Schluss an der Müllerstraße

So war der letzte Tag bei Tamaras Jeans

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Tamara Rohleff vor ihrem Laden.

München - Jetzt ist es endgültig vorbei! Am Freitag war der letzte Verkaufstag von Tamara Rohleffs (43) Jeansgeschäft an der Müllerstraße 1. Schluss im Familienbetrieb Tamaras Jeans, der im April 38 Jahre geworden wäre.

 Ein ganz komisches Gefühl, wie ein Kater. Die letzten Kunden kommen, schauen sich nach Schnäppchen um – und Tamara sagt: „Ich bin sehr traurig. Es fühlt sich komisch an, einfach so rausgeschmissen zu werden – nach 38 Jahren. Die netten Gespräche und der Zusammenhalt mit den vertrauten Nachbarn werden mir fehlen.“ Der Vermieter hatte ihr im vergangenen Jahr gekündigt – mit der Anmerkung, dieses Geschäft passe nicht mehr in dieses Viertel.

„Dieses Viertel“: Das ist das Glockenbachviertel. Hier, wo’s so bodenständig, so ur-münchnerisch war. Hier, wo’s jetzt in ist – wie zum Beispiel nebenan im Luxus-Wohnturm The Seven, den sie grad fertigbauen. Die Leute reden nicht mehr miteinander. Und wenn, dann bloß übers Geschäft. „Es ist verdammt schwer und anstrengend, mit den ganzen Veränderungen mitzukommen“, sagt Tamara Rohleff. Spaß macht das nicht: „Da geht das Zwischenmenschliche verloren.“

So anders als früher … Tamara war ja schon als Kind jeden Tag in dem Laden, den damals noch ihre Eltern führten. Praktisch ihr zweites Daheim – und so ist das auch geblieben. Tamara übernahm das Geschäft, führte es 21 Jahre lang weiter.

Und jetzt? Jetzt ist innerhalb von ein paar Jahren alles anders geworden. Weil die Großstadt wirtschaftlich so erfolgreich ist. Und weil das Internet seinen Siegeszug angetreten hat. Rohleff: „Die ganzen Kleinhändler werden verscheucht, der Großhandel nimmt immer mehr zu. Die Menschen werden immer fauler. Es ist doch nicht zu viel Aufwand, einem Kleinhändler eine E-Mail zu schicken, um etwas zu bestellen …“ Ihr 80-Quadratmeter-Geschäft war immer schnuckelig und gemütlich eingerichtet. „Mein Motto der Mode, die ich verkaufe, heißt ,klassisch, konservativ mit ein bisschen Pep‘“. Beziehungsweise: das Motto HIESS. Jetzt ist es ja vorbei – und einen finanzierbaren Laden in vergleichbarer Lage hat Tamara nicht gefunden.

Was jetzt wird? Keine Ahnung. Tamaras Jeans ist jedenfalls zu, am Wochenende haben sie alles ausgeräumt. Sie selber sagt: „Ich habe noch keine genauen Pläne. Für einen neuen Laden sind die Mieten leider zu teuer. Ich habe eine Banklehre gemacht, aber die Banken nehmen einen nicht mehr nach 21 Jahren.“ Die Stadt ändert sich …

Sophia Geyer

Leider chancenlos

Julius Stollberg (73), Gastronom, ­München: Ich finde es sehr schade, dass Tamaras Geschäft die Kündigung bekommen hat. Alles geht verloren durch so etwas. Das ganze Viertel wird zum Luxusgebiet. Alles muss immer schön und teuer sein, damit es eine Chance hat. Die Kleinhändler bekommen diese Chance gar nicht, sondern werden so schnell wie möglich verscheucht.

Nette Nachbarin

Joscha Köppl (36), Fahrradhändler, München: Mit Tamara verliere ich eine wahnsinnig nette Nachbarin. Sie hat einem immer geholfen und ich habe oft meine Jeans bei ihr gekauft. Ihr Laden ist einfach von guter Qualität. Wenn sie anderswo wiedereröffnen würde, wäre ich sofort wieder treuer Kunde. Die ganze Sache ist nicht schön.

Eine Katastrophe

Hannelore Saner (80), Rentnerin, München: Es ist eine Katastrophe und einfach nur unerhört, was mit Tamaras Geschäft passiert. Sie war immer eine freundliche Bedienung in einem netten Laden. Seit ich in Deutschland bin, trage ich nur die Jeans von Tamara, weil sie die Einzigen sind, die mir wirklich passen und auch sehr gut gefallen.

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