Weiter Aufnahmestopp auf Intensivstation

Krankenhaus-Keim im Isarklinikum: Patientin tot!

München - Der ungebetene Gast heißt „Acinetobacter baumannii“ – und mit ihm hat sich das private Isarklinikum an der Sonnenstraße eine ernste Keim-Krise eingehandelt.

Denn wegen der meldepflichtigen Bakterienart ist die Intensivstation weiterhin dicht, wie das städtische Gesundheitsreferat gestern mitteilte. Größere Operationen würden derzeit nicht vorgenommen, räumte der Ärztliche Direktor Professor Dr. Thorsten Lewalter ein. Er bestätigte auch, dass die Patientin, die den Erreger mutmaßlich in die Klinik gebracht hat, mittlerweile tot ist. Sie sei allerdings nicht aufgrund der Infektion, sondern an den Folgen ihrer „schwersten Grunderkrankung“ gestorben. Nach tz-Informationen litt die Frau aus Südosteuropa an Krebs.

Krisenmanager: Prof. Thorsten Lewalter.

„Wir werden keinerlei Risiko eingehen und die Intensivstation erst dann wieder in Betrieb nehmen, wenn das Problem vollständig behoben ist“, betonte Lewalter. Derzeit liegen noch zwei Patienten in der ansonsten geräumten Abteilung: eine Frau, die sich dort mit den baumannii-Bakterien angesteckt hatte, sowie ein Mann, der einen anderen meldepflichtigen Erreger in sich trägt. Um welchen es sich dabei genau handelt, ließ Lewalter offen. Die Patienten seien allerdings auf dem Weg der Besserung. „Wir gehen davon aus, dass wir beide schon nächste Woche in Krankenhäuser in der Nähe ihrer Wohnorte verlegen können“, sagte der Ärztliche Direktor der tz.

Anschließend solle die dann komplett leere Intensivstation gründlich desinfiziert und nach einigen Kontrolluntersuchungen wiedereröffnet werden.

Lewalter versicherte, dass das Isarklinikum zu „100 Prozent“ mit den Behörden zusammenarbeite und ihren Vorgaben strikt Folge leiste. Das Gesundheitsreferat sprach von einem „engen, fachlichen konstruktiven Austausch mit der Klinik“.

Unterdessen bemüht sich das Management des Isarklinikums, trotz der Keim-Krise Teile des OP-Betriebs sicherzustellen: „Wir haben eine provisorische Intensivstation mit vier Betten eingerichtet. Dadurch können kleinere Eingriffe wie geplant stattfinden.“ Im rasch wachsenden Isarklinikum, das dem Münchner Kardiologen Professor Dr. Eckart Alt gehört, operieren Dutzende Belegärzte ihre Patienten.

Hygiene-Experte: „Hundertprozentigen Schutz gibt es nicht“

Hygiene-Experte Dr. Wolfgang Decker.

Die unsichtbaren Gefahren lauern in jeder Klinik: Bakterien, die Patienten krank machen und im schlimmsten Fall töten können. Jedes Jahr passieren in Deutschland 900.000 sogenannte nosokomiale Infektionen, wie Mediziner die Ansteckungen mit Krankenhaus-Keimen nennen, mindestens 30.000 Menschen sterben daran. Das geht aus Untersuchungen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaus-Hygiene hervor. Im tz-Interview analysiert der Münchner Internist, Hygiene-Spezialist und Klinikchef Dr. Wolfgang Decker das brisante Problem.

Was würden Sie einem Patienten sagen, der relativ gesund in eine Klinik hineingeht und schwer krank wieder herauskommt?

Dr. Wolfgang Decker: Dass es leider keinen hundertprozentigen Schutz vor Infektionen gibt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass neben Ärzten und Pflegepersonal auch die Patienten selbst akribisch auf die Einhaltung der Hygiene-Vorschriften achten. Nur dadurch lässt sich das Restrisiko einer Ansteckung minimieren.

Was kann ein Patient konkret tun, um sich besser vor einer Ansteckung zu schützen?

Dr. Decker: Er kann zum Beispiel darauf bestehen, dass sich Ärzte und Pflegepersonal ihre Hände desinfiziert haben, bevor sie ihn behandeln – insbesondere dann, wenn die Mitarbeiter gerade noch beim Bettnachbarn beziehungsweise bei einem anderen Patienten waren. Für das Klinikpersonal sollte es trotz aller Arbeitsbelastung Pflicht sein, sich pro Schicht bis zu 80 Mal die Hände zu desinfizieren. Anders bekommen wir das Problem nicht in den Griff.

Wieso ist der Kampf gegen die Krankenhaus-Keime eigentlich so schwierig?

Dr. Decker: Weil Nachlässigkeit menschlich ist, Mitarbeiter oft unter großem Zeitdruck und Stress stehen, und schon das kleinste Versäumnis zu einer Ausbreitung von Keimen führen kann. Und vor allem, weil in den allermeisten Fällen die Patienten selbst die Keime mit in die Klinik bringen. Selbst bei größter Sorgfalt lässt sich nicht garantieren, dass auch wirklich alle eingeschleusten Keime abgetötet werden. Nehmen Sie zum Beispiel die Operationssäle. Es ist unmöglich, einen Patienten absolut steril zu operieren, weil in jedem Haarbalg Bakterien sitzen.

Kann man die Patienten nicht vor der OP oder generell vor der Einlieferung ins Krankenhaus auf Bakterien testen?

Dr. Decker: Das wäre bei geplanten Eingriffen oder Behandlungen grundsätzlich mit einem Nasenabstrich und anschließendem Labortest möglich. Aber diese Untersuchungen werden in vielen Häusern nur bei Risikopatienten gemacht, zum Beispiel Schwerkranken, bei Senioren mit Vorerkrankungen oder bei Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten. Eine Art Abstrich-Pflicht gibt es nicht – auch deshalb, weil die Finanzierung nicht gesichert ist. Die Hausärzte bekommen diese Abstriche in der Regel von den Krankenkassen nicht bezahlt.

Für Patienten klingt das aber nicht sehr beruhigend...

Dr. Decker: Ich sage es mal so: Einerseits dürfen wir Hygienemängel nicht verschweigen, aber es gibt auch keinen Grund, in Panik zu verfallen. Wenn man weiß, dass ein Patient einen bestimmten Keim in sich trägt, kann man diesen in den allermeisten Fällen auch sehr gut behandeln. Darüber hinaus ist es nicht gesagt, dass man wegen eines Keimes überhaupt erkrankt. Manche Menschen sind zwar mit einem Erreger besiedelt, wie wir Ärzte sagen, aber bleiben gesund. Nehmen Sie beispielsweise den bekannten MRSA-Keim. In der Münchner U-Bahn sind sicherlich vier, fünf Prozent der Fahrgäste damit infiziert, aber nur ein Bruchteil von ihnen bekommt Probleme. Warum das so ist, ist noch nicht genau erforscht.

Andreas Beez

Rubriklistenbild: © Schlaf

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