tz-Serie zum CSD

Hotel Deutsche Eiche: Der Kulttreff der Szene

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Ohne Dietmar Holzapfel (li.) und seinen Ehemann Sepp Sattler würde es die Deutsche Eiche nicht mehr geben. Heuer feiert das Traditionshaus 150. Jubiläum.

München - Am Samstag ist es wieder so weit: Münchens Schwule, Lesben und ihre Freunde feiern sich selbst und die Stadt, in der sie leben. In unserer Serie geht es heute um den Münchner Kulttreff in der schwulen Szene, die Traditionsgaststätte Deutsche Eiche.

Am Samstag ist es wieder so weit: Münchens Schwule, Lesben und ihre Freunde feiern sich selbst und die Stadt, in der sie leben. Der Christopher Street Day gehört seit über 20 Jahren zum Veranstaltungskalender der Stadt. Die tz wollte wissen: Wie leben Schwule und Lesben heute an der Isar? In unserer Serie geht es heute um den Münchner Kulttreff in der schwulen Szene, die Traditionsgaststätte Deutsche Eiche in der Reichenbachstraße 13, die heuer ihr 150. Jubiläum feiert. Das Hotel mit Gastwirtschaft und Badehaus, das von dem Ehepaar Dietmar Holzapfel und Joseph Sattler geführt wird, ist legendär.

Tina Layes

Qeen-Sänger Freddie Mercury feierte wilde Sausen in der Deutschen Eiche, Rainer Werner Fassbinder fand in dem Schankkellner Armin Meier seine große Liebe. Für den Regisseur war das Traditionswirtshaus sogar sein zweites Wohnzimmer, wohnte er doch direkt gegenüber in der Reichenbachstraße 12. Heuer feiert das legendäre Haus sein 150-jähriges Jubiläum. Dabei sah die Zukunft der Eiche oftmals nicht rosig aus. Immer wieder sollte sie gefällt werden, doch ihre Wurzeln waren zu fest im Boden des Glockenbachviertels verankert.

Bereits in den 80er-Jahren steht das Lokal kurz vor der Schließung. 1982 stirbt die Mutter-Wirtin Ella Reichenbach. Die Gäste bleiben aufgrund von Aids und der verbundenen Hysterie aus. Doch heftiger Protest rührt sich – und ihr Stamm bleibt stehen. 1993 will die Inhaberin und Löwenbräutochter Monachia das Gebäude entkernen und verkaufen. Dietmar Holzapfel, sein Ehemann Sepp Sattler sowie sein Vater Nicki Holzapfel sind zur Stelle. Heruntergekommen und renovierungsbedürftig kaufen sie das alte Urgewächs für satte 3,3 Millionen Mark.

„Viel Geld. Wir saßen auf einem hohen Berg von Schulden. Allerdings: Bei der Übernahme hätten wir nie im Traum daran gedacht, dass wir heute eine der meistfrequentierten Männersaunen der Welt führen“, sagt der 57-jährige Holzapfel. Mit dem Bau des großzügigen Badehauses durch die neuen Besitzer Holzapfel und Sattler beginnt eine andere Zeit. Generalsaniert präsentiert sich die Deutsche Eiche heute in modernem Gewand, ohne aber ihrer Geschichte untreu zu werden. Unter dem Dach der Eiche befindet sich ein schickes Designerhotel mit 36 Zimmern. Auf dem Dach dagegen thront eine Terrasse mit einem sensationellen Blick über München – und einer Bar. Und freilich gibt es nach wie vor eine Traditionsgaststätte mit einer guten Küche, egal ob zur Frühstücks-, Mittags oder Abendessenszeit.

Zurück zur Historie: 1864 wurde die Deutsche Eiche erbaut. Das „Mutterhaus“, wie es von den mehrheitlich schwulen Stammgästen noch heute liebevoll genannt wird. Es ist eine Anspielung an ihre weibliche Führung, unter der das Lokal zur Legende wurde. Über vier Generationen hinweg wurde das Wirtshaus von der Familie Reichenbach (übernommen 1896) geführt. Als 1945 Ella Reichenbach zusammen mit ihrer Schwägerin Toni (später auch ihre Tochter Sonja) die Deutsche Eiche übernahm, begann deren Aufstieg zum rosa Mythos. Ausschlaggebend war die Nähe zum Gärtnerplatztheater: in den 1950er-Jahren entdeckten die schwulen Tänzer und Schauspieler die Kneipe für sich. Die Liberalität der Wirtinnen, die Künstleratmosphäre und die exzessive Feierlust des Bühnenvolks ließen die Gaststätte bald zu einem der wenigen schwulen Szenelokale im München der 50er- und 60er-Jahre werden. Zu einer Zeit, in der männliche Homosexualität noch strafbar war (es galt Paragraph 175), bot die Eiche Schwulen ein Refugium. Freilich wurde das Gasthaus kritisch beäugt und auf die Frage, warum hier nur Homosexuelle verkehrten, antwortete Wirtin Ella lapidar: „Stimmt gar ned. Bei mir verkehrn 90 Prozent Künstler und zehn Prozent von Frauen enttäuschte Männer.“

Das änderte sich, als sich ab 1974 Fassbinder zur Clique der Eiche gesellte. Das Lokal wurde zu einer originellen, urmünchnerischen Institution. Fassbinder verewigte sogar das Gasthaus und die letzte Wirtin Ella in seinen Filmen.

„Natürlich hat sich die Deutsche Eiche in den Jahrezehnten verändert“, sagt Holzapfel. „Aber ohne die Renovierungen hätte sie nicht überlebt. Und das kann keiner ernsthaft wollen.“

Das Wirte-Ehepaar Holzapfel & Sattler

Sie sind seit 36 Jahren ein Paar – und vor über zwölf Jahren haben sich Dietmar Holzapfel (57) und Sepp Sattler (60) das Ja-Wort vor dem Traualtar gegeben. Die beiden Deutsche-Eiche-Chefs wohnen im 12. Stock des Luxusturms The Seven und harmonieren wunderbar. Während sich Sepp um die Architektur und das Technische rund um den Kulttreff kümmert, ist Holzapfel für die Kommunikation zuständig. Der ehemalige Grundschullehrer gibt u.a. Führungen durch das Haus – ein Beitrag, um Homosexualität toleranter gegenüberzutreten. Spannend sind auch seine Geschichten über die Münchner Stadtgeschichte und -architektur, die er auf der Dachterrasse zum Besten geben kann (samstags, jeweils um 11 und 12 Uhr, kostenlos).

Dietmar Holzapfel engagiert sich unter anderem für die Schwulenszene, ist aktiv bei der Rosa Liste und wird auch beim Christopher Street Day am Samstag teilnehmen: „Als deutsche Eiche verkleidet werde ich auf einem Leiterwagen anrollen, auf dem ein König Ludwig II.-Denkmal thront“, sagt er. Seit Jahren ist es ihm ein Anliegen, dass der Kini-Kopf auf der Corneliusbrücke verewigt wird.

Klitsch-k.o. für den CSD in Kiew!

Christopher Street Day in Kiew? Davon können die Schwulen und Lesben der Münchner Partnerstadt nur träumen. Bürgermeister Vitali Klitschko schlug ihn k.o.!

Am 5. Juli wollten Aktivisten in der ukrainischen Hauptstadt mit einem „March of Equalitity“ für die Rechte der Homosexuellen protestierten, „Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko sagte aber nur 20 Polizisten zum Schutz der Parade zu“, so Grünen-Stadträtin Lydia Dietrich, die als Vertreterin der Landeshauptstadt zum Gay Pride nach Kiew gereist war. Dietrich: „In der Stadt kursieren aber Tausende Waffen, die während der Maidan-Bewegung verschwunden sind.“ Gewaltbereite Gegner hätten gedroht, den geplanten Marsch anzugreifen. „Deshalb wurde der Umzug abgesagt.“

Offen schwul zu leben, ist in der Ukraine gefährlich. Taras Karasiichuk (30), ein vor Ort bekannter Aktivist, wurde schon fünf Mal überfallen, einmal auf dem Weg zur U-Bahn, wo ihm ein Unbekannter mit Tritten den Kiefer brach. „Ich meide seitdem die öffentlichen Verkehrsmittel.“ Auch andere Aktivisten wurden verprügelt. Karasiichuk vermutet dahinter Anhänger des „rechten Sektors“ und der Partei Swoboda, die an der Regierung beteiligt ist. „Diese Rechtsextremen bekämpfen alles, was nicht der Norm entspricht.“ Die Lage der Homosexuellen in den ukrainischen Gebieten, in denen Russland oder russische Milizen das Sagen haben, sei ebenso aussichtslos: „Auch dort werden Schwule überfallen, und man versucht, die Homosexualität zu verbieten.“

Statt der Parade fand in Kiew ein Flashmob vor einem Denkmal statt, das der Freundschaft zwischen Russland und der Ukraine gewidmet ist…

Johannes Welte

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