Wie sicher ist das Isar-Hochufer?

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Das Isar-Hochufer besteht aus den gleichen geologischen Schichten wie der Katastrophen-Hang in Stein an der Traun. So musste im 19. Jahrhundert ein Großteil der Burg Grünwald ­(Foto) wegen Einsturzgefahr abgerissen werden.

München - Die Katastrophe von Stein an der Traun geschah, weil sich ein hausgroßer Nagelfluh-Felsen aus einem Hang gelöst hatte. Aus exakt diesem Gestein besteht das gesamte Isartal zwischen München und Wolfratshausen und bildet das Isar-Hochufer.

Wir wollten wissen: Wie sicher sind die Hänge im Süden der Stadt? Aufmerksame Isar-Wanderer und Radlfahrer wissen, dass sich auch im Isartal schon Felsstürze wie in Stein an der Traun ereignet haben. So ist der Georgenstein bei Baierbrunn inmitten der Isar ein Nagelfluh-Fels, der vor Tausenden von Jahren vom Isar-Hochufer in die Tiefe gedonnert war.

Auch am Isarwehr bei Pullach wälzt sich die Isar über eine Stromschnelle aus Nagelfluh-Felsen, die hier ebenfalls vor Tausenden Jahren in die Tiefe donnerten. Im Klettergarten in Baierbrunn sind die Felsen noch da, wo der Georgenstein und die anderen Nagelfluhfelsen einst herausgebrochen sind: am Isar-Hochufer. Eines Tages werden sie auch dort in die Tiefe stürzen. In unmittelbarer Nähe dieses wackligen Hochufers stehen Hunderte von Häusern: In Grünwald, Pullach, Harlaching oder Solln sind ganze Villenviertel auf Nagelfluh gebaut. An der Hangkante verlaufen überall Straßen, Geh- und Radwege, manchmal direkt über den Felswänden. Die Stadt, die hier für viele Wege zuständig ist, kontrolliert die Hänge in regelmäßigen Abständen, versichert Jürgen Marek, Sprecher des Baureferates. „Das gehört zur Verkehrssicherungspflicht. Wenn sich irgendwo ein Anhaltspunkt ergibt, dass der Hang instabil geworden sein könnte, werden Gutachter beauftragt, die die Stabilität überprüfen.“

Gräber aus Stein - die Natur schlägt zurück

Gräber aus Stein - die Natur schlägt zurück

31. Mai 2006: Auf der St.-Gotthard-Autobahn bei Gurtnellen (Schweiz) wird ein Ehepaar aus Baden-Württemberg (64, 57) im eigenen Auto von einem ­riesigen Felsbrocken mit mehreren Metern Durchmesser ­erschlagen. Das Auto geht in Flammen auf. Insgesamt stürzen rund ein Dutzend großer Felsen auf die Straße und bringen einen Lkw zum Umstürzen. Der Fahrer kommt mit dem Schrecken davon. © AP
21. August 2009: Fünf portugiesische Touristen, alle aus dem Norden des Landes, sterben an einem gut besuchten Strand an der Algarveküste bei Albufeira durch herabstürzende Felsbrocken. Drei ­weitere Urlauber werden verletzt. Ein Teil der Steilküste war plötzlich auf den Strand gekracht. Bei den Toten handelt es sich um ­eine vierköpfige Familie und ein weiteres Opfer. © dpa
5. Januar 2007: Im Hinteren Rheintal in der Schweiz donnert abends ein Personenzug in ­einen niedergegangenen ­Felssturz, der die Galerie eindrückte. Der Lokführer und 30 Fahrgäste bleiben wie durch ein Wunder unverletzt. Auch die Simplonstraße wird verschüttet. Als Grund gibt ein Experte den Wechsel von Nachtfrost und milden Tagestemperaturen an, der die Felsen sprengt. © www.Bahnonline.ch
13. Juli 2006: An der Ostflanke des Eiger in den Berner Alpen (Schweiz) stürzen 500 000 Kubikmeter Felsbrocken auf den Unteren Grindelwald­gletscher. Am gleichen Tag fällt die „Madonna vom Eiger“ zu Tal – ein ungefähr 30 Meter hoher Felsturm mit 600 Kubikmeter Volumen. Als mögliche Ursachen nennen Experten massives Eindringen von Schmelzwasser, aber auch das Schrumpfen des Gletschers, der die Talwände stützt. © dpa
14. Oktober 2000: Am Schweizer Simplonpass (an der Grenze zu Italien) geht eine Geröll-Lawine mit großer Geschwindigkeit ab. Die Folgen: elf Todesopfer im Dorf Gondo und zwei Verschollene. Die Mure hat ein Volumen von etlichen 10 000 Kubikmetern. Genau vier Jahre später wurde das wieder aufgebaute Dorf eingeweiht. Vor der Katastrophe lebten 120 Menschen in Gondo, 2007 nur noch 80. © AP
25. Januar 2010: Ein Steinschlag in Stein an der Traun begräbt ein Einfamilienhaus unter sich: Zwei Menschen sterben, zwei können wie ein Wunder lebend geborgen werden. © Götzfried

Wegen der instabilen Hänge musste im vorigen Jahr etwa die Straße am Harlachinger Berg mit neuen Beton-Fundamenten abgestützt werden. Als ebenfalls 2009 der Fuß- und Radweg bei Maria Einsiedel erneuert wurden, wurde ein Gutachten für die Felshänge eingeholt. Marek: „Der Gutachter bescheinigte, dass der Hang stabil ist.“ Das Landratsamt München geht ähnlich vor. „Wenn es einen Bauantrag im Bereich des Hochufers gibt, muss der Bauherr ein geologisches Gutachten vorlegen, das bestätigt, dass der Untergrund stabil dafür ist“, so Landkreis-Sprecherin Christine Spiegel. Dennoch ist das Betreten der ­Felshänge unterhalb Grün­walds verboten, weil sich dort einzelne Felsen lösen könnten. Auch das Betreten des Klettergartens in Grünwald ist nur auf eigene Gefahr möglich, wie die Schilder dort mahnen.

Dass das Isar-Hochufer stets absturzbedroht ist, mussten die Wittelsbacher im 17. und 18. Jahrhundert leidvoll erfahren: Große Teile ihrer gotischen Burg in Grünwald mussten damals abgebrochen werden, da die Isar den aus Nagelfluh bestehenden Burgberg unterspült hatte und das Plateau abzurutschen drohte. Und auch in jüngster Zeit gab es Felsstürze: Am 23. April 2008 stürzte nahe Kloster Schäft­larn am frühen Morgen ein fünf Kubikmeter großer Nagelfluh-Felsen auf die Straße. Weitere kleinere Stücke folgten. Gott sei Dank war gerade niemand dort mit dem Auto unterwegs.

Johannes Welte

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