jahrhundertwende schreibt.

Das Geschäft wurde dort nicht in Wohnungen oder Stundenhotels betrieben, sondern im Gebüsch der noch weit ins Stadtgebiet reichenden Theresienwiese. Hier verkaufte sich die ärmste Schicht der Prostituierten für ein bis zwei Mark pro Kunde. Es waren meist Gelegenheits-Prostituierte, die sich schnell etwas Geld verdienen wollten.

Die Fotografen

Als um 1865 die gerade erfundene Fotografie einen ähnlichen Aufschwung erlebte wie heute die Digitalfotografie, verwandelten sich viele Maler- in Fotoateliers. Die Gegend um die Schwanthalerstraße/Landwehrstraße/Schillerstraße wurde zum Münchner Fotografenviertel: Wie sich heute in den Schaufenstern ein Döner nach dem anderen dreht, reihte sich damals ein Fotoatelier ans nächste – worüber sich sogar die Karikaturisten der Fliegenden Blätter lustig machten: „Sie, wo wohnt denn da der Herr Huber?“ – „Da vorne, im einzigen Haus, wo kein Fotoatelier ist.“ 1868 konnte man sich im Bahnhofsviertel in 72 verschiedenen Fotoateliers verewigen lassen.

Heinz Gebhardt

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