Stadtteil-Serie

Viertelbewohner erzählen: So verwandelt sich das Glockenbach

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„Fraun­hofer“-Wirt Beppi Bach­maier: ­„Früher herrschte Aufbruchstimmung.“

Wie sich München wandelt, welche Traditionen Bestand haben und welche Großprojekte anstehen - das erzählen uns Viertelbewohner in unserer großen Stadtteil-Serie.

München - Es war 1775, als sich die kleine Bäckerei am Stadtbleichanger trotz „geharnischten“ Einspruchs der Münchner Bäckerzunft in die Bierwirtschaft „Zum Brodhäusl“ verwandelte. 200 Jahre später zogen drei junge Burschen an dem ehemaligen Bäckerei-Standort ihr Ding durch. Auch hier wurde gestritten – auf der Bühne. Werner Winkler, Uwe Kleinschmidt und Josef (Beppi) Bachmaier übernahmen das „Fraunhofer“ 1974. „Als wir angefangen haben, war das kein Speiselokal. Das war Agitation“, sagt Bachmaier, der Wirtschaft und Theater heute noch betreibt. Der Gastronom und Wiesn-Wirt spricht im tz-Interview über die jungen Wilden von damals – und das Viertel heute.

Herr Bachmaier, wie kamen Sie zum Fraunhofer?

Bachmaier: Uwe und ich hatten schon zusammen das MUH – das Musikalische Unterholz – an der Hackenstraße. Später kam noch der Werner dazu. Es herrschte Aufbruchstimmung. Überall tauchten Kleinkunstbühnen auf, alle waren mehr oder weniger links. Das MUH wurde zu einer richtig großen Nummer. Bald hatten wir drei Lokale, die wir unter uns aufteilten: das MUH, die Drehleier und das Fraunhofer, wo erst ein Wienerwald reinkommen sollte.

Aber Sie haben überzeugt?

Bachmaier: (lacht) Wir waren jedenfalls drei junge Burschen mit längeren Haaren und Bärten, und man hatte den Eindruck – wie Jörg Hube in seinen Aufzeichnungen notiert hat –, dass bei uns alles ein bissl chaotisch war. Aber er wollte es trotzdem mit uns probieren.

War er erfolgreich?

Bachmaier: Er hat alle Rekorde gesprengt. Dass der Herzkasperl so einschlägt, hätte niemand gedacht. Am allerwenigsten Hube selbst.

War das Fraunhofer eine Startrampe für die Jungen?

Bachmaier: Hier hat sich eine junge politische Kabarett-Szene entwickelt, als Gegenpol zum Ensemblekabarett der etablierten Veranstaltungshäuser.

Und heute?

Bachmaier: Es läuft nach wie vor gut. Aber die Zeiten haben sich geändert. Das sieht man schon allein am Essen. Ich bin als gelernter Metzger noch der typische Schweinshaxn-Wirt. Mein Sohn ist ein veganer Koch.

Was sagen Sie zum Wandel des Glockenbachviertels?

Bachmaier: Das Sterben der Traditionsläden tut mir natürlich weh. Ich kenne den Stadtteil noch, wie er früher war. Ich bin an der Morrassistraße am Deutschen Patentamt groß geworden – damals wirklich eine Glasscherbenstraße. In einer alten Kaserne waren viele Flüchtlingsfamilien untergebracht. Da ging es drunter und drüber, aber es war eine schön Zeit. Ich bin zur Blumenschule am Sendlinger Tor gegangen. Die Isar galt als Arbeitslosen-Riviera – die arbeitende Bevölkerung hatte keine Zeit, sich zu sonnen. Und es standen noch keine Tische auf den Straßen. Schwabing war damals das Ausgehviertel.

Schuhe vom 60er-Schuster

Franz Kinker wohnte von 1935 bis 1958 in der Auenstraße. „Heute erkennt man das Viertel ja fast nicht wieder. Zwischen Kirche und dem Sechzger-Vereinsheim an der Auenstraße stand gerade mal ein Haus. Wir haben auf der Freifläche oft Fußball gespielt“, erzählt der 81-Jährige. In der Körnerstraße habe es einen Schuhmacher gegeben, der die Fußballschuhe für die Sechziger-Spieler angefertigt hat – und einmal auch für den jungen Kinker Franz. „Mei, war ich stolz!“ Schafkopfen und Watten lernte Kinker als junger Bursche im „Rumpler“, eines der wenigen Überbleibsel von damals, die es heute noch gibt. So wie das „Fraunhofer“ und das Arena-Kino. „Wir hatten vier Kinos im Stadtteil.“

Nie vergessen wird der Rentner den 17. Dezember 1960. „Ich stand mit meinem Hochzeitsanzug und einem Christbaum in der 19er-Straßenbahn. Wenn ich in der vorderen Tram gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nie geheiratet.“ Es war die Tram, auf die ein US-Militärflugzeug stürzte, nachdem es die Paulskirche gestreift hatte. 52 Menschen starben. „Ich hatte Glück und heiratete am 22. Dezember 1960.“

Franz Kinker wuchs an der Auenstraße auf, als es dort noch Wiesen gab.

Kleingewerbe ist verschwunden

Anlässe zu feiern gibt es für Rainer Maria Schießler viele: Nach der Messe an Heiligabend lädt der Pfarrer von St. Maximilian zur großen „Geburtstagsparty“, veranstaltet jährlich die Viecherlmesse und segnet auch mal Fahrzeuge wie Tretroller. Am 10. Oktober 2018 steht wieder ein Fest an: 25 Jahre St. Maximilian. „Ich bin als junger Pfarrer hierher geschickt worden“, sagt der 57-Jährige.

Dass sich das Glockenbachviertel zum Partyviertel gewandelt hat, sieht der Pfarrer mit gemischten Gefühlen. „Die große Beliebtheit des Stadtteils ist Heil und Unheil zugleich. Zum einen haben wir uns vom ghettoisierenden Charakter des Viertel befreit.“ Das Viertel habe sich geöffnet – Schwule seien jetzt in ganz München integriert, und ins Glockenbach zögen heute viele Familien. „Wir sind einer der kinderreichsten Stadtteile. Das Unheil ist aber, dass uns die Teuerungsrate voll erwischt hat. Kleingewerbe, das uns immer ausgezeichnet hat, ist nahezu vollständig verschwunden.“ Auch seine neuen Nachbarn in den „Glockenbachsuiten“ muss er noch kennenlernen. „Zu diesem Gebäude habe ich noch überhaupt keinen Bezug.“

Hat Tradition: die Viecherlmesse von Pfarrer Rainer Maria Schießler.

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Daniela Schmitt

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