Münchner Alltagsfrage

Warum heißt das Glockenbachviertel eigentlich so?

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Die letzte offene Wasserader im Viertel: der Westermühlbach, der unterirdisch als Glockenbach weiterfließt.

München - Das Glockenbachviertel kennt - natürlich - jeder Münchner. Aber warum heißt es eigentlich so? Wir beantworten diese Alltagsfrage.

Als Künstler, Studenten und Schwule in den 80ern das Glockenbachviertel in der Isarvorstadt für sich entdecken, fehlt vom Namensgeber des Wohnquartiers längst jede Spur. Mit der Zeit wurde „Klein-Venedig“ das Wasser abgegraben, der Glockenbach unter die Erde verbannt. Der Namensgeber von Bach und Viertel verschwand schon viel früher. 

Wo heute hohe Mieten bezahlt werden, lassen sich Jahrhunderte zuvor Kleinhandwerker und Tagelöhner nieder. Die Wasserkraft der Stadtbäche ermöglicht die Ansiedlung vieler Betriebe. Hier eröffnen etwa die Hofschreinerei, die Stadtzimmerei, Möbelwerkstätten und eine Holzhandlung, die Fässer herstellt. Für Bäcker, Brauer und Müller an der Holzstraße ist die Anlandestelle der Flößer ein wichtiger Treffpunkt. Auch metallverarbeitende Betriebe wählen hier ihren Standort, darunter eine Glockengießerei. 

Im Glockengusshaus vor dem Sendlinger Tor nahe dem heutigen Südfriedhof werden schon im 15. Jahrhundert etwa für das Kloster Benediktbeuern Glocken aus Ton hergestellt. Der Standort ist ideal: Wasserkraft ermöglicht die Betätigung eines Blasebalgs für den Brennofen und die mechanischen Hebearbeiten, danach kann das fertige Exemplar mit Wasser gekühlt werden. Doch es entstehen nicht nur Glocken: Man verwendet das Bronzegussverfahren auch im Kanonenbau. In Kriegszeiten vwerden Glocken zu Kanonen geschmolzen. Zudem nutzen Glockengießer die Erfindung des Schwarzpulvers für ihre Zwecke, indem sie in der Herstellung diverser Geschütze wetteifern. Sie produzieren Kugeln und Büchsen, weshalb sie anfangs auch als Büchsengießer bezeichnet werden. 

Die Leitung des Stadtgießhauses am Glockenbach mit Kalk-Ofen an der Glockenstraße (heutige Pestalozzistraße) übernehmen städtische Amtsleute. Zunächst wird der Augsburger Büchsenmeister Steffen Wiggau nach München beordert. Drei weitere Meister folgen ihm nach, ehe Sebastian Rosenkranz fast 30 Jahre lang als „Glockengießer“ seinen Dienst verrichtet. Er setzt Leuchter instand, fertigt Büchsen an, gießt Glocken und arbeitet im Zeughaus. Noch heute bewahrt das Münchner Stadtmuseum eine „Rosenkranzglocke“ auf – allerdings geht die Bezeichnung auf ihre Funktion während des Rosenkranz- Betens im Dom zurück. Dass selbst massive Glocken nichts für die Ewigkeit sind, beweist ein Werk des Meisters Jörg Neidhart. Seine Glocke, die der Münchner Dreifaltigkeitskirche gestiftet wird, zerspringt rund 300 Jahre nach ihrer Entstehung und muss neu gegossen werden. 

Bis heute im Einsatz sind Erzeugnisse des Allgäuer Glockengießers Bartholomäus Wengle, der im 17. Jahrhundert ins Stadtgießerhaus zieht. Er gilt als Koryphäe. Ihm vertraut man wichtige Aufträge an: Der zehnfache Familienvater fertigt für die Karmelitenkirche, die Peterskirche und St. Maria in Ramersdorf Glocken an, gießt die Patrona Bavariae für die Westfassade der Residenz sowie die Frauen- (3000 Kilo) und die Bennoglocke (2000 Kilo) für die Dom-Türme. Mit Wengle endet die Traditionskunst des Glockengießens vor dem Sendlinger Tor. Aufgrund des Umbaus der Stadtbefestigungsanlagen wird der Komplex 1638 abgerissen und Wengle abgefunden. Wie die zubetonierten Bäche, so lebt auch das Unternehmen namentlich im Szene- Viertel weiter. Umgeben von Handwerksbetrieben, Kneipen, Boutiquen und Behörden verweisen ein Restaurant, ein Straßenschild, der Verein „Die Glockenbachwerkstatt“ und der FC Glockenbach auf die Bedeutung des Bachs, der früher über den Angerbach die Innenstadt mit Wasser versorgte. Als Abzweigung des Westermühlbachs durchfließt er das Viertel unterirdisch von der Pestalozzistraße auf Höhe Nummer 35 bis zur Blumenstraße und speist den Westlichen Stadtgrabenbach. Was heute im Glockenbachviertel offen plätschert, ist der Westermühlbach. 

Corinna Erhard

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