Luxus-Sanierung: Wo München das Gesicht verliert

München - Ob in Giesing oder im Lehel, ob in Schwabing oder im Glockenbachviertel: Nachdem es immer mehr Reiche in die Innenstadt zieht, müssen historische Häuser Luxusbauten weichen.

Der Wandel der Münchner Innenstadt schreitet immer schneller voran. Die Reichen ziehen von Grünwald oder Pullach in die Innenstadt, Wohnraum für Normalverdiener und Gewerbeflächen für kleine Geschäftsleute werden innerhalb des Mittleren Rings immer weniger. Erst am Donnerstag berichtete die tz über den bevorstehenden Abriss der ehemaligen Pizzeria Santini samt Kastaniengarten an der Reichenbachbrücke, vorletzte Woche über den geplanten Neubau eines luxuriöses Wohn- und Geschäftshauses anstelle der Schwabinger 7.

So verändert München sein Gesicht

So verändert München sein Gesicht

Die Grüne Jugend München hat jetzt einen Antrag an den Stadtrat gestellt, mit dem sie den Abriss des Kultviertels an der Münchner Freiheit per Planungsstopp verhindern will. Ein Bebauungsplan soll den Verwertungsdruck im Stadtteil bremsen. Das könnte Schule für andere Stadtteile machen. Denn die Investoren haben neben Schwabing und Glockenbachviertel längst neue Stadtteile entdeckt, in denen bislang halbwegs preisgünstiger Wohnraum und Gewerbflächen in sündhaft teure Büro- und Wohnpaläste umgewandelt werden. Dabei verliert das Alte München sein vertrautes Gesicht. tz-Reporter Johannes Welte zeigt ein paar aktuelle Beispiele:

Zweibrückenstraße, Lehel

Das Eckhaus an der Zweibrückenstraße / Liebherrstraße im Lehel hat schon vier Kriege überstanden und eine Revolution. Die Architektur verweist auf die Zeit der ersten Stadterweiterungen des Königreiches Bayern im 19. Jahrhundert. Das Eckhaus beherrscht in der Zweibrückenstraße die Stadteinfahrt vom Deutschen Museum Richtung Isartor. In der Liebherrstraße ist es Teil einer Reihe prachtvoller Bauten aus der Gründerzeit. Bis vor Kurzem war hier im Erdgeschoss ein Geschäft für Frauenmode in Übergrößen, in den Obergeschossen gab es bezahlbaren Wohnraum in Innenstadtlage. Doch das rund 160 Jahre alte Haus mit seinen vier Obergeschossen soll abgerissen werden und einem fünfstöckigen Geschäftshaus weichen, das auch noch ein ausgebautes Dachgeschoss drauf bekommt.

Die zweite Zerstörung Münchens: Bausünden nach dem 2. Weltkrieg

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Der Vorsitzende des Bezirksausschusses, Wolfgang Püschel (SPD), ist entsetzt: „Eine Katastrophe. Der geplante Neubau erdrückt das gesamte gewachsene Ensemble an der Straßenecke.“ Der Investor wolle keinen Ersatz für den verlorengegangene Wohnraum im Stadtteil schaffen.

Der Bauherr verweist darauf, dass das Haus dem Bebauungsplan entspreche und kein Denkmalschutz bestünde. Hans-Peter Holzner von der Baywobau: „Es gilt auch keine Erhaltungssatzung und liegt nicht im Sanierungsgebiet.“ Darum müsse man keinen Ersatzwohnraum im Stadtteil anbieten, das geschehe dafür am Hirschgarten. Als künftigen Mieter stellt sich der Investor etwa einen Coffeeshop vor, wie sie an vielen Stellen aus dem Boden schießen. Ein Übergrößen-Modeladen dürfte sich die Ladenmiete von 60 Euro pro Quadratmeter wohl kaum mehr leisten können …

Birkenau, Untergiesing

In der Birkenau sollen diese beiden Kutscherhäuser abgerissen werden, im Viertel regt sich Widerstand

Untergiesing war einst eine Vorstadt, in der Tagelöhner und Handwerker ­lebten – sowie Kutscher, die hier auch die Pferde hielten, mit denen sie die Herrschaften auf der anderen Isar-Seite chauffierten. In der Birkenau erinnern noch eine Handvoll solcher Häuschen an die Geschichte dieser kleinen Leute, einige stehen unter Denkmalschutz. Der wurde 2009 für das Anwesen mit der Hausnummer 12 gestrichen. Es habe durch Umbauten seinen Charakter verloren, hieß es. Das Haus soll mit dem Nachbaranwesen mit der Hausnummer 10 – ebenfalls ein Kutscherhaus – weggerissen werden. Geplant ist ein Wohnhaus, das die Lücke in der dreigeschossigen Nachbarbebauung schließen soll, sowie zwei Einfamilienhäuser im Garten. Die bisherigen Mieter mussten schon ausziehen und dürften sich die neuen Drei- und Vierzimmerwohnungen zu je rund 100 Quadratmetern kaum leisten können. Die Bürgerinitiative „Rettet die Birkenau“ sammelte 1250 Unterschriften für den Erhalt der Kutscherhäuser. Das Landesamt für Denkmalpflege prüft nun, ob es das gesamte Ensemble Birkenau schützen kann. Die Rathaus-Grünen fordern, dass der Abriss so lange ruht, bis diese Frage geklärt ist. Die Giesinger Landtagsabgeordnete Claudia Stamm fürchtet: „Wenn die beiden Kutscherhäuser fallen, könnte dies ein Dammbruch sein.“ Die Besitzer der anderen Häuserl in der Birkenau könnten versuchen, ihre Grundstücke ebenfalls zu versilbern.

Augustenstraße, Maxvorstadt

Diese Nachkriegs-Mietshäuser in der Augustenstraße mussten den luxuriösen Augustenhöfen weichen

Die Maxvorstadt war bislang die Heimat der Münchner (Lebens-) Künstler und Studenten. Die unter den ersten bayerischen Königen Maximilian I. Joseph und Ludwig I. errichteten Gebäude sind noch nicht so großbürgerlich geraten wie die späteren Bauten in Schwabing, und nach dem Krieg wurde hier allenthalben schnell gebaut – nicht schön, aber halbwegs erschwinglich. Und weil man breitere Straßen plante, entstanden die neuen Häuser nach dem Krieg mit mehr Abstand zur Straßenmitte. Die Häuserfluchten werden jetzt bei Neubauten wieder nach vorne verschoben, doch der neue Wohnraum, der hier entsteht, ist nichts für Studenten und Künstler. So schreibt der Investor der demnächst fertigstellten „Augusten­höfe“ in der Augustenstraße 15-19 im Werbe-Prospekt für die Luxus-Immobilie: „Ein klares Bekenntnis zu großbürgerlicher Lebensart.“ Das wird auch mit der pseudo-historischen Fassade, dem eigenen Fitnessbereich und den Wohnungrößen vornehmlich zwischen 136 und 241 Quadratmetern unterstrichen. Die drei Nachkriegs­häuser sind längst weg, ihre Bewohner auch.

Auch der in einer Nachkriegs­baracke untergebrachte Second-Hand-Shop in der Augstenstraße 29 musste einem Neubau mit repräsentativer Glasfassade weichen, das Haus wird gerade fertiggestellt. Hier sind noch Wohnungen für 1,1 bis 1,4 Millionen Euro zu haben.

Leopoldstraße, Schwabing

Schmiedeeiserne Gitter und eine reich gegliederte Putzfassade zeichneten das Posthaus an der Leopoldstraße aus.

Mit viel Schweiß und Mühe war das Posthaus an der Leopoldstraße trotz schwerer Bombenschäden nach dem Krieg wieder hergerichtet worden. Die klassizistische Putz­fassade und schmiede­eisernen Balkone erinnern an das 19. Jahrhundert, in der Schwabing sein heutiges Gesicht bekam. Doch die strengen Vorgaben des Denkmalschutzes wurden nicht erfüllt, da der Bau in seiner Substanz nicht mehr komplett erhalten war.

 Der Neubau wird viel nüchterner

Jetzt entsteht dort ein Neubau – immerhin soll dort die Post wieder einziehen, und auch die Gebäudestruktur wird wieder hergestellt. Die alte Putzverkleidung sowie die schmiedeeisernen Balkongitter sind für immer verloren. Das einstige Wohn- und Geschäftshaus wird nun als „Exklusiver Büroneubau“ vermietet und nennt sich „Münchner Freiheit City Offices“.

Dem Schwabinger Bezirksausschussvorsitzenden Werner Lederer-Piloty (SPD) sind die in Schwabing aus dem Boden sprießenden Luxus-Bauten ein Dorn im Auge. „Das ist bitter, man hat in manchen Straßen schon Probleme, etwas zu essen zu bekommen, weil sich viele Geschäftsleute nicht mehr die Mieten leisten können.“

Die Luxus-Bauten bewirkten auch, dass der Mietspiegel für Wohnungen immer schneller steige. Lederer-Piloty: „Es ist verrückt: Erst ziehen die Wohlhabenden wegen des bunten Lebens hier zu, dann beschweren sie sich über den nächtlichen Lärm.“

Beeindruckende Bilder: So sieht München vom ADAC-Turm aus

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Rubriklistenbild: © Bodmer

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