München darf kein zweites Grünwald werden

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„Is des schee?“ Christian Ganzer (v. li.), Sven Kemmler und Konstantin W ecker vor einem Luxus-Neubau in der Feilitzschstraße

München - Der Luxus-Wahn rund um den geplanten Abriss der Schwabinger 7 polarisiert München. Die tz hat mit den Künstlern Konstantin Wecker, Sven Kemmler sowie Christian Ganzer über Schwabing diskutiert.

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Kopfschüttelnd steht Konstantin Wecker vor dem Luxusbau in der Feilitzschstraße in Schwabing: „Muss des sein?“, stellt sich der Musiker die Frage. Der hässliche Bau steht leer, weil keiner die Miete zahlen kann. Kapituliert München vor der Macht des Geldes? Die tz hat mit den Künstlern Konstantin Wecker, Sven Kemmler, Kabarettist und Autor, sowie Christian Ganzer, zuständig für die Schwabing-Galerie neben der Lach- und Schieß über Schwabing diskutiert:

Konstantin Wecker: Das Aus der Schwabinger 7 und die Luxussanierungen sind ja nur ein Symbol dafür, was in unserer Stadt passiert. Ein Beispiel: Ich bin im Lehel geboren, dort aufs Gymnasium gegangen – und habe dort das Schwimmen in der Isar gelernt. Es gab für jede Sparte ein Geschäft; eine fast dörfliche Gemeinschaft. Jetzt mag ich nimmer dort wohnen: Du kannst es dir als normaler Mensch nicht mehr leisten. Und du merkst dort ganz deutlich: Das ist das Viertel für den klassischen Zweitwohnsitz …

Sven Kemmler: … Aber für diesen Zweck haben sie doch eigentlich Grünwald erfunden. Wenn die Stadt konsequent so weitermacht, wie bisher, dann wird aus München ein einziges Grünwald – und dann will auch keiner mehr hier eine Zweitwohnung.

Wecker: Ich habe immer Bauchschmerzen bei dem Gedanken, aus München wegzuziehen. Aber: Wenn München Grünwald wär’, dann wär’ i weg!

Christian Ganzer: Ich kenne eine Frau, die wohnt am Viktualienmarkt; ganz allein in einem Haus. Nur eine Woche lang im Jahr kommen die Scheichs, um einkaufen zu gehen. Das ist für sie Shopping-Zweitwohnsitz. Ich habe zwei Kinder und wohne im Glockenbachviertel – ich werde wegziehen. Es wird immer g’schleckter, nur noch Boutiquen und teure Cafés, Wohnanlagen mit Portier. Aber wenn du einen Schraubschlüssel brauchst, dann musst du ins Umland in den Baumarkt fahren.

Wecker: Es hat mich kürzlich einer angesprochen, der sagte: „Es ist halt die neue Zeit. Da muss renoviert werden, und die Schwabinger 7 ist ja auch ein hässlicher Schandfleck.“ Ich finde, eine Stadt braucht auch a bisserl Hässlichkeit. Es wäre unerträglich, wenn alles so hübsch wäre. München ist eine hübsche Stadt, aber es muss auch greißlige Ecken geben, weil sonst ist es ja keine Stadt.

Kemmler: Sonst könnte Köln ja keine Stadt sein. Aber was der Christian sagt, stimmt: Viele Familien ziehen aus der Stadt ins Umland, weil sie sich die Mieten nicht leisten können. Das zieht aber einen enormen Rattenschwanz nach sich und kostet viel Geld. Der Pendelverkehr zum Beispiel. Die Blechlawinen sind der Preis dafür.

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Wecker: Wir müssen prinzipiell umdenken. Es kann nicht sein, dass alles der Ökonomie zum Opfer fällt. Das Leben hat mehr Facetten als die Geldvermehrung. Dieser Protest hat Symbolcharakter: Die Bürger müssen rechtzeitig informiert werden, da können uns die Bezirksausschüsse und Zeitungen helfen. Es gibt ja sicher auch vernünftige Verkäufe, aber es muss Schluss mit diesen ständigen politischen Mauscheleien sein. Ich verstehe nicht, dass die Leute nicht gescheiter werden und kapieren, dass die Privatisierung meist in Katastrophen endet. Es gibt so viele Beispiele, wie in Chile unter Pinochet, nach dem Motto: „Das Modell des freien Marktes macht glücklich!“ Oder die Bahn. Trotzdem sitzen diese Brüderles der Welt in den Talkshows und binden uns einen Bären auf.

Kemmler: Ja, weil das Argument ist immer: Vorsicht, wenn nicht alles privatisiert wird, dann kommt der Kommunismus. Hat sich unser Bürgermeister Ude eigentlich schon geäußert?

Wecker: Nein, aber ich würde wörtlich sagen: Ich will überhaupt nicht gegen Ude sein, ich will, dass er mit uns mitzieht, als Freund der Kultur.

Kemmler: Ja, komm zurück zu uns. Sonst müssen wir als letzte Maßnahme Heiner Geißler holen …

Aufgezeichnet von Tina Layes

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