Den Kampf gegen Krebs verloren

Freundinnen nehmen in der tz bewegend Abschied von Luise

Luise ist mit 26 an Krebs gestorben.

München -  Luise ist mit 26 an Krebs gestorben - er war unheilbar. In der tz nehmen drei Freundinnen Abschied von einer außergewöhnlichen Frau.

Ihr Gesicht schmückte unsere Titelseite – und ihre Geschichte hat viele tz-Leser bewegt: Luise Ganschor wusste, dass sie den Kampf gegen ihre unheilbare Krankheit verlieren würde. Trotzdem oder gerade deshalb bleibt sie als Gewinnerin in Erinnerung. Denn die junge Frau hat dem Krebs nur ihren Körper überlassen. Notgedrungen. Aber die Macht über ihre Persönlichkeit und das eigene Handeln behielt sie bis zum Schluss in ihren Händen. Jetzt hat sie sich für immer von unserer irdischen Welt verabschiedet. Eine traurige Nachricht, die allerdings auch ein wertvolles tröstliches Detail aufweist: Luise durfte so sterben, wie sie es sich gewünscht hat – friedlich, ohne Schmerzen und vor ­allem im Beisein ihrer Liebsten.

„Mit ihrer offenen Art, über ihre Krankheit, ihre Lebenssituation und ihre Gefühle zu sprechen, hat sie viele Menschen tief beeindruckt“, weiß der Münchner Palliativmediziner

Dr. Berend ­Feddersen, in dessen Buch Der Reisebegleiter für den letzten Weg Luise ausführlich zu Wort kommt. In der tz nehmen Luises Münchner Freundinnen und Co-Autorinnen Dorothea Seitz und Barbara Stäcker ­Abschied. Ein Nachruf auf eine außer­gewöhnliche Frau.

Andreas Beez

Der Elefant, der aus den Wolken grüßt

Es gibt wahrscheinlich nicht viele junge Frauen, die sich selbst als Elefant bezeichnen würden. Luise Ganschor schon – und zwar mit einem augenzwinkernden Lächeln im Gesicht. Genauer gesagt als Chemoelefant Klopsi. Diesen uneit­len Namen gab sich die junge Krebspatientin auf ihrer Facebook-Seite – in Anspielung auf ihr dickes Bein, das nach einer Tumor-Operation und Schäden am lymphatischen System immer wieder angeschwollen ist.

„Luise liebte es, den sonst so ernsten Dingen mit Leichtigkeit zu begegnen“, erzählt Dorothea in ihrem Internet-Blog (www.dorotheaseitz.de). Dieser schwarze Humor half der sterbenskranken jungen Frau dabei, sich der Ausweglosigkeit des eigenen Schicksals zu stellen. Dahinter steckte auch eine mutige Kampfansage an den Krebs: Du kannst mir zwar irgendwann mein irdisches Leben wegnehmen, aber niemals meine Persönlichkeit und meine Lebensfreude! Tapfer erkämpfte, wertvolle Selbstbestimmung, die sich Luise bis zum Schluss bewahren konnte. In diesem Geiste ist sie jetzt friedlich eingeschlafen.

Es ist der Schlusspunkt eines tragischen Krankheitsverlaufs. Luise war 2012 an einem Karzinom am Unterleib erkrankt, kämpfte wie eine Löwin gegen den Krebs und schien ihn auch tatsächlich besiegt zu haben. Doch dann kristallisierte sich bei einer Kontrolluntersuchung heraus, dass sich unbemerkt großflächig Lungenmetastasen gebildet hatten – ihr Todesurteil.

Der Abschied kam schneller als erwartet. Noch vor vier Wochen, als die tz Luise zum Interview traf, strahlte die 26-Jährige eine beeindruckende Lebendigkeit aus. „Ach wissen Sie“, erklärte sie schonungslos offen, „Krebs ist ja nicht wie eine Verbrennung, die man äußerlich gleich sieht. Der blöde Krebs macht einen von innen heraus fertig.“

Wie sehr die Krankheit Luise damals bereits zusetzte, weiß ihre Freundin Dorothea: „Sie hatte starke Schmerzen, aber sie ließ sich nichts anmerken.“ Professionell beantwortete Luise alle Fragen – erst im tz-Interview, dann noch am selben Abend bei einer Buchvorstellung. Auch auf den Fotos von diesem Tag überstrahlt sie mit Charakterstärke ihr Martyrium, eine der schönsten Aufnahmen entstand am Flaucher (siehe großes Foto oben) – fotografiert von Barbara Stäcker.

Als die tz am vorvergangenen Dienstag mit ihrer Geschichte auf der Titelseite erschien, lag Luise bereits in einer Klinik. Binnen drei Wochen hatte sich ihr Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert. Ihren ursprünglichen Gedanken, die letzte Reise von einem Hospiz aus anzutreten, musste sie verwerfen. Trotzdem durfte Luise so gehen, wie sie es sich gewünscht hatte: ohne Schmerzen, betreut von einer vertrauten Palliativmedizinerin. Liebevoll umsorgt von engsten Freunden und Familienmitgliedern, darunter ihre Mama Beate und ihr Bruder Steffen. „Luise hat immer gesagt, sie will, dass alle ihre liebsten Menschen ganz nah um sie herum sind, wenn es soweit ist. Und so war es“, berichtet Barbara Stäcker, die am Freitag, dem 5. Juni, ebenfalls dabei war, als Luise für immer ihre Augen schloss.

Zwischen Barbara, Dorothea und Luise war binnen kurzer Zeit eine tiefe Freundschaft entstanden. Kennengelernt hatten sich die drei Power-Frauen bei einer Veranstaltung für junge Krebspatientinnen. Diese ließen sich schminken und fotografieren, um der Krankheit „ihr schönstes Gesicht“ zu zeigen. Ein Projekt der medizinischen Berufsfachschule des Uniklinikums Leipzig, ins­piriert durch die Arbeit des Münchner Vereins Nana – Recover your smile e.V. Er ist nach Barbara Stäckers Tochter Nana benannt. Sie war im Januar 2012 mit 21 Jahren ebenfalls an Krebs gestorben. „Nana wollte all den Mut und die Kraft aus ihrem eigenen Wiederentdecken der Schönheit an andere Betroffene weitergeben“, heißt es auf der Homepage www.recoveryoursmile.org.

Barbara und Dorothea durften Luise noch eineinhalb Jahre begleiten. „Sie war eine ganz besondere junge Frau, die Freundschaft mit ihr ein wertvolles Geschenk für mich“, sagt Barbara der tz. „Obwohl ich – seit wir uns kennenlernten – wusste, dass die gemeinsame Zeit viel zu kurz sein wird, möchte ich keine Stunde davon missen, denn ich habe durch ihre Offenheit und ihren gnadenlos ehrlichen und dennoch oft humorvollen Umgang mit Tod und Sterben so viel von ihr lernen dürfen.“

„Es schmerzt, dass Luise gegangen ist“, sagt Dorothea. „Aber um wieviel größer wäre der Verlust gewesen, wäre sie nicht in unser Leben getreten.“ Und an einer Tatsache kann selbst der Tod nichts ändern: Die Erinnerung an Luise lebt ewig. An ihren Mut, ihre Charakterstärke und ihren Humor. Und natürlich an Klopsi, den Chemoelefanten, wie Dorothea betont: „Bei jedem Wolkengebilde am Himmel, das auch nur ansatzweise einem Elefanten ähnelt, wird jemand an Luise denken.“

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