Referendum zur Todesstrafe in der Türkei

„Wer nicht in der Türkei wohnt, soll auch nicht abstimmen“

+
Ist für die Abstimmung: Taxifahrer Erol G. genießt die Möglichkeit, an den Wahlen in der Heimat teilzunehmen.

Die Bundesregierung will nicht erlauben, dass die in Deutschland lebenden Türken über die Todesstrafe in der Türkei mit abstimmen können. Im Bahnhofsviertel ist die Meinung dazu geteilt – und viele wollen sich aus Angst vor Repressalien nicht äußern.

München - Ganz Deutschland debattiert momentan, ob die hier lebenden Türken über eine mögliche Einführung der Todesstrafe in der Türkei abstimmen dürfen oder nicht. Eine Umfrage im Münchner Bahnhofsviertel zeigt unterschiedliche Meinungen – aber auch, wie brisant das Thema für die Türken selbst ist. Die Befragten sind selten bereit, ihre Meinung zu äußern, und wenn, dann wollen sie anonym bleiben. Mancher hat Angst vor Repressalien in seinem Heimatland.

Taxifahrer Salih S. (55) ist einer von denen, die sich bekennen: „Wir wollen EU-Werte in der Türkei“ sagt er. Er ist dagegen, dass seine Landsleute über die Todesstrafe abstimmen dürfen. Auch sein Kollege Mutlu S. (38) hat eine klare Meinung bezüglich der Abstimmung. „Wenn jemand nicht in der Türkei wohnt, soll er auch nicht abstimmen dürfen“ findet er. Diese Meinung teilt Taxler Erol G. nicht: „Wir leben hier in einem demokratischen Land, also sollte man auch die Möglichkeit haben eine Entscheidung zu treffen“, sagt der 61-Jährige. Er genieße die Möglichkeit sich an den Wahlen in der Heimat zu beteiligen. „Früher gab es das nicht. Um zu wählen musste man in die Türkei fliegen.“ Er sei für die Todesstrafe – „aber die Schuld muss zweifelsfrei feststehen, und auch nur in ganz schweren Fällen, etwa mehrfachem Kindermord“.

Fordert EU-Werte in der Türkei: Salih S.

Abseits vom Taxistand nimmt die Bereitschaft, sich namentlich zu dem Thema zu äußern, merklich ab. Sie sei bei der Einreise in die Türkei an der Grenze fast verhaftet worden, erzählt eine Frau Mitte 30: „Und das nur, weil ich auf Facebook meine Meinung gesagt habe.“ Sie ist gegen die Todesstrafe und lehnt auch Präsident Erdogan ab. Sie sei damals für zwei Stunden ohne Erklärung von den türkischen Behörden festgehalten worden. Dann durfte sie gehen. „Und das nur mit der Begründung, ich sei deutsche Staatsbürgerin – ich hätte Glück.“

Ist dagegen: Mutlu S., ebenfalls Taxifahrer.

Gänzlich bedeckt hält sich ein Geschäftsinhaber an der Landwehrstraße. Als solcher gehöre es sich für ihn nicht, sich politisch zu äußern, sagt er. Viele, so scheint es, sind es leid, dass sie derzeit andauernd Stellung zu den Zuständen in ihrer Heimat nehmen müssen.

Die anonyme Münchnerin tut das sehr wohl – aber sie fürchtet die Konsequenzen: „Ich fahre im Sommer in die Türkei, und ich habe Angst: Entweder lassen die Behörden mich gar nicht erst einreisen oder ich kann nicht wieder nach Deutschland zurück kommen – irgendeine Ausrede würden die schon finden.“ Die Willkür habe sie am eigenen Leib erfahren. „Man kann sich nicht vorstellen, was das für ein Gefühl ist, wenn ein Polizist dich ohne Grund einfach verhaften will.“ 

Am 16. Mai treffen sich Trump und Erdogan im Weißen Haus: Wir berichten im Live-Ticker.

Paulina Demmer

Auch interessant

Meistgelesen

Mann suchte Kontakt zu Pädophilen - „Abartiges Material“ schockiert Ermittler
Mann suchte Kontakt zu Pädophilen - „Abartiges Material“ schockiert Ermittler
Die Stadt München plant Verdopplung der Parkgebühren
Die Stadt München plant Verdopplung der Parkgebühren
Wer hat Pablo „ins Auto gelockt“? Neue Bilder des vermissten Jack Russells
Wer hat Pablo „ins Auto gelockt“? Neue Bilder des vermissten Jack Russells
Polizei auf Oktoberfest: Italiener sind gar nicht so schlimm
Polizei auf Oktoberfest: Italiener sind gar nicht so schlimm

Kommentare