tz-Serie zum CSD

Glockenbach: Münchens buntestes Viertel

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Am Gärtnerplatz feiern Schwule und Heteros gemeinsam.

München - Am Samstag ist es wieder so weit: Münchens Schwule, Lesben und ihre Freunde feiern sich selbst und die Stadt, in der sie leben. Der Christopher Street Day gehört seit über 20 Jahren zum Veranstaltungskalender der Stadt. Wie leben Schwule und Lesben hier an der Isar?

Am Samstag steigt der CSD.

Das traditionelle Ausgehviertel der Homosexuellen, das Glockenbachviertel in der Isarvorstadt, erlebt einen tiefgreifenden Wandel zur Party-Zone für alle. Die tz wollte wissen: Wie leben Schwule und Lesben heute an der Isar? Unsere neue Serie startet mit einer Studie des schwulen Kommunikationszentrum SUB und der Münchner Aidshilfe.
Die Zahl der Schwulenbars in München schrumpft – gleichzeitig öffnen rund um die Müllerstraße neue Lokale, in denen sich Heteros und Homos gleichermaßen wohl fühlen sollen, „Gayfriendly“ nennt sich das. Die Münchner Aidshilfe und das HIV-Präventionsprojekt des Sub erforschten deshalb, wie sich das schwule Leben verändert hat: Sie starteten eine Online-Studie, an der 776 Schwule zwischen 17 und 74 Jahren teilnahmen, das Durchschnittsalter lag bei 38 Jahren.

Die Ergebnisse: 

  • Während im Jahr 2000 noch knapp die Hälfte der Befragten angab, zum Flirten in die Szene auszugehen, sagte das jetzt nur noch ein Drittel.
  • Gleichzeitig sucht über die Hälfte der Teilnehmer neue Bekanntschaften auf Dating-Seiten im Internet. Ein Viertel gab zudem an, wegen des Internets weniger auszugehen.
  • Nur die Hälfte der Befragten erklärte, „häufig“ schwule Lokale zu besuchen, vor 14 Jahren waren das noch drei Viertel.
  • Die meisten Schwulen nehmen das Leben in den Bars als „sozialer“ wahr. 90 Prozent gehen aus, um sich mit Freunden zu treffen (2000: 65 Prozent), 78 Prozent um neue Leute kennen zu lernen (2000: 63 Prozent), 70 Prozent, um einfach abzuschalten (2000: 28 Prozent).
    „Das ist das Überraschende“, sagt Kai Kundrath, der das Projekt Prävention im Sub leitet. „Die schwule Szene hat für die Männer heute noch genauso eine Schutzfunktion wie früher. Sie hat sich verändert, aber sie ist nach wie vor wichtig.“

Außerdem erklärten nur noch 29 Prozent der Teilnehmer, dass sie einen rein schwulen Freundeskreis haben (2000: 38 Prozent), bei 48 Prozent ist er gemischt. (2000: 42 Prozent). „Die Münchner Szene löst sich nicht auf, weil wir in der Mitte der Gesellschaft angekommen wären“, sagt Martin Jautz, Kundraths Kooperationspartner bei der Münchner Aids-Hilfe. „Nur die Struktur wandelt sich. Die Szene bietet nach wie vor einen Schutzraum. Hier kann ich sein, wie ich bin.“

„Ich fühle mich wohl“

Alexander Miklosy.

Wie lebt es sich als Schwuler im Glockenbachviertel? Alexander Miklosy (65), seit 2002 Bezirksausschussvorsitzender der Isarvorstadt und Mitglied der schwul-lesbischen Wählergemeinschaft Rosa Liste, sagt: „Ich fühle mich sehr wohl in unserem Viertel. In unserem Haus leben schwule und heterosexuelle Lebensgemeinschaften unter einem Dach, wir verstehen uns gut. Ob schwul oder hetero – das ist eigentlich gar kein Thema.“ Allerdings: „Das Leben auf der Straße ist nachts sehr viel lauter geworden. Und je mehr Leute unterwegs sind, umso häufiger kommt es vor, dass man dumme Sprüche hört. Was nicht heißt, dass die Leute intoleranter geworden sind.“

Sorgen bereiten ihm die Gewerbemieten: „Früher konnte es sich eine Kneipe leisten, dass sie nicht die ganze Woche bis früh am Morgen voll ist, das geht heute nicht mehr. Die Folge ist, dass sich die Konzepte der Bars ändern.“ So wurde aus dem schummrigen Pimpernel, in dem sich einst Freddy Mercury oder Walter Sedlmayr mit Ihresgleichen hinter blickdicht zugeklebten Scheiben trafen, eine angesagte Bar mit Elektromusik, wo von Schwulen-Szene nichts mehr zu spüren ist.“ Aus 50 Schwulenkneipen wurden 15. Das Fazit der Bars des Glockenbachviertels: „Schwul wird hetero.“

Gesicht der Szene: Wirt Arne Brach (36)

Arne Brach.

Der Wirt des schwulen Szenelokals Jenny Parks in der Holzstraße freut sich schon seit 2008 über sein gemischtes Publikum: „Für uns spielt diesexuelle Orientierung keine Rolle. In der Großstadt braucht man den Sicherheitsraum ‚Szenelokal‘ nicht mehr“, sagt Arne Brach (36). Junge Schwule bewegen sich heute problemlos auch außerhalb der Szene. „Kontakte knüpfen sie im Internet und über Handy Apps. Und das ist auch gut so.“
Die Schattenseite: Die Szene schrumpft, es gibt immer weniger schwule Bars und Clubs. Brach ist sich aber sicher: „Irgendwann wird der Wunsch nach wirklichen Szenelokalen wieder wachsen.“

Und die Zukunft? Das Viertel ist im Wandel. Am Glockenbach wird es teurer und lauter. Für Brach, der für die Grünen im Bezirksausschuss 2 sitzt, ist das aber kein Drama: „Viertel entwickeln sich eben.“ Foto: Simon Tischer

Johannes Welte

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