Skandal im Sperrbezirk 

Aufgedeckt: Die geheime Rotlicht-Szene am Hauptbahnhof

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Die Münchner Polizei bei einer Razzia im Rotlicht-Milieu.

Skandal im Sperrbezirk: Die tz zeigt das verbotene Rotlichtmilieu, erklärt die Rechtslage und sagt, was die Polizei unternimmt.

München - „Traumhafte Nächte gegen Taschengeld“, „süß und versaut sucht schöne Dates“ – das Netz ist voll von solchen Angeboten. Frauen bieten auf einschlägigen Foren im Internet Liebesdienste an – beispielsweise „im Hotel“ oder „bei dir“. Unerlaubt! Denn rund 90 Prozent des Stadtgebiets sind Sperrbezirk – Prostitution ist dort verboten. Lediglich an neun Anbahnungszonen dürfen die Prostituierten den Kontakt mit den Freiern öffentlich herstellen. Wer Prostitution im Sperrbezirk ausübt, muss beim ersten Mal eine Geldstrafe von 300 Euro zahlen. Ab dem zweiten Mal handelt es sich um eine Straftat.

Immer wieder berichtet die tz über die Münchner Rotlichtszene – vor allem das Bahnhofsviertel ist im Visier der Polizei. Erst im Mai fand dort eine große Razzia gegen Alkoholmissbrauch, Drogen, Bettlerbanden und Prostitution statt. Seit der EU-Osterweiterung kommen immer mehr Frauen nach München. Mithilfe des neu eingeführten „kommunalen Außendienstes“ will das KVR auch die illegale Prostitution im Bahnhofsviertel eindämmen. Laut Professor Fritz Wickenhäuser vom Verein „Südliches Bahnhofsviertel“ höchste Zeit. „Nicht nur, dass Hotelgäste und Theaterbesucher von den Damen angesprochen werden. Die Frauen belästigen auch weibliche Hotelgäste – weil sie als Konkurrenz verkannt werden. Das ist wirklich nicht mehr tragbar“, klagt Wickenhäuser. „Die Problematik der illegalen Straßenprostitution steigt an“, sagt auch Wickenhäusers Schwiegersohn, der am Bahnhof zwei Hotels betreibt.

Fritz Wickenhäuser schlägt Alarm.

Polizei weiß von Dunkelziffer - pikantes Dokument aufgetaucht

Man habe das Milieu im Griff, heißt es hingegen von der Polizei. Auch was die illegale Prostitution betrifft. „Es gibt keine feststellbaren Schwankungen“, sagt ein Sprecher auf tz-Anfrage. Allerdings räumt er ein, dass es eine Dunkelziffer gibt, „die hier definitiv greift“. 

Lesen Sie dazu auch das Interview: Prostituierte (49) über das Münchner Milieu - „Es ist billiger und respektloser geworden“

Ein Dokument, das unserer Zeitung anonym zugespielt wurde, passt zu dieser Einschätzung: Der Verfasser listet darin über 130 Namen, Nummern und Adressen auf, die seiner Aussage nach der privaten Prostitution in Wohnungen, Hotels oder Massagestudios nachgehen – fast alle im Sperrgebiet. Recherchen in Internetforen wie Rote Laterne oder markt.de liefern ähnliche Ergebnisse. „Nur Haus- oder Hotelbesuche“ heißt es in den Anzeigen oft – Frauen bieten „gegen Taschengeld“ ihre Dienste stadtweit an. 

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Auf dem Internetportal markt.de erklärt der Betreiber der Seite die Taschengeld-Floskel so: „Grundsätzlich dürfen nämlich Privatwohnungen nicht für gewerbliche Tätigkeiten benutzt werden. Da dies schwer nachzuweisen ist, wenn man nur gelegentlich Sex gegen Taschengeld anbietet, sollte man trotzdem darauf achten, dass man andere Mieter nicht stört.“

Viel mehr Sexarbeiterinnen angemeldet als früher 

Mit der Einführung des neuen Prostituiertenschutzgesetzes zur Eindämmung von illegaler (Zwangs-)Prostitution gibt es ab 1. Juli 2017 für Sexarbeiterinnen eine Anmeldepflicht bei der Stadt. „Bei uns dürfen nur angemeldete Frauen inserieren“, betont die Betreiberin der Seite Roten Laterne. Welche Dienste wo geleistet werden, sei Sache der Frauen. „Wir stellen nur die Plattform bereit“, so die Betreiberin. Angeboten werden meist keine Sexdienste – sondern „Massagen“. Das ist legal.

Momentan sind 2436 Sexarbeiterinnen beim KVR angemeldet – mehr als doppelt so viele wie noch im Jahr 2000 (1226). Und das sind nur die registrierten. Der Informant spricht von „über 2000 Kontakten zu ganz privaten Frauen, die in ihren Privatwohnungen arbeiten oder im Hotel ihre Dienste anbieten“. Er habe einen Auszug der Liste der Polizei zukommen lassen. Die Polizei bestätigt den Erhalt der Daten. Im zuständigen Kommissariat 35 seien bereits Ermittlungen geführt worden.

Die „Sittenpolizei“ kontrolliert 190 legale Bordelle und ermittelt gegen illegale Prostitution

Bei der Münchner Polizei ist das Kommissariat 35 für die Deliktsbereiche Menschenhandel, Prostitution und Zuhälterei zuständig. Die Beamten der „Sitte“ kontrollieren regelmäßig die rund 190 legalen Bordelle in der Stadt und ermitteln auch in Fällen illegaler (Zwangs)prostitution. Seit der EU-Osterweiterung kommen immer mehr osteuropäische Frauen nach München. 2016 waren nicht einmal mehr zehn Prozent der Frauen, die in München ihre Liebedienste anbieten, Deutsche. Vor allem zur Wiesn-Zeit boomt das Geschäft mit dem (illegalen) käuflichen Sex.

Wenn die Polizei einen Hinweis auf illegale Prostitution erhalte, stünden ihr „verschiedene Ermittlungsansätze“ zur Verfügung, sagt ein Polizeisprecher. Ins Detail will er aus „ermittlungstechnischen Gründen“ nicht gehen. In der Vergangenheit hat die Polizei bei Razzien im Rotlicht-Milieu mitunter Scheinfreier im Sperrbezirk losgeschickt. Die Ahndung von illegaler Prostitution sei schwierig, so der Sprecher. „Es handelt sich um ein Kontrolldelikt, das festgestellt werden muss.“ Deshalb seien die genannten Zahlen, was die Anzeigen bezüglich illegaler Prostitution betrifft, auch nicht repräsentativ für die tatsächliche Anzahl der Prostituierten im Sperrbezirk. „Da es sich hierbei um ein Kontrolldelikt handelt, steigt und fällt die Zahl mit den hierbei durchgeführten Einsätzen.“

Um eine Wohnung oder ein Hotelzimmer betreten zu dürfen, müsse es „klare Hinweise“ darauf geben, dass Prostitution stattfinde. Nach Einführung des neuen Prostituiertenschutzgesetzes vom 1. Juli 2017 sei die Polizeiarbeit auf diesem Gebiet zudem schwieriger geworden. „Seither müssen sich die Damen beim KVR anmelden, wir bekommen die Daten nicht mehr.“ Ein Gespräch mit den Frauen unter „neutralen Bedingungen“ auf der Dienststelle sei nicht mehr möglich. „Jetzt ist ein Gespräch nur noch möglich, wenn eine Kontrolle an der Arbeitsstelle erfolgt.“

Hoteliers schlagen Alarm

Die Situation im Bahnhofsviertel spitzt sich zu. Das sagt Hotelier Alexander Egger, der in Bahnhofsnähe zwei Hotels betreibt. „Es gibt zwei Problembereiche. Zum einen die Straßenprostitution – Hotelgäste werden von den Damen angesprochen.“ Hier seien der Polizei oft die Hände gebunden. „Das Ansprechen stellt noch keine Ordnungswidrigkeit dar, erst der Vollzug.“ Zum anderen macht die illegale Prostitution in den Hotelzimmern den ansässigen Hoteliers das Leben schwer. 

Liebesdienste werden auch in der Goethestraße angeboten.

Zwar gebe es Schwerpunktaktionen der Polizei. Doch diese seien in der Vergangenheit weniger geworden. Früher hätte es öfters Anfragen an die Hotels seitens der Polizei gegeben, Zimmer mit Scheinfreiern zu besetzen, um zu schauen, „wie weit die Frauen gehen“. „In den letzten Jahren gab es das nicht mehr. Wir verstehen natürlich, dass die Polizei Prioritäten setzen muss und sind froh, dass die Beamten kommen, wenn wir sie rufen. Aber seit der EU-Osterweiterung hat die illegale Prostiution in den umliegenden Hotels stark zugenommen.“ 

Und die Hoteliers hätten kaum Handhabe. „Zuhälter buchen oft über die großen Booking-Systeme. Diese Reservierungen müssen wir annehmen.“ Selbst wenn die Hotels später merken, dass es sich um eine Prostituierte handelt – etwa aufgrund wechselnder Männerbesuche in einem Zimmer – könne man kaum eingreifen. „Ich bin einen rechtsgültigen Vertrag eingegangen und müsste beweisen, dass es sich um Prostitution handelt, die Beteiligten quasi in flagranti erwischen.“ 

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