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„Müssen hier raus“: Rollstuhlfahrerin verzweifelt bei über 30 Grad am Hauptbahnhof - Bahn entschuldigt sich

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Von: Miriam Haberhauer

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Eine schwerbehinderte Rollstuhlfahrerin sitzt am Münchner Hauptbahnhof fest – der Aufzug ist defekt. Über eine Stunde lang muss sie in der stickigen Hitze ausharren.

Update vom 30. August 2022, 14.30 Uhr: Inzwischen liegt tz.de eine Stellungnahme der Deutschen Bahn zum Vorfall vor. Sie „entschuldigt sich beim Ehepaar S. für die Unannehmlichkeiten, die durch den Ausfall der Anlage entstanden sind.“ Wie eine Sprecherin mitteilt, konnten die DB-Mitarbeiter „aus Versicherungs-, Haftungs- und Sicherheitsgründen (beidseitige Verletzungsgefahr) leider nicht durch Tragen o. ä. Hilfestellung leisten.“

Nach Aussagen der DB stehen für solche Fälle Mitarbeiter der Mobilitätsservice-Zentrale (MSZ) zur Verfügung. Weiter heißt es: „Wir bitten um Entschuldigung, dass die Kapazitäten der Kollegen aufgrund der Kurzfristigkeit gebunden waren. In Situationen wie dieser, in denen keine alternative Lösung wie ein zweiter Aufzug vorhanden ist, kann auch die Feuerwehr hinzugezogen werden.“

München: Schwerbehinderte Rollstuhlfahrerin an S-Bahnhalt gefangen – Aufzug defekt

Ursprungsmeldung:

München – Gerade einmal vier Minuten dauert die Fahrt vom Münchner Marienplatz zum Hauptbahnhof. Dort angekommen, beginnt für das Ehepaar S. aus Hanau am 8. Juli die Tortur: Über eine Stunde müssen die beiden 55-Jährigen im stickigen Bahntunnel ausharren. Sabine ist schwerbehindert und auf ihren Rollstuhl angewiesen – der einzige Aufzug weit und breit ist jedoch defekt.

„Zweimal sind wir den ganzen Bahnsteig abgelaufen. Meine Frau habe ich im Rollstuhl vor mir hergeschoben“, erzählt S. tz.de. Am gesamten Bahnsteig gab es keinen einzigen Aufzug, lediglich zwei Rolltreppen führten nach oben. Für die 55-Jährige im Rollstuhl ein unüberwindbares Hindernis.

„Wir warteten bis die nächste S-Bahn kam, und durchquerten sie, um auf den gegenüberliegenden Bahnsteig zu kommen. Dort suchten wir erneut einen Aufzug. Vergebens“, erzählt der Hanauer. Ein Mitarbeiter der Tiefbahnhofaufsicht erklärte ihnen schließlich den Weg zum nächstgelegenen Fahrstuhl. Dort angekommen, stellten sie fest: Der Aufzug war außer Betrieb.

Wieder zurück beim DB-Mitarbeiter erfuhren sie: „Es gibt sonst keinen anderen Aufzug“. Zu diesem Zeitpunkt waren mindestens vier Mitarbeiter im Büro der Tiefbahnhofaufsicht anwesend, so der Ehemann. Keiner von ihnen war selbst bereit, dem Ehepaar mit der Rolltreppe zu helfen. Nach eigener Aussage wollten die Mitarbeiter kein Risiko eingehen, für den Fall, dass etwas schiefläuft – für den Hanauer eine verständliche Reaktion.

Schwerbehindertenausweis
Ihr Schwerbehindertenausweis berechtigt die Hanauerin zur kostenlosen Nutzung des ÖPNV. © Michael S.

Kritischer Gesundheitszustand – Hanauer wagen sich trotz Unfallgefahr auf Rolltreppe

Auch Mitarbeiter der Bahnhofssicherheit kamen der schwerbehinderten Frau und ihrem Mann nicht zur Hilfe. Man sagte ihnen: „Es kann niemand kommen, es gibt zu wenig Personal“, berichtet S. Seine Frau wurde zunehmend unruhiger: „Was sollen wir denn jetzt machen?“, fragte sie ihn. Bis zu diesem Moment waren bereits 30 Minuten vergangen, seitdem die beiden aus der S-Bahn ausgestiegen waren.

Die stickige Luft im Untergeschoss – es hatte an diesem Tag über 30 Grad – machte der Frau immer mehr zu schaffen. „Sie bekam Atemprobleme und eine Panikattacke.“ Auf ihre Bitte hin wurden Rettungskräfte alarmiert. Als diese nach über 20 Minuten immer noch nicht eintrafen, entschied der besorgte Ehemann: „Wir müssen hier raus. Egal wie.“

Aus Verzweiflung wagte er sich, mit seiner Frau im Rollstuhl, nun doch auf die Rolltreppe. Das Problem: „Die Räder des Rollstuhls waren viel zu groß für die Rolltreppe.“ Weiter erzählt S.: „Wenn die zwei Passanten hinter uns nicht gewesen wären, wären wir beide definitiv gestürzt.“ Diese beiden Passanten begleiteten das Ehepaar auch noch auf die nächste Ebene. Mit ihrer Hilfe gelang es den beiden schließlich wieder an das Tageslicht zu kommen. Über eine Stunde nach ihrer Ankunft am Münchner Hauptbahnhof.

Vorfall in München: DB-Kundenservice reagiert nicht – „Hätte mir nur eine Entschuldigung gewünscht“

„So etwas darf nicht vorkommen“, erklärt der Hanauer ihren Ärger. Zweimal kontaktierte er den DB-Kundenservice, die erste Mail schrieb er bereits am 20. Juli – vor über einem Monat. Bis heute kam keine Antwort. „Ich hätte mir nur eine Entschuldigung gewünscht“, sagt er. Mehr verlange er gar nicht. Bisher reagierte die Deutsche Bahn auf keine seiner E-Mails. Auch tz.de lag bis Dienstagvormittag (29. August) trotz Anfrage immer noch keine Stellungnahme vor.

Ähnlich erging es auch einer Münchnerin, welche am U-Bahnhof Messestadt Ost im Aufzug stecken blieb. Über eine Stunde musste sie auf Hilfe warten, erlitt einen Schwächeanfall und musste am Ende auch noch ins Krankenhaus eingeliefert werden. (mlh)

*In einer früheren Version des Artikels war von einer U-Bahnfahrt die Rede. Tatsächlich handelte es sich um eine S-Bahn, die Szenen spielten sich dementsprechend im (unterirdischen) S-Bahnbereich des Hauptbahnhofs ab.

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