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„Sie verenden letztendlich qualvoll“: Was tut die Deutsche Bahn gegen das Taubensterben am Hauptbahnhof?

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Von: Elisa Buhrke

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Im Münchner Hauptbahnhof sterben regelmäßig Tauben in den Netzen, die sie eigentlich vertreiben sollen. Aktivisten sprechen von Tierquälerei - doch die Deutsche Bahn verändert seit Monaten nichts.

München - Der Anblick ist erschreckend: Regelmäßig hängen tote Tauben mit verrenkten Gliedern in den Netzen des Hauptbahnhofs. Eigentlich sollen die sogenannten Vergrämungsnetze unter den Dächern die Tiere verscheuchen, doch stattdessen verfangen sie sich darin und verenden nach stundenlangen Befreiungsversuchen vor Stress oder Durst. Laut der Deutschen Bahn werden die Netze ständig überprüft. Doch Tierschützer beobachten das Problem bereits seit Monaten, ohne, dass sich etwas verändert hätte.

Tierschützer: „Genauso leidensfähig wie andere Tierarten auch“

Seit Februar 2022 dokumentiere das Bündnis bayerischer Tierrechtsorganisationen (BBT) sämtliche Fälle toter Tauben, berichtet Sprecher Robert Derbeck im Interview mit Merkur.de. Innerhalb von zwei Wochen hätten sie mindestens fünf von ihnen entdeckt und viele weitere Tiere, die teilweise sehr geschwächt hinter den Netzen gefangen waren. Teilweise würden die Kadaver sogar monatelang in den Netzen hängen, bis die Deutsche Bahn sie entferne. „Das Thema wird einfach nicht ernst genommen und es stehen die finanziellen Aufwendungen im Weg“, erklärt Derbeck, „denn es handelt sich ja nur um Tauben.“ Dabei könnten die Vögel genauso viel Leid empfinden wie andere Tierarten auch.

Taube am Hauptbahnhof
Im Netz verfangen: eine tote Taube unter den Dächern am Münchner Hauptbahnhof. © Bündnis bayerischer Tierrechtsorganisationen

Zwar gebe es am Münchner Hauptbahnhof einen verantwortlichen Mitarbeiter von der 3-S-Zentrale der Deutschen Bahn (Service, Sicherheit und Sauberkeit). Doch wenn dieser erst nach zwei oder drei Tagen erscheine, könne er bloß noch die toten Tiere entfernen. „Sie verenden letztendlich qualvoll, weil sie verhungern, verdursten oder vor Stress versterben“, so Derbeck.

Deutsche Bahn über Vorgehen am Hauptbahnhof München: „Netz wird regelmäßig geprüft“

Auf Nachfrage bei der Deutschen Bahn erhält unsere Redaktion eine Standardantwort: „Die Deutsche Bahn ist bestrebt, den Aufenthalt der Reisenden und Gäste in den Bahnhöfen so angenehm wie möglich zu gestalten. In diesem Zusammenhang stellen Taubenpopulationen in den Bahnhöfen - insbesondere durch die Hinterlassenschaften - eine beständige Herausforderung dar“, schreibt eine Sprecherin, „aus diesem Grund werden Maßnahmen zur Vergrämung der Tauben umgesetzt. Zu allen Maßnahmen sind wir im Gespräch mit dem Veterinäramt der Stadt München. Das komplette Netz wird regelmäßig geprüft und instandgesetzt.“

Ob es Alternativen zu den Netzen gebe oder wie die Bahn das Taubensterben zukünftig verhindern möchte, dazu erteilt die Pressestelle keine Auskunft. Ein solches Statement hätte auch das BBT mehrfach erhalten, erzählt Derbeck. „Das hören wir schon seit Anfang des Jahres [2022, Anm. d. Red.] und seitdem hat sich nichts getan.“

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Erfolglose Strafanzeigen gegen die Deutsche Bahn

Die Tierschützer haben bereits mehrere Strafanzeigen gegen das Bahnhofsmanagement München gestellt. Ihre Begründung: Verdacht auf Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Doch die Staatsanwaltschaft München wies sämtliche Klagen zurück, weil die Deutsche Bahn keine rechtliche Verantwortung für verwilderte Haustauben trage und auch, weil die Vögel einen zu geringen Marktwert hätten. Auch weitere Initiativen des BBT blieben erfolglos. So haben die Tierschützer im Dezember ein Schreiben an Oberbürgermeister Dieter Reiter und verschiedene Landesministerien verfasst und bis heute keine Antwort erhalten.

Die Alternativmöglichkeiten zur Vertreibung von Tauben sind jedoch begrenzt, wie eine Auflistung des Bauzentrums München zeigt. Neben Netzen, Gittern und Abwehrspikes, die bisher an Bahnhöfen Verwendung finden, kommen zwar Duftsprays oder Schreckrufe infrage, deren Wirksamkeit jedoch nicht erwiesen oder nur von kurzer Dauer ist. Andere Methoden wie Spanndrähte (teils mit elektrischer Spannung) oder klebrige Gele stellen eine noch größere Verletzungsgefahr für die Tiere dar. Das Bauzentrum weist jedoch darauf hin, dass auch Netze unbedingt straff sitzen müssen, damit sich die Tauben nicht darin verheddern. Die Stadt Schongau versucht mit einer gezielten Fütterung, Tauben aus ihrer Altstadt zu locken.

Kampagne des Deutschen Tierschutzbunds: „Keine Angst vor Stadttauben“

Um gegen das schlechte Image von Tauben als „Ratten der Lüfte“ anzukämpfen, hat der Deutsche Tierschutzbund eine Taubenschutz-Kampagne gestartet. Mit ihr weist er darauf hin, dass auch Großstadttauben es verdienen, als Lebewesen respektvoll behandelt zu werden. Zudem gibt die Kampagne Verhaltenstipps, die im Umgang mit Tauben zu beachten sind. Brieftauben hingegen genießen einen besseren Ruf - bei einem Schönheitswettbewerb hat im Dezember ein Vogel aus Bayern gewonnen.

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