Behörden räumen Camp an Kapuzinerstraße 

Weltstadt mit kaltem Herz? So gnadenlos greift die Stadt gegen Obdachlose durch

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Die Passanten Saweth (80) und Hannes Honigmann (81): „Die Obdachlosen hier haben keine Lobby. Wir gehen ­beinahe täglich hier durch und fühlen uns überhaupt nicht gestört – ganz im Gegenteil. Schlimm genug, dass sie bei dem hellen Licht hier schlafen müssen. Aber sie organisieren sich ihr Leben halt. Wenn es kalt ist, bringen wir ihnen Decken zum Aufwärmen.“

Ist es nur der Frost-Atem aus Sibirien, der die Münchner zittern lässt? Oder breitet sich auch soziale Kälte in der Stadt aus? Fragen wie diese kann man sich stellen, wenn man an der Unterführung an der Kapuzinerstraße vorbeikommt.

München - Rund 20 Wohnungslose haben hier ihr Nachtquartier aufgeschlagen. Sie haben Matratzen gestapelt, hüllen sich nachts in dicke Schlafsäcke. Weil es in der Unterführung zieht wie Hechtsuppe, und um ein letztes bisserl Privatsphäre zurückzugewinnen, haben sich manche sogar regelrechte Verschläge gebaut. Damit ist am morgigen Dienstag Schluss: Die Obdachlosen müssen sich ein anderes Plätzchen suchen, die Stadt räumt das Lager!

„Ich bin gelernter Monteur, doch als mich meine Frau verlassen hat, kam der Alkohol. Jetzt mache ich einen oder zwei Jobs in der Woche, für eine Wohnung reicht das nicht. In dieser Unterführung schlafe ich seit drei oder vier Jahren. Stress gab es hier noch nie. In der Bayernkaserne war ich ein einziges Mal – da haben sie mir meine Schuhe geklaut“, sagt Thomas L. (56) aus München.

Bereits 2015 hatte das Sozialreferat die „AG Wildes Campieren“ gegründet. Seitdem greift die Verwaltung durch: Allein im vergangenen Jahr löste die Stadt 13 Camps auf – etwa bei der spektakulären Räumung des Lagers unter der Reichenbachbrücke.

„Ich gehe hier öfter vorbei und habe mich noch nie von den Obdachlosen gestört gefühlt. Die Menschen brauchen ja auch einen Platz zum Schlafen. Die Räumung kann ich nicht verstehen. Ich habe noch nichts von ­Problemen mit den Obdachlosen mitbekommen. Es wäre schön, wenn sie nicht gehen müssten“, sagt Anwohnerin Brigitte Steinbrunner, 60.

Kaltes Herz oder echte Menschlichkeit? Edith Petry, Sprecherin des Sozialreferats, sagt, so wolle die Stadt nicht nur für Ordnung sorgen, sondern die Obdachlosen auch über ihre Rechte aufklären und ihnen zeigen, wie sie trotz ihrer Armut an Wohnraum gelangen könnten. Zum Beispiel gebe es den Kälteschutz. „In der Bayernkaserne haben wir 850 Schlafplätze“, sagt Pe­try, „da ist für jeden Obdachlosen Platz.“ Der Stadt gehe es darum, eine deutliche Botschaft zu vermitteln: In München muss niemand auf der Straße schlafen. Und das Thema ist drängend. Fast 10.000 Menschen in München haben keine Wohnung, schätzungsweise 500 leben wirklich auf der Straße.

„Seit dem vergangenen Jahr im ­September bin ich schon in ­dieser Unterführung an der ­Kapuzinerstraße, doch ­morgen muss ich hier weg. Und ich weiß noch nicht, wohin ich gehen soll... Ich komme ursprünglich aus Polen, doch hier waren die Chancen einmal besser. Heute lebe ich auf der Straße“, sagt Cesary Kornijewski (48) aus München.

Warum wollen die nicht in die Bayernkaserne, sondern lieber im Freien bleiben – bei Wind und Wetter? Ein bei der Wohnungslosen-Hilfe engagierter Münchner, der anonym bleiben will, erklärt es: Zum einen gebe es jene, die nicht in die Bayernkaserne dürften – etwa wegen Hausverbots. Andere lebten als Pärchen auf der Straße – in der Bayernkaserne müssten sie in getrennten Zimmern schlafen. Und dann lehnen viele es schlicht ab, gemeinsam mit bis zu sieben Fremden in einem Zimmer zu schlafen, vorher durchsucht zu werden und frühmorgens die Einrichtung verlassen zu müssen. Immer wieder gibt es auch Berichte über Diebstähle in der Einrichtung.

Absperrgitter unter der Reichenbachbrücke. Hier hat die Stadt Ende November die Obdachlosen vertrieben.

Stellt sich die Frage, was höher wiegt: die Freiheit des Einzelnen, der draußen leben will – oder die städtische Idee von Schutz und Ordnung? Fakt ist: Die Stadt ist entschlossen, das Lager aufzulösen. Morgen.

Severin Heidrich

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