Für Anwohner und Wirte ist das Maß voll

Partyzone Müllerstraße: Die Grenze ist erreicht!

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Bar oder Diskothek? Wirte und Anwohner wünschen sich eine klarere Abgrenzung.

Vom einstigen Szeneviertel zum Ballermann Münchens: Das Gebiet rund um die Müllerstraße ist zur Partyzone mutiert. Anwohner kämpfen mit schlaflosen Nächten. Das Maß ist voll. Aber auch die Wirte wollen etwas verändern.

Jedes Wochenende schieben sich Menschenmassen durch das Wohngebiet. Clubs schießen wie Pilze aus dem Boden, es wird gegrölt und randaliert. Erbrochenes, Essensreste und Scherben wo man hinschaut. Mobile Taxistände blockieren die Durchfahrt, Trambahnen müssen vollbremsen. Anwohner kämpfen mit schlaflosen Nächten. Das Maß ist voll. Aber auch die Wirte wollen etwas verändern. In der tz kommen sie zu Wort.

Das sagen die Club-Betreiber

„Pimpernel“-Chef Sven Künast.

Auch für viele Gastronomen ist das Maß voll. Obwohl Pimpernel-Inhaber und Gastronomen-Sprecher Sven Künast (44) vom Feiervolk profitiert, fordert er: „Es muss leiser werden!“ An einem runden Tisch versammeln sich bis zu 30 Gastronomen und bemühen sich um eine Lösung, die für beide Seiten verträglich ist. Dass es in der Müllerstraße mal Probleme geben würde, war Künast klar: „Der Stadtrat hat 2001 die Sperrzeit verkürzt, um die Stadt gastronomisch zu beleben. Allerdings hat sich an der Gesetzeslage nichts geändert. Wenn die Lokalbaukommission aus baurechtlicher Sicht bei der Eröffnung einer Lokalität ihr Okay gibt, kann das Kreisverwaltungsreferat die Konzession nicht verweigern“, sagt Künast zur Wochenzeitung Hallo München. Ein Problem sei, dass die Übergänge zwischen einer „Vergnügungsstätte“ (Disco) und einer Speise- und Schankwirtschaft (Bar) fließend seien. „Diese Begriffe müssen definiert werden“, so Künast. Zur Beruhigung „braucht es mehrere Maßnahmen“. Beispiel: Der Einsatz von so genannten Silencern. Die Leute, die Streit schlichten und so Lärm verhindern, sind am Gärtnerplatz schon im Einsatz – jetzt machen sich auch Gastronomen von der Müllerstraße stark für das Modell. Außerdem ist eine Plakataktion geplant. Trotzdem muss jeder Gastronom auch dafür sorgen, dass es vor der eigenen Türe gesittet zugeht.

Das Leiden der Anwohner

Bei Anja T. und ihren Nachbarn liegen die Nerven blank. Die 47-Jährige wird seit Jahren regelmäßig um den Schlaf gebracht. Der Grund: Dröhnende Bässe, lautes Gegröhle und Polizeieinsätze. „Hier geht’s zu wie am Ballermann“, sagt der Bezirksausschuss-Vorsitzende Wolfgang Neumer (CSU).

Kämpfen für Ruhe in ihrer Straße: (v.l.) Anja T., Lene J., Andreas F. und Steve Kother.

„Wir sind keine Spießer – im Gegenteil“, betonen die Anwohner. „Wir haben die Straße geliebt. Aber derzeit ist es unerträglich.“ Anja T. hat sich eine Schlafstätte in ihrem Büro eingerichtet. „Nicht einmalOhrstöpsel helfen gegen den Lärm“, erzählt sie. Auch Steve Kother geht es ähnlich. „Ich muss mir überlegen, wann ich mit meinem Hund rausgehe. Man fühlt sich unsicher, die Betrunkenen sind teilweise aggressiv. Am Wochenende parke ich mein Auto um, weil regelmäßig randaliert wird“, schildert der Friseur, der als Sprecher der Anwohner gegen die Missstände in seiner Straße kämpft. Noch schlimmer ergeht es Andreas F. Der 45-Jährige wohnt Wand an Wand mit der Bar Registratur. „Die Besitzer wollten etwas gegen den Lärm tun, doch davon merke ich nichts. Am Wochenende halte ich es hier nicht aus“, erklärt der Bankkaufmann.

Auch in den Seitenstraßen ist es laut. Für Lene J. ist es fünf vor zwölf: „Wenn das so weitergeht, werde ich wegziehen“, sagt die Schreinerin. Die Anwohner kommen regelmäßig zusammen. Der Bezirksausschuss versucht, Gespräche mit Polizei, KVR, Lokalbaukommission (LBK) und Anwohnern zu organisieren. Und die Behörden? „Die schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu – ein Skandal“, schimpft Kother. Das Kreisverwaltungsreferat fordert die Anwohner dazu auf, bei Vorfällen die Polizei zu rufen. „Aber wie stellen die sich das vor?“, fragt sich Kother. „Die Polizisten sind die ärmsten Schweine. Zwei bis drei Streifen am Wochenende im ganzen Stadtgebiet? Das ist zu wenig!“

Man fühle sich alleine gelassen, sagen die Anwohner. „Das ist Dienst nach Vorschrift. Bei den runden Tischen ist die LBK nie dabei. Und die Behörden spielen alles runter. Wir sind in der Beweispflicht. Die sollen sich das vor Ort anschauen. Dann würden sie uns verstehen“, mutmaßt Kother. „Wir haben Angst vorm Sommer, wenn vor den Clubs noch mehr los ist. Man ist froh, wenn es regnet. So weit ist es schon gekommen.“

Die Rechtslage

Die Erlaubnis für eine Betriebsart ist nach § 3 Abs. 1 Gaststättengesetz zu erteilen. Die Betriebsart richtet sich nach Gestaltung, Betriebszeiten, Art der Getränke oder den Darbietungen. Heißt: Führt man einen Betrieb anders, als in der Erlaubnisurkunde festgelegt, drohen rechtliche Konsequenzen. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband erklärt das an einem Fall des Verwaltungsgerichts Stuttgart. Hier hat ein Gastronom mit einer Konzession für eine „Schank- und Speisewirtschaft“ Disco-Veranstaltungen durchgeführt. Er musste den Betrieb einstellen. Merkmale einer Diskothek: Regelmäßige Musikveranstaltungen, das Auftreten eines DJs, überdurchschnittlich laute Musikbeschallung, eine Musikanlage mit Lichtorgel. Bei vielen Läden in der Müllerstraße sind die Übergänge fließend.

Johannes Heininger

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