Aufsehenerregende Inszenierung

Protestaktion: IS-Hinrichtung in München nachgestellt

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Drastische Protestaktion: Simon Jacob, Vorsitzender des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland, spricht vor einer nachgestellten IS-Hinrichtung über den Völkermord der Terrormiliz.

München - Eine IS-Hinrichtung auf der Bühne. Mit diesem spektakulären Protest gegen Völkermord überraschte der Zentralrat Orientalischer Christen bei einer Autorenlesung in München.

Die Protestaktion fand während einer Buchpräsentation von Bestseller-Autor Michael Hesemann (links) zu seinem Buch über den "Völkermord an den Armeniern" statt. 2.v.li.: Michael Ragg, Veranstalter der "Domspatz Soirée" in München, auf der das Buch präsentiert wurde.

Da stockte etlichen Menschen der Atem: Während einer Autorenlesung in München führte am Donnerstagabend eine schwarz vermummte Gestalt einen mit Handschellen gefesselten Mann im orangefarbenen Overall in den Raum. Ein Bild, wie man es aus den Hinrichtungs-Videos des Islamischen Staates kennt. Der Gefesselte mit gesenktem Kopf wurde auf die Bühne im Festsaal des CVJM in der Landwehrstraße geführt. Wenige Augenblicke zuvor hatte dort der Historiker und Bestseller-Autor Michael Hesemann sein neues Buch über den "Völkermord an den Armeniern" vor 100 Jahren vorgestellt. Und den Genozid des Jahres 1915, dem 1,5 Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren, anhand von Quellen, Augenzeugenberichten und Archivdokumenten ins Jahr 2015 gebracht. Die historische Thematik des Völkermordes wurde von einem Moment auf den anderen aus den Geschichtsbüchern in die Gegenwart geholt. Denn: Enthauptungen, das Zu-Tode-Foltern und Verbrennen von Menschen drängen sich aktuell wieder in die Nachrichten. Durch die Henker des Islamischen Staates (IS), der erst vor wenigen Tagen in einem Propagandafilm die Enthauptung von 21 koptischen Christen an der libyschen Küste inszeniert hatte. Nicht vergessen auch das abscheuliche Verbrennen des jordanischen Piloten Muas al-Kasasba bei lebendigem Leib, das die IS-Terrormiliz inszeniert hatte. Die spektakuläre Protestaktion mit der nachgestellten IS-Hinrichtung brachte die Terror-Thematik vor die Augen der rund zweihundert Gäste der Veranstaltung. Schweigen, betretene Blicke der Menschen im Saal.

Dann zerriss die markante Stimme von Simon Jacob die unangenehme Stille. "DAS passiert derzeit mit unseren Brüdern und Schwestern im Irak und in Syrien". Der Vorsitzende des Zentralrates Orientalischer Christen war für einen Beitrag über den historischen Völkermord des Jahres 1915 vorgesehen. Allerdings nutzte er die Bühne, um über den Terror des Islamischen Staates im Jahr 2015 zu sprechen. Dazu inszenierte er die nachgestellte IS-Hinrichtung im Saal. "Ich will ihnen zeigen, was Völkermord heute für uns bedeutet", verkündete er. Und zeigte auf Fotografien, die auf dem roten Overall des Mannes auf der Bühne waren. Die Bilder aus IS-Videos zeigten die Gesichter von Männern, die von der Terrormiliz umgebracht wurden. 

Erst vor wenigen Wochen sei er in Syrien gewesen, berichtete der Münchner. Nur 500 Meter Luftlinie von der Front, wo Menschen gegen die IS-Terrormiliz um ihr Überleben kämpfen. "Ich kenne die Menschen, die dort leben, kämpfen und umgebracht wurden. Sie sind meine Freunde. Einige von ihnen sind aktuell in den Händen des Islamischen Staates." Ein ungehemmtes Morden sei in den vom IS besetzten Gebieten im Gange. "Nicht nur an unseren christlichen Glaubensbrüdern. An allen Menschen, die frei denken und frei leben wollen. Der IS tötet ausnahmslos Christen, Jesiden, Kurden, Atheisten und Muslime." Unter den Menschen in Gebieten, die in Dörfern leben, die der IS noch nicht unter seine Kontrolle  gebracht habe, herrsche eine extreme Angst. "Der Islamische Staat geht mit einer extremen Grausamkeit vor. Weibliche Kämpfer bringen sich um, bevor sie den Terroristen in die Hände fallen. Wer gegen den IS kämpft, wird mit einer extremen Grausamkeit getötet. Zivilisten hingegen werden - auch wenn dieses Wort zynisch klingt - 'nur' enthauptet."

Auch Deutschland sei durch "Gotteskrieger" aus der Bundesrepublik, die im Irak und Syrien kämpfen, längst vom Islamischen Staat bedroht. "Der Terror des IS kann uns alle treffen", warnte Simon Jacob." Auch in München. Die Untätigkeit des Westens beflügelt die Extremisten geradezu, gegen uns vorzugehen." Seine Forderungen an die deutsche Politik: "Helfen Sie den Menschen, die gegen den IS kämpfen. Und machen Sie keine Geschäfte mit Ländern, die die Terroristen unterstützen. Menschen sind wichtiger als Öl!"

Autor Michael Hesemann wusste zwar, "dass Herr Jacob nach meiner Buchpräsentation sprechen würde. Aber vor dem Vortrag wusste ich nicht, dass diese Aktion vorgesehen war." Form und Inhalt der Inszenierung hielt er dennoch für gelungen. "Ich fand es beeindruckend, wie diese Aktion daran erinnert hat, dass Christenverfolgung nicht nur ein historisches, sondern ein hochaktuelles Thema ist. Dieser Aufruf war wichtig. Wir dürfen dem IS-Terror nicht mehr nur zuschauen."  

Was sagte der Organisator der Autorenlesung zu der nachgestellten Hinrichtung auf der Bühne? "Ich fand die Aktion drastisch, aber doch so dezent, dass man es gerade noch ertragen konnte", sagt Michael Ragg, Veranstalter der Diskussionsabende "Domspatz Soirée" auf Anfrage unserer Online-Reaktion. Eine harte Protestaktion, aber im Grunde äußert wichtig, meint er. "Ich finde es sehr, gut, wenn wir in Deutschland nicht nur über diese furchtbaren Vorgänge reden. Bilder sprechen eine viel deutlichere Sprache." Ihm kommt das Thema in der öffentlichen Diskussion viel zu kurz. "Ich würde mir wünschen, dass sich noch viel mehr Menschen für dieses Thema interessieren.Wenn es um Christenverfolgung geht, herrscht bei uns leider eine ziemliche Apathie. Es gibt in Deutschland ja nicht mal einen Appell der Bischöfe, die gegen die Verfolgungen in der arabischen Welt demonstrieren."

fro

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