"Jetzt bin ich fast blind"

Nach Horrorsturz ins S-Bahn-Gleis: Opfer verklagt Bahn

+
Vor dem Unfall habe sie ganz normal gesehen, sagt Beatrix E. Dann fiel sie in den Spalt.

München - Beatrix E. (56) stürzte im Juli 2011 am Münchner Hauptbahnhof in den Spalt zwischen S-Bahn und Bahnsteig. Seither kann sie kaum noch sehen. Jetzt verklagt sie die Bahn.

Die große Anspannung steht Beatrix E. (56) schon vor der Verhandlung ins Gesicht geschrieben. Hilfesuchend blickt sie in Richtung ihres Sohnes Dominic (18), der ihren Blindenstock hält. Sie sagt: „Ich brauche Unterstützung. Der Gegner ist so mächtig.“

Sie meint ihren Gegner vor Gericht: Die Deutsche Bahn Regio AG, von der sie 6000 Euro Schadensersatz fordert. Beatrix E. war im Juli 2011 um 12.15 Uhr am Münchner Hauptbahnhof in den Spalt zwischen S 8 und Bahnsteig gefallen. Ihrer Aussage nach, weil sich die Türen frühzeitig geschlossen hatten. „Kein Blinken, kein Piepsen. Nichts. Dann gingen die Türen zu und die schubsten mich in den Spalt!“ Bis zu den Oberarmen soll sie darin gesteckt haben. „Ich hatte Todesangst“, sagt die Frau. Ein Fahrgast zog die Notbremse, der Zug fuhr zum Glück nicht los. Ein anderer Mann zerrte sie aus der Falle.

Beatrix E. will nun Wiedergutmachung für die Schäden, die sie auf den Unfall zurückführt: ein gebrochener Fußknöchel, eine deformierte Wirbelsäule – und das Schlimmste: eine massive Sehstörung. „Ich sehe nur noch vage Umrisse, alles ist verschwommen. Ich kann nicht mehr Autofahren und nicht mehr arbeiten!“, sagt sie. Vor dem Unfall arbeitete die Mutter von vier Kindern als Immobilienkauffrau und Pharmareferentin. „Heute lebe ich von einer Erwerbsminderungsrente und musste von Englschalking in den Bayerischen Wald umziehen.“

Richter Dirk Weber zeigt sich skeptisch: „Die Fraktur lasse ich mir eingehen. Aber eine Sehstörung?“ Beatrix E. entgegnet, dass ihr ein Arzt bescheinigt habe, dass sich Derartiges durch die extreme psychische Belastungen einstellen könne. Auch dass sie bis zu den Oberarmen in dem schmalen Spalt gesteckt haben soll, bezweifelt der Richter. Gleich zu Beginn des Verfahrens regt er deshalb einen Vergleich an. Weber: „Der Prozess wird andernfalls fünf Jahre dauern: Technische und medizinische Gutachten, Zeugenaussagen, der Unfall müsste nachgestellt werden. Das alles kostet sicher 30.000 Euro.“

Das Angebot, das Bahn-Verteidigerin Barbara Gauss daraufhin macht, lautet: 1000 Euro – um alle Ansprüche abzugelten. Da muss sogar der Richter lachen. „Das ist schon arg wenig. Die Deutsche Bahn hat schon viel mehr gezahlt. Die sollen sich nicht so anstellen!“ Zögerlich erhöht Gauss auf 2000 Euro. Das sei ihr letztes Angebot.

Ob sich Beatrix E. darauf einlässt? Darüber will sie sich in den kommenden zwei Wochen Gedanken machen. Mitte März ist der Termin für die Urteilsverkündung.

Tobias Scharnagl

Auch interessant

Meistgelesen

MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring

Kommentare