Besuch bei zwei Altgedienten

Trendwende: Die Hausmeister kehren nach München zurück

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Über 30 Grad Celsius: Im Heizungsraum an der Schwanthalerstraße 1 checkt Franz Pachler alle Uhren.

Jahrelang wollten Eigentümer Geld einsparen und rationalisierten die Hausmeister weg. Jetzt kehrt sich der Trend um. Wir haben zwei Altgediente getroffen.

Er ist jeden Tag sein eigener Chef und kann sich die Zeit fast beliebig einteilen. Franz Pachler (75) liebt die Freiheit seines Berufes. Hauptsache alles wird erledigt. Der Wahlmünchner aus Österreich ist gelernter Metzger und Koch. Jahrelang arbeitete er auf der Wiesn, kochte im Augustinerzelt – bis sein Herz streikte.

Seine dritte Karriere begann vor 15 Jahren – als Hausmeister der Wohnanlage Schwanthalerstraße 1, wo er seit fast 30 Jahren wohnt. „Die Arbeit hält mich in Schuss, vor allem das Treppensteigen“, sagt Pachler. Die Lage bringt zwar ein wenig Extraaufwand mit sich. Aber das stört ihn kaum: „Hier in der Gegend feiern die Leute ja fast jeden Tag. Manche von ihnen kaufen sich nachts betrunken etwas zu essen, setzen sich in unseren Hauseingang und schlafen ein.“

Pünktlich um fünf Uhr morgens steht Pachler auf. Und jeden zweiten Tag muss er jemanden aufwecken und bitten, jetzt heimzugehen. „Ist aber unproblematisch“, sagt er. Etwas unangenehmer ist, dass er Speisereste von Fenstern, Wänden und Boden entfernen muss, die Betrunkene hinterlassen haben. „Mei, passiert“, sagt er in größtmöglicher österreichischen Gelassenheit.

Die braucht er auch, wenn es um den Müll geht. „Einige Bewohner sind bei der Mülltrennung sehr undiszipliniert. Teilweise liegt dann Sperrmüll im Müllraum“, berichtet Pachler. „Aber was soll man machen. Es gehört dann zu meinen Aufgaben, alles wegzuräumen.“ Er habe, betont der 75-Jährige, „ein sehr gutes Verhältnis zu allen 42 Mietern.“

Dass Hauseigentümer wieder auf den traditionellen Hausmeister setzen, findet Pachler gut. Er jedenfalls hat seine Entscheidung nie bereut. „Ich denke, manche Leute schätzen den Job nicht. Aber schauen Sie mich an. Ich bin eigentlich im Rentenalter, aber meine Aufgaben hier im Haus strukturieren meinen Tag und sorgen für Bewegung. Das ist viel wert.“

Dass seine Hausbewohner regelmäßig feiern, findet der Hausmeister gut. „Hier finden Sie nur Einzelapartments. Die Leute sind jung, was sollen sie sonst machen. Natürlich feiern sie.“ Und wenn es dann mal Ärger gibt, hilft dem 75-Jährigen Lebenserfahrung und ein gutes Verhältnis zu den Menschen. „Manchmal beschwert sich dann einer der Bewohner, dass es irgendwo zu laut ist. Dann gehe ich dorthin, wo die Musik spielt, klopfe an der Tür und bitte darum, nach 22 Uhr deutlich leiser zu machen. In den meisten Fällen klappt das gut und keiner braucht die Polizei rufen“, sagt Pachler.

Der Österreicher ist der große Kümmerer der Schwanthalerstraße 1. Im obersten Stock wohnt ein 86-Jähriger. „Ihm helfe ich manchmal, zum Arzt zu gehen, oder trage seine Einkäufe hoch. Das ist für mich selbstverständlich.“

Zufriedene Mieter: Warum Profis den Hausmeister schätzen

Zu teuer, zu faul, grantelt zu viel und wohnt zu günstig: Das waren früher häufige Vorurteile gegen Hausmeister. Etwa 20 Jahre lang haben Hausbesitzer den Hausmeister daher weggespart. Jetzt die Trendwende: Viele Mieter in deutschen Großstädten wollen ihren Hausmeister wieder zurück, statt wie so oft einen fernen, anonymen, schlecht erreichbaren Hausservice zu haben. Der Grund: Mieter sind offenbar viel zufriedener mit einem fast jederzeit ansprechbaren Hausmeister. Es sind Mieter wie Wolfgang Till, der an der Holbeinstraße wohnt. Der ehemalige Leiter des Stadtmuseums sagt: „Ich kenne unsere Hausmeisterin Maria Hose seit 30 Jahren. Sie ist so hilfsbereit und diskret. Wenn ich im Ausland bin, habe ich immer ein gutes Gefühl und bin sicher, dass sie alles unter Kontrolle hat.“

Eigentümer Rudolf Stürzer: „Würde nie den Hausmeister wegsparen.“

Rudolf Stürzer ist Vorsitzender von Haus und Grund München, einer Hausbesitzer-Vereinigung mit 33 000 Mitgliedern. Er bestätigt den Trend: „Seit etwa zwei bis drei Jahren ist es so: Pro Monat melden sich bei mir im Schnitt drei Hauseigentümer und fragen, wie sie die anonymen Hausservices loswerden.Sie wollen schnellstmöglich wieder einen Hausmeister auf der Wohnanlage.“Am liebsten wäre es Eigentümern wohl, wenn ihnen Stürzer kurzerhand einen Hausmeister vermitteln würde. Aber: „Derzeit ist es richtig schwierig, jemanden zu finden, der sich vor Ort um die Sorgen und technischen Probleme der Anwohner kümmert und für Ordnung sorgt“, so Stürzer. Für potenzielle Kandidaten sei es auch eine Frage des Komforts. „Jemand, der so einen Job übernimmt, muss damit rechnen, dass ihn einer der Bewohner um 20 Uhr vom Abendtisch wegklingelt oder im Notfall auch nachts“, sagt Stürzer. Er selbst ist ebenfalls Eigentümer und kennt die unschlagbaren Vorteile nur allzu gut, wenn jemand fast rund um die Uhr Ansprechpartner für die Bewohner ist: „Ich setze schon immer auf den Hausmeister und weiß, wie zufrieden meine Mieter damit sind. Ich würde nie auf die Idee kommen, ihn gegen einen anonymen Hausservice auszutauschen.“

Tobias Straubinger sieht das ähnlich. Der Sprecher des Verbands der bayerischen Wohnungsunternehmen (VdW) rät dringend dazu, den Beruf des Hausmeisters nicht zu unterschätzen: „Die Anforderungen sind relativ komplex. Verkehrssicherung und die Kontrolle von Heizungsanlagen zum Beispiel: Das sind verantwortungsvolle Aufgaben. Dafür braucht man auch ein Mindestmaß an technischem Know-how.“Der Trend gehe daher in dem Beruf eindeutig zum Vollzeitjob. Das Ganze einfach so nebenher zu erledigen, als Nebenjob für Rentner etwa – das ist heutzutage kaum möglich.“ Das ordne der VdW schon immer richtig ein und habe daher fast nie einen seiner Hausmeister eingespart.

An der Hohlbeinstraße hat Maria (49) die Hosen an

Eigentlich wollte Maria Hose (69) Gärtnerin werden. „Ich hab Glück gehabt“, sagt sie, „als Hausmeisterin an der Holbeinstraße kümmere ich mich auch um die Grünstreifen. Das macht mir am meisten Spaß, vor allem jetzt, wenn alles zu blühen beginnt. Das passt perfekt.“

Sauberes Jugendstil-Haus: Regelmäßig putzt und saugt Maria Hose die Treppengänge.

Seit fast 50 Jahren arbeitet sie nun als Hausmeisterin an der Holbeinstraße und ist für zwei Gebäude zuständig. Hier hat sie auch ihre beiden Söhne großgezogen. Die Hausbewohner schätzen, dass sie immer ansprechbar ist und bei ihren Gartenarbeiten keinen Laubbläser benutzt. „Die Dinger bringen doch nichts“, sagt Hose. „Mit Rechen und Schaufel geht das alles viel schneller und ist lautlos. Das werde ich so lange so machen, bis mir der Besen aus der Hand fällt.“

Ihr Ordnungsbewusstsein und ihre Disziplin hat sie auch von einem ehemaligen Hausbewohner abgeschaut: „Es gab hier mal einen 80-jährigen Generalleutnant a. D.“, erzählt sie. „Einmal ging er die Treppen hoch, und ihm fiel ein Halm Petersilie auf die Stufen. Trotz seines Alters hat er sich hinuntergebeugt und mit allerletzter Kraft die Petersilie wieder aufgehoben. Das werde ich nie vergessen!“

Aus ihrer Existenz an der Holbeinstraße ist auch schon Kunst entstanden. Ihre Söhne spielten immer im Innenhof Fußball. Das nervte wohl die Söhne von Wolfgang Till, dem ehemaligen Leiter des Stadtmuseums, der dort schon seit 30 Jahren wohnt. Nach einem kurzen Streitgespräch plärrten Hoses Söhne die Worte „Kill the Tills!“ nach oben. Das fanden die beiden so witzig, dass Milen und Amédée Till später unter eben diesem Namen als DJ-Duo durch die Clubs tourten.

Wer mit Hose spricht, merkt schnell, dass sie zufrieden ist. „Mein Beruf ist mein größtes Glück!“, sagt sie gern. Und dann erzählt sie von ihren Anfängen. „Als ich aus einem niederbayerischen Ort Richtung Augsburg zu meiner Tante gezogen bin, da war ich noch Teenager. Ich habe in ihrem Café gejobbt. Die Menschen in Augsburg fanden meinen Dialekt lustig und lachten mich manchmal aus. Das machte mich sehr traurig“, erzählt die 69-Jährige. In Augsburg lernte sie aber dann ihren späteren Ehemann kennen. Mit ihm zog sie nach München. Nach der Trennung erzog sie ihre Söhne alleine. „Da hatte ich wieder Glück“, sagt sie, „das ging nur über meinen Beruf als Hausmeisterin. Dass ich hier schon so lange arbeite, war nur möglich, weil ich immer ein gutes Verhältnis zu den Bewohnern hatte.“ Doch zu nah sei auch nicht gut, sagt sie: „Ein bisschen Rest-Abstand muss man sich auf jeden Fall bewahren. Unbedingt.“ In Rente zu gehen, daran denkt Hose noch lange nicht. Sie ist sicher: „Mein Job hält mich fit!“ Sie selbst nennt das: „Graue Haare, junges Herz.“

Hüseyin Ince

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