Auch Fälle von Entmietung sind kaum zu glauben

Das große Ladensterben mitten in München

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Das Gesicht einer Straße wandelt sich: Viele alteingesessene Läden an der Fraunhofer sperren zu.

Die Fraunhoferstraße hat sich in den vergangenen Jahren extrem gewandelt. Vor allem für Familienbetriebe kam das Aus. Wir zeigen, was dem Herzen des Glockenbachviertels entrissen wurde.

München - Eine Straße im Wandel: Die Fraunhoferstraße hat sich über die Jahre stark verändert. „Es ging weg von den Besonderheiten - und hin zu den gleichförmigen Dingen“, sagt Viertel-Kenner Alexander Miklosy. Früher gab es im Herzen des Glockenbachviertels Antiquitätengeschäfte, urige Kneipen, traditionsreiche Familienbetriebe und beispielsweise einen Bäcker, der nicht nur noch selbst die Semmeln im Viertel ausgefahren hat, sondern zur Weihnachtszeit auch schon mal 23 Stunden am Stück Platzerl herstellte. Heute gibt es Filialen von Ketten. Und Fälle von Entmietung, die kaum zu glauben sind. Bei einem Spaziergang zeigt Miklosy, der auch Chef des örtlichen Bezirksausschusses ist, wie sich die Fraunhoferstraße in knapp 30 Jahren verändert hat.

Sie mussten ihr Restaurant zusperren

Hier gab es gewaltig Ärger! Harry Gruber (50) und seine Mutter Rosalinde hatten an der Fraunhoferstraße ein kleines Restaurant. Die Kunden kamen, das Geschäft florierte - doch gut drei Jahre nach der Eröffnung ist der Ofen aus, die beiden stehen vor dem Nichts. „Der Hauseigentümer hat uns ordentlich zugesetzt“, sagt Gruber, „der wollte uns regelrecht pleitegehen lassen.“ Andreas S., der auch Ärger hat, weil er ohne Erlaubnis das Handwerkerhäuschen in Giesing hatte abreißen lassen, soll gleich nach dem Kauf der Immobilie umgebaut haben. „Es wurde gehämmert, gemeißelt und gebohrt“, so Gruber. Wie Schnee sei der Staub vom ersten Stock ins Restaurant gerieselt. „Irgendwann mussten wir zusperren.“ Danach kam die Kündigung des Vermieters. Seit 11. Januar sind die Grubers raus aus dem Haus.

„Hausbesitzer hat uns zugesetzt“: Harry Gruber und seine Mutter Rosalinde.

Aus für den „Auenladen“

Eine Decke, die wegen heftiger Bauarbeiten fast auf ihn herabgestürzt wäre, Psycho-Terror durch laute Musik - und massive Einschüchterungsversuche. Was Hubert Maria Dietrich (56) von seinen Erlebnissen mit dem „Auenladen“ im Jahr 2014 in der Fraunhoferstraße 36 beschreibt, klingt erschreckend. „Es war der Horror“, sagt er.

Auch hier der Eigentümer: Andreas S., der durch den illegalen Abriss des Giesinger Uhrmacherhäusls traurige Berühmtheit erlangt hat - und sich auch zu diesem Fall nicht äußern will. Nachdem S. das Gebäude erworben hatte, soll der Terror begonnen haben. Vor Beginn der Bauarbeiten sei ihm noch versichert worden, er könne seinen Laden normal weiterführen, so Dietrich. Doch wegen der Heftigkeit der Arbeiten seien Steine und Putz von der Decke gefallen, alles sei voller Staub gewesen. Es kommt zum Prozess.

Am Ende steht ein Vergleich: Dietrich bekommt 20.000 Euro, muss aber aus dem Laden raus. Er fordert: „OB Dieter Reiter muss alle Bauvorhaben von Andreas S. unter die Lupe nehmen lassen!“ rw

Hubert Maria Dietrich vor seinem leeren „Auenladen“. Er fordert: OB Dieter Reiter soll die Machenschaften von Bauherrn unter die Lupe nehmen.

„Preissprung im In-Viertel“

Wenn einer das Viertel kennt, dann ist es Alexander Miklosy. 68 Jahre ist er alt, aber gut erhalten, soll man dazu schreiben. Seit 1990 lebt er in der Isarvorstadt. Seit 15 Jahren ist er Vorsitzender des Bezirksausschusses Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. Für Miklosy ist die Fraunhoferstraße die Hauptschlagader des Viertels, „sowohl verkehrlich als auch zum Leben und für die Versorgung“. Ein Mittelpunkt. Und dessen Gesicht hat sich in den vergangenen 30 Jahren sehr verändert. „Diesen Wandel habe ich natürlich mitbekommen.“ Mit unserer Zeitung hat sich Miklosy auf den Weg des Wandels begeben.

Was dem 68-Jährigen gleich auffällt ist, dass immer mehr Autos und Radler unterwegs sind. Das steht zwar exemplarisch für die ganze Stadt, die Enge der Fraunhoferstraße sorgt aber bisweilen für Ärger. „Es gibt hier schon mal Konflikte wegen der Freischankflächen.“ Denn die Bürgersteige sind nicht gerade breit. Und weil auch immer mehr Autos durch die Straße fahren oder dort parken, kommt es mitunter zu Zoff mit Radlern. „Die Tram hat es dort auch schon immer gegeben. Und mittlerweile sind alle Verkehrsarten am Limit.“

Geändert hätte sich auch die Bevölkerungsstruktur in der Isarvorstadt. Es sei nämlich „in“ geworden, im Gärtnerplatz- oder im Glockenbachviertel zu wohnen. „Allein das bewirkt schon eine Preissteigerung der Mieten und der Verkäufe“, sagt Miklosy. „Ein alleinverdienender Familienvater mit zwei Kindern wird sich das hier inzwischen nicht mehr leisten können.“

Viertel-Spaziergang mit der tz: BA-Chef Alexander Miklosy lebt seit 1990 in der Isarvorstadt.

Jörg Hubes Wegzug wider Willen

Der inzwischen verstorbene Schauspieler Jörg Hube („Monaco Franze - Der ewige Stenz“, Polizeiruf 110) wollte eigentlich immer in der Isarvorstadt bleiben. Gewohnt hat der Darsteller gleich über der Gaststätte Fraunhofer, die laut Miklosy einer der letzten Traditionsbetriebe an der Fraunhoferstraße ist. Jörg Hube soll es da sehr gut gefallen haben. Der hätte dort „gar nicht weggewollt“, erzählt Miklosy. „Ich habe öfter mit ihm gesprochen.“ Aber seine Familie hatte es satt, es war ihr zu laut, die Feiernden, die durchs Viertel ziehen. Jörg Hube hatte sich gegen den Rest der Familie nicht durchsetzen können. „Er wäre aber wahnsinnig gerne geblieben“, sagt Miklosy. „Und er war immer sehr, sehr unglücklich über den Wegzug.“

Das ehemalige Zuhause von Jörg Hube: Über dem Fraunhofer-Wirtshaus wohnte der Polizeiruf-Darsteller.

Traurig über Benehmen der Bauhaie

Doktor Rosalinde Klapfenberger-Schaffer (65) wohnt seit ihrer Geburt in dem Haus in der Frauenhoferstraße 38, in dem Sie mit Tochter Doktor Stephanie Schaffer (34) die „Fraunhofer Apotheke“ betreibt. „Ich finde es tieftraurig, wie sich die Bauhaie hier benehmen“, sagt sie. Gerade über die Situation im Nachbarhaus mit der Nummer 36 macht sie sich Sorgen. Bisherige Bilanz: Eine schlimme Stauballergie bei ihrer Tochter, ein kaputter Heilpflanzengarten und ein Riss und Loch in der Mauer ihres Arzneimittellabors wegen der Arbeiten nebenan.rw

Arbeiten direkt neben einem Haus, aus dem Mieter vertrieben wurden: Rosalinde Klapfenberger-Schaffer und Tochter Stephanie (r.).

23 Stunden im Einsatz für Platzerl

Die Bäckerei Strauß an der Ecke zur Klenzestraße gibt es auch nicht mehr. „Das war ein ganz toller Konditor, der hat täglich auch frische Semmeln in der Nachbarschaft ausgeliefert“, erzählt Miklosy. Heute befindet sich in dem Gebäude die Filiale einer Bäckerei-Kette. Früher, als Strauß noch drinnen war, kam es um Weihnachten herum schon mal vor, dass der Ofen 23 Stunden brummte. Um Platzerl zu backen, die in der ganzen Stadt bekannt gewesen sein sollen. „Heute wäre das undenkbar, die Nachbarn würden sich beschweren“, sagt Miklosy.

Die Bäckerei Strauß gibt es nicht mehr, eine Kette ist eingezogen.

Kaffee statt Klamotten

Heute gibt es an der Post Coffee-to-go, früher war dort ein Modegeschäft. Und zwar kein unbekanntes. Der Name Ottman dürfte Alteingesessenen noch ein Begriff sein. Der Laden war schließlich über Jahrzehnte an der Fraunhoferstraße angesiedelt. In dem Gebäudekomplex der Post ist unmittelbar daneben auch das Hotel „The Flushing Meadows“ eingezogen. Das zieht vor allem Feierwütige an, der Barbetrieb ist stadtweit bekannt. Die Nachbarn allerdings schätzen die langen Partynächte auf der Terrasse nicht so sehr.

In der Fraunhoferstraße: Hinterhof-Idylle soll Luxus-Haus weichen - Mieter verzweifelt

Die Besonderheiten fehlen immer mehr

In der Fraunhoferstraße gab es früher sehr viele Antiquitätengeschäfte. „In München war das schon ein kleines Zentrum für diesen Handel“, sagt Alexander Miklosy. Doch der „Wandel ging weg von den Besonderheiten hin zu den gleichförmigen Dingen, wie Gastronomie oder Friseure. So ist beispielsweise auch der populäre Herrenfriseur Barberhouse auf Höhe der Hausnummer 20 in die Räume eines ehemaligen Antiquitätengeschäftes gezogen. Und mit dem Antiquitätengeschäft von Margit Muggenthaler ist erst vor Kurzem ein weiterer Traditionsbetrieb verschwunden.

Horror-Haus an der Fraunhofer: Jetzt wehren sich die Bewohner

Der Garaus für die Gerti

Gefeiert wird in der Fraunhoferstraße auch gerne, doch nicht mehr überall. So hat etwa die Kultkneipe „Fraunhofer Schoppenstube“ an der Ecke zur Reichenbachstraße vor Jahren schließen müssen. Der Laden war besser bekannt als „Die Gerti“, denn der Name der Wirtin lautete Gerti Guhl. „Die Gerti war eine Institution“, sagt Miklosy. „Da haben die Leute aus dem Gärtnerplatztheater abends spontan ihre Klampfe rausgeholt und gespielt.“ Oder es zog so manchen Feierwütigen noch für einen Absacker in Gertis Gaststätte, wenn schon längst der Morgen graute. Im Sommer 2013 musste Gerti raus, weil der Mietvertrag nicht verlängert wurde. Die Wirtin ging in Rente, heute befindet sich in den Räumen ein Laden für Retro-Möbel.

Galt nicht nur in der Fraunhoferstraße als Institution: Gerti Guhl war Wirtin in der „Fraunhofer Schoppenstube“.

Sascha Karowski, Sarah Brenner, RW

Video: Glomex

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