Insiderin spricht Klartext

Prostituierte (49) über das Münchner Milieu: „Es ist billiger und respektloser geworden“

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Sie kennt das Geschäft mit dem Sex: Mia (49) ist seit zehn Jahren als Prostituierte tätig

Mia (Name geändert) ist seit über zehn Jahren im horizontalen Gewerbe tätig. Im tz-Interview spricht sie offen darüber, warum sie illegal arbeitet.

München - Zudem nennt Mia die Schattenseiten ihrer Branche und erklärt, warum sie die Verlogenheit unserer Gesellschaft wütend macht.

Mia, wie sind Sie zur Prostitution gekommen?

Mia: Ich habe vor vielen Jahren als Animierdame in der Schillerstraße angefangen. Ich war jung und hübsch, 19, 20 Jahre. Ich komme aus einer gut bürgerlichen Familie, ein bisschen war auch der Reiz des Verbotenen dabei. Ich habe dann auch die Bar gemacht, teilweise gestrippt und dann ist der Schritt nicht mehr so weit. Ich habe irgendwann auch Angebote bekommen und im Club angefangen. Aber das konnte ich nicht, weil man da als Stück Fleisch degradiert wird.

Deshalb haben Sie privat weitergemacht?

Mia: Erst habe ich beim Escort-Service begonnen. Aber die verarschen die Frauen, lassen dich sitzen. Wenn eine andere mehr Prozente an die Agentur zahlt, buchen sie halt die. Ich wollte nichts abgeben von meinem Geld. Ich arbeite autonom, damit die Clubs nicht mitverdienen. Deswegen nehme ich das Risiko auf mich.

Lesen Sie dazu auch die Reportage: Aufgedeckt - Die geheime Rotlicht-Szene am Hauptbahnhof

„Es gab schon Übergriffe, die ich nicht wollte“

Das Risiko aufzufliegen?

Mia: Auch. Man muss höllisch aufpassen. Das Netz ist durchsichtig. Natürlich ist da ein Riesenmarkt. Aber ich meine vor  allem auch die Gefahr, die durch manche Männer ausgeht. Es gab schon Übergriffe, die ich nicht wollte. Ich sehe es als Art Rache, am System vorbeizuarbeiten. Aber das hältst du natürlich nicht ewig durch, du wirst irgendwann müde.

Sind Sie müde?

Mia: Ich werde nicht jünger und was momentan im Geschäft passiert, ist schlimm.

Was passiert?

Mia: Es ist billiger und respektloser geworden. Durch die EU-Osterweiterung laufen da draußen viele verzweifelte Frauen rum, die sich für sehr wenig Geld anbieten. Ich habe mit 180 Euro die Stunde angefangen. Jetzt habe ich Mühe, 100 Euro durchzubringen. Es macht keinen Spaß mehr und es passt auch psychisch nicht mehr, wenn man angerufen wird und durch die ganze Stadt fahren soll, um für 50 Euro einen oral zu befriedigen. Die Anfragen werden unverschämter – früher war es keine Frage, ein Kondom zu benutzen. Heute wollen viele Freier ohne – das mache ich natürlich nicht. Wir haben überhaupt keine Lobby in der Gesellschaft. Dabei fangen wir Huren einen Wahnsinn ab.

Wut über gesellschaftliche Abwertung

Inwiefern?

Mia: Die Perversionen nehmen zu. Je höher die Freier beruflich gestellt sind, desto mehr wollen sie oft erniedrigt werden. Ich kenne zum Beispiel eine Kollegin, die ist extrem dick. Einmal die Woche kommt ein Vorstandsvorsitzender einer großen Münchner Firma, legt 600 Euro auf den Tisch und zieht eine Schweinsmaske auf. Und sie muss nur hingehen und sagen: ,Ich erstech dich jetzt, ich erstech dich jetzt.‘ Wenn er das jetzt seiner Frau erzählen würde – die Scheidung kostet viel mehr. Die Gesellschaft hat Angst vor der Wahrheit, wir Huren fangen diese unausgelebte Sexualität ab – und werden gesellschaftlich abgewertet. Das macht mich schon wütend.

Würden Sie gerne mit dem Job aufhören?

Mia: Ja. Aber ich kann sonst finanziell nicht überleben. Ich würde gern wieder in meinem Beruf als Schauspielerin arbeiten.

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