Graffiti-Star WonABC im Interview

Tag zwei an unserer Streetart-Wand: „Wir sprühen weiter!“

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Kult-Sprayer WonABC (l.) mit tz-Reporter Antonio Seidemann auf dem Kran für die tz-Kunstwand.

Das Graffiti-Kunstwerk an der Wand an unserem tz- und Merkur-Pressehaus nimmt immer mehr Gestalt an. Wir haben mit dem verantwortlichen Künstler gesprochen.

München - In etwa 20 Metern Höhe schaukelt der kleine Balkon des Lifts ganz schön. Der Graffiti-Künstler WonABC (49) arbeitet konzentriert an den zentralen Figuren für die große Fassade im Hof des Verlagshauses von tz und Münchner Merkur. Das Thema heißt Georg Elser – jener Schreiner, der mit einem Bombenattentat im Bürgerbräukeller 1939 versuchte, Deutschland von Adolf Hitler zu befreien. Er scheiterte und wurde 1945 im KZ Dachau ermordet. WonABC thematisiert mehrere Tyrannenmorde in seinen Figuren, die er in so luftiger Höhe mit sicherer Hand hinsprüht. Wir fragten nach.

Wie sieht es mit der Höhenangst bei Ihnen aus?

WonABC: Die ist bei mir inzwischen weg, seitdem ich in China auf so einem Gerüst herumgeklettert bin. Das war eine echte Schocktherapie. Vor allem, wenn man runterschauen musste. Solange man seine Arbeit betrachtet, geht es ja, aber wenn du dann konfrontiert wirst mit der eigentlichen Höhe, in der du stehst…

Und wie hoch ist das dann so in der Regel?

WonABC: Das ist natürlich ganz unterschiedlich, aber höher als 25 Meter bin ich noch nicht hinaus. Es gab da mal so ein Projekt in Russland, das ist dann nichts geworden. Aber das ging dann bis auf hundert Meter hoch. Da steigst du dann in so einen Kran und fährst nach oben. Also: Hundert ist schon viel. Alleine die Logistik bei einer großen Höhe ist der Hammer. Man muss ja die Farbe immer hochschaffen. Das ist schon Wahnsinn.

Wie genau wird so eine Wand denn im Vorfeld geplant?

WonABC: Schon sehr genau. Es gibt eigentlich wenige, die wirklich freestyle malen. Es gibt vorher eine ganz genaue Skizze. Da passiert natürlich im kleinen Rahmen noch ein wenig direkt am Bild, aber im Grunde ist es schon klar, in welche Richtung es geht. Es sind halt zwei unterschiedliche Herangehensweisen.

Gibt es inzwischen besondere technische Hilfsmittel?

WonABC: Es gibt tatsächlich eine App. Die heißt Sketcher. Da machst du mit dem Smartphone ein Foto von der Wand, nimmst irgendeine popelige Skizze aus dem Netz, gibst sie ein, passt sie auf die Wand ein und hältst dann das Smartphone hin. Das Programm sucht dir dann den Startpunkt und zeigt dir den Weg, wie du langfährst, um deine Figur fertigzustellen.

Das klingt irgendwie nach „Malen nach Zahlen“…

WonABC: Ja, so ungefähr.

Macht das noch Spaß?

WonABC: Nein. Ich habe aber einmal mit Drohnen herumexperimentiert, die malen und Striche ziehen. Die sind halt teuer – und die Nutzlast ist ein Problem. Aber man kann da schon witzige Sachen machen.

Heute gibt es fertige Ausrüstung für alles. Musstet ihr in den Achtzigern viel selbst basteln?

WonABC: Natürlich. Das Schlimmste waren immer die Sprühaufsätze. Man brauchte ja für unterschiedliche Parts verschiedene Sprühköpfe. Die hat man sich überall zusammengesucht vom Deo- bis zum Kettenspray. Heute gibt es alles fertig. Das ist natürlich auch ein volkswirtschaftlicher Faktor. In den Achtzigern hat man nicht so viele Farbdosen gebraucht. Nur für ein paar Leute, die am Auto gearbeitet haben, oder Heimwerker. Jetzt werden viel mehr hergestellt. Das ist ein weltweiter Markt.

Ihr dokumentiert meist eure Arbeiten, illegale Graffitos werden oft nicht dokumentiert. Ist das schade?

WonABC: Na ja. Die Archive der verschiedenen Graffiti-Sokos in Deutschland sind voll mit Bildern. Die haben alle gesammelt. Das ist natürlich ein Schatz, da ist vieles dokumentiert. Ich glaube, es gibt auch keine Kunstbewegung, die sich in so geringer Zeit über den ganzen Planeten so verteilt hat. Das sind jetzt vierzig Jahre, und egal ob New York oder auf den Philippinen: Überall siehst du etwas. Letztendlich aber lebt unsere Kunst auch von der Vergänglichkeit. Wenn man seine Arbeiten nicht dokumentiert, sind die Werke für immer weg.

Die Kunstform reagiert auch schnell auf gesellschaftliche Entwicklungen…

WonABC: Ja, und sie erneuert sich ständig. Witzig ist zum Beispiel, dass viele der zweiten Generation aus der Sprüherszene jetzt wiederum Kinder haben, die auch malen. Und die entwickeln den Anti-Style. Das muss dann alles extrascheiße aussehen, als Gegenbewegung zur Kunst der Eltern. So in etwa wie die Sex Pistols gegen Pink Floyd. Je mieser, umso besser.

Übrigens: Eine große Streetart-Schau gibt es bei Magic City in der Kleinen Olympiahalle – bis 3. September. Geöffnet täglich außer Mo. von 10–18 Uhr, Sa., 10–22 Uhr. Karten 15 Euro.

Die Aktion können Sie hier im Live-Stream beobachten:

Antonio Seidemann

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