Was Palliativmedizin leisten kann

Luise (26) hat unheilbar Krebs: So plane ich mein Sterben

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Luise Ganschor muss damit leben, dass sie bald sterben wird.

München - Luise ist 26 Jahre alt und hat Krebs. Unheilbar. Wie sie sich auf das Sterben vorbereitet, erzählt die junge Frau im großen tz-Report.

Der Tod wird jedem Menschen bereits in die Wiege gelegt, aber nur die wenigsten sprechen offen und ehrlich über dieses Tabu-Thema. Privatdozent Dr. Dr. Berend Feddersen hält das für eine vertane Chance. „Wir dürfen das Sterben nicht totschweigen“, sagt der Oberarzt und Leiter der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) des Uniklinikums Großhadern. „Denn durch einen offenen und ehrlichen Umgang mit dem Sterben können wir vielen Menschen unbegründete Ängste nehmen. Es geht nicht nur um Leid, sondern auch sehr oft um Lebensqualität – und die lässt sich heutzutage durch eine moderne Versorgung deutlich steigern!“

Das 192 Seiten starke Buch "Der Reisebegleiter für den letzten Weg" ist im Irisiana Verlag erschienen. Es kostet 16,99 Euro.

Um dem Tod etwas von seinem Schrecken zu nehmen, hat Dr. Feddersen ein Handbuch zur Vorbereitung auf das Sterben geschrieben. Der informative, einfühlsame und stellenweise auch verblüffend heitere Ratgeber trägt den Titel Der Reisebegleiter für den letzten Weg.

Entstanden ist das Buch in enger Zusammenarbeit mit Betroffenen – darunter die Co-Autorinnen Dorothea Seitz, die ihre Eltern bis zu deren Tod betreute, und Barbara Stäcker, deren Tochter Nana mit 21 Jahren zu Hause im Familienkreis starb (siehe Artikel unten).

In dem Buch kommen aber auch Menschen zu Wort, die ihren letzten Weg gerade angetreten haben. So wie Luise Ganschor, eine 26 Jahre alte Krebspatientin. Wie sie sich auf das Sterben vorbereitet, erzählt die junge Frau hier im großen tz-Report. Andreas Beez

Andreas Beez

Luises letzte Reise

Wenn Luise (26) ihre Augen schließt, dann landet sie in Neuseeland. Genauer gesagt: direkt an einem Traumstrand mit schneeweißem Sand. „Ich lasse die Füße aus einer gemütlichen Hängematte heraus baumeln, habe ein Bier in der Hand. Es sind nette Leute um mich herum, alle quatschen relaxt miteinander und lachen viel.“

So oder so ähnlich stellt sich die junge Frau das Paradies vor. Das Tragische an diesem schönen Gedanken: Es geht um ihre letzte Reise – zumindest aus irdischer Perspektive – und diese führt sie ins Jenseits. Denn Luise hat nicht mehr lange zu leben. Sie ist nach menschlichem Ermessen unheilbar an Krebs erkrankt, in ihrer Lunge haben sich bereits Tochtergeschwülste, sogenannte Metastasen, gebildet – Endstadium der Hoffnungslosigkeit.

Luise muss damit leben, dass sie bald sterben wird. Ihre Gefühlswelt wurde zu einer Art Schmelztiegel aus Fassungslosigkeit, Wut, Verzweiflung und Traurigkeit. Zumal sie doch zuvor gekämpft hatte wie eine Löwin – und es sah sogar so aus, als hätte die mutige junge Frau den Krebs besiegt. Aber dann kam vor anderthalb Jahren dieser Rückschlag bei einer Kontrolluntersuchung – und zwei Wochen später die Diagnose, dass es diesmal wohl nichts mehr zu kämpfen gibt.

„Ich wollte wissen, wie viel Zeit ich noch habe“, erzählt Luise im tz-Gespräch. Die behandelnde Ärztin vermied eine genauere Prognose, blieb Luise aber ansonsten keine mögliche Antwort schuldig – zum Beispiel auf die Frage, wie sie wohl sterben wird: Man könne sich diesen Prozess ungefähr so vorstellen, als würde man einen Marathon nach dem anderen rennen und wäre davon irgendwann so müde, dass man sich ins Bett legt. „Die Ärztin meinte auch, dass das Gehirn irgendwann nicht mehr mit so viel Sauerstoff versorgt würde, sodass man träge wird und einfach einschläft“, erinnert sich die 26-Jährige. „Für manche mag das schlimm klingen, aber ich war erleichtert zu erfahren, dass ich nicht ersticken werde.“

Genau diese Vorstellung macht sehr vielen todkranken Menschen Angst – ebenso wie das Horrorszenario, sie könnten unerträgliche Schmerzen erleiden und/oder hilflos in einem Pflegeheim dahinvegetieren. „Die meisten unserer Patienten fürchten gar nicht so sehr den Tod selbst, sondern vielmehr den Sterbeprozess. Häufig bitten sie schon im ersten Gespräch um Sterbehilfe“, berichtet Dr. Berend Feddersen.

„Die Menschen haben mehr Angst vorm Sterben als vorm Tod“, sagt Dr. Berend Feddersen – hier im Gespräch mit einem Patienten.

Ein Wunsch, den der engagierte Arzt weder erfüllen kann noch will. „Ich glaube nämlich nicht, dass wir aktive Sterbehilfe brauchen. Viel wichtiger ist es, dass jeder Patient eine professionelle palliativmedizinische Versorgung in Anspruch nehmen kann. Damit können wir den Menschen ermöglichen, ihren letzten Weg in Würde anzutreten. Sterben muss nicht wehtun. Das lässt sich mit modernen Behandlungsmöglichkeiten verhindern.“

Auch Luise vertraut auf dieses ärztliche Versprechen. Es ändert zwar nichts daran, dass sie manchmal mit ihrem Schicksal hadert. Aber es hilft der Krebspatientin dabei, ihren letzten Lebensabschnitt selbst in die Hand zu nehmen – ein ganz wichtiger Schritt, wie Co-Buchautorin Dorothea Seitz betont: „Luise hat sich der Situation gestellt, und das kann auch eine Chance sein. Denn für jeden Menschen gilt bis zum letzten Atemzug: Er hat immer ein gewisses Maß an Optionen und Wahlmöglichkeiten.“

So hat sich Luise beispielsweise bereits ein Hospiz ausgesucht – gemeinsam mit ihrer Mutter. „Wir zwei leben alleine. Ich möchte, dass das Medizinische rechtzeitig geregelt ist, damit meine Mama am Ende wirklich Zeit für mich hat.“

Menschen mit Herz und Humor: die Buchautoren Dorothea Seitz (links), Barbara Stäcker (2. von links) und Dr. Berend Feddersen mit Krebspatientin Luise Ganschor (2. von rechts).

Im Alltag bemüht sich Luise um Normalität. „Die Frage, was ich unbedingt noch alles machen will, stellt sich eigentlich gar nicht“, erzählt die 26-Jährige. „Meine Lebenswirklichkeit schaut so aus: Ich würde gern einfach mal eine kleine Fahrradtour machen. Aber ich schaffe nur noch 200 Meter, weil mir dann die Luft wegbleibt. Also freue mich darüber, bei schönem Wetter einfach draußen sitzen zu können. Wenn man merkt, dass der Körper nicht mehr mitspielt, dann ändert man notgedrungen seine Ziele.“

Eine ausweglose Situation, die manchmal nur schwer zu akzeptieren ist – übrigens auch für Luises engste Weggefährten: „Meine beste Freundin ist oft traurig. Sie denkt darüber nach, wie es sein wird, wenn ich mal nicht mehr da bin. Wir reden ganz offen über unsere Gefühle.“

Manchmal fließen dabei Tränen, aber es wird auch oft gelacht. „Humor ist sehr wichtig“, sagt Dr. Feddersen. „Er hilft allen Beteiligten dabei, mit einer solchen Ausnahmesituation umzugehen.“ Auch Luise und ihren Liebsten. Deshalb hat sie ihnen schon jetzt ein Vermächtnis hinterlassen: „Bitte sorgt dafür, dass sich die Leute auf meiner Beerdigung auch mal trauen, herzhaft zu lachen ...“

Nana konnte zu Hause sterben

Spiegelbild einer mutigen Frau: die inzwischen verstorbene Nana, fotografiert von ihrer Mama.

Ein Leben auf Abruf – wie geht man damit um? Für die 21-jährige Nana und ihre Familie war die professionelle palliativmedizinische Versorgung ein „großes Geschenk“. Sie ermöglichte es der krebskranken jungen Frau, zu Hause zu sterben. Ohne Schmerzen und in der Gewissheit, dass alle geliebten Menschen einfach nur da sind. „Das war Nanas größter Wunsch“, erzählt ihre Mutter Barbara Stäcker der tz. „Und auch für uns als Familie war diese Situation sehr wertvoll. Dadurch konnten wir den Sterbeprozess in Nanas Sinne gestalten. So müssen wir nicht das Gefühl haben, dass wir etwas versäumt haben. Das hilft uns in unserer Trauer.“

Nana war an einer seltenen Form von Knochenkrebs erkrankt, zwischen der Diagnose und ihrem Tod lagen nur 15 Monate. Nach großem Kampf und mehr als 15 Chemotheapie­zyklen verschlechterte sich ihr Zustand kurz vor Weihnachten 2010 dramatisch. „Als Nana merkte, dass es zu Ende geht, hat sie mit uns übers Sterben gesprochen, auch über Details“, erinnert sich ihre Mama. „Sie sagte uns beispielsweise, wie ihr Sarg ausschauen soll, und hat selbst das Foto für ihr Sterbebildchen ausgesucht. Es war wichtig für Nana und auch für uns, dass wir ihre letzten Wünsche kennen und sie erfüllen können.“ So lief alles ohne zusätzliche Belastungen, bis Nana am 10. Januar 2012 starb.

Ihren Platz in der Familie hat sie behalten. „Für meinen Mann und mich ist Nana im Alltag präsent. Wir haben viele Fotos von ihr in unserer Wohnung. Sie ist immer dabei, sie gehört zu uns. Wir reden über Nana – auf eine positive und oft fröhliche Art.“

Auch außerhalb der eigenen vier Wände trägt die Familie Nanas Vermächtnis weiter – im gemeinnützigen Verein „Nana – Recover your Smile“. Er wendet sich an Menschen, die an Krebs erkrankt sind. Barbara Stäcker: „Durch für Patienten kostenfreie Schmink- und Stylingkurse sowie Fotoshootings möchten wir das durch die Krankheit oft verloren gegangene Selbstbewusstsein stärken und helfen, Freude am Aussehen zurückzugewinnen.“ Mehr Info unter www.recoveryoursmile.org

Andreas Beez

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