Abschied von Manfred Schreiber

Der Sheriff von München ist tot - seine spektakulärsten Fälle

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Manfred Schreiber mit seiner Ehefrau Elfriede im Dezember 2014.

München - Manfred Schreiber war 20 Jahre lang Münchens oberster Ordnungshüter. Am Mittwochabend ist Manfred Schreiber für immer friedlich eingeschlafen. Wir erinnern an ihn und seine spektakulärsten Einsätze.

Wenn sich Manfred Schreiber jemandem vorstellte, tat er dies oft auf seine ganz eigene Art: „Ich bin der Sheriff“, sagte er dann, reichte die Hand und lächelte verschmitzt. Ja, der gebürtige Oberfranke war Polizist durch und durch – und Münchens berühmtester. Genau 20 Jahre leitete er das Polizeipräsidium – von 1963 bis 1983. Und es waren oft schwere Zeiten: Die Geiselnahme an der Prinzregentenstraße, das Attentat bei den Olympischen Spielen, der Bombenanschlag am Oktoberfest. „Ich hatte die schwierigsten Fälle“, hatte Schreiber einmal gesagt. Jetzt ist der Sheriff von München tot. Er schlief mit 89 Jahren in einer Klinik für immer friedlich ein.

Der Maßanzug, die immer perfekt sitzende Frisur – sie gehörten zu Manfred Schreiber wie seine markigen Sprüche: „Ich bin eine Stahlfaust im Samthandschuh“, beschrieb er sich einmal selbst, als es um die Bekämpfung der Kriminalität im Stadtzentrum ging. „Er war ein Grandseigneur“, erinnert sich der Münchner Medizin-Professor Wolfgang Pförringer. Jahrelang war er mit dem Ober-Polizisten eng befreundet. „Manfred war elegant, intelligent – und auch noch sportlich. Im Tennis habe ich immer gegen ihn verloren“, so Pförringer. „Der Herrgott hat es bei ihm sehr gut gemeint beim Verteilen der Talente.“ Dabei begann alles mit Widrigkeiten: Am Ende des Krieges wird Schreiber mit knapp 18 noch an die Front geschickt. „Dort wurde er dann total zusammengeschossen.“ Schwerstverletzt kommt der junge Mann wieder nach München. Nach dem Krieg sitzt er im Rollstuhl – aber er kämpft: Trotz der Schmerzen wegen der Verletzungen beginnt er ein Jura-Studium an der LMU. Im Jahre 1956 geht es dann zur Polizei: Erst wird Schreiber Chef der Abteilung Personal, Ausbildung und Rechtskunde bei der Bereitschaftspolizei. Ab 1960 ist er dann für drei Jahre Kriminaldirektor.

Seine schwerste Stunde: der Tod der israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen (siehe unten). Über diesen Tag 1972 wollte Manfred Schreiber später nie gerne reden. Mancher warf ihm vor, bei dem Einsatz versagt zu haben: „Aber er musste so handeln“, sagt der ehemalige Landtagsabgeordnete Thomas Zimmermann über seinen Freund. Warum? Weil die Politik die Vorgaben machte und die Ausstattung dennoch völlig unzureichend war. „Hier wurde ihm die Schuld zugeschoben“, ist auch Manfred Pförringer überzeugt. Schreiber selbst sagte nur immer: „Es war, wie es war.“

Am Mittwochabend hatte sich Fußballfan Schreiber noch das Spiel des FC Bayern zu Hause im Fernsehen angesehen. Seit Tagen hatte er sich schon schwach gefühlt. Als er ins Bett gehen wollte, brach er plötzlich zusammen. Auch die Ärzte im Krankenhaus konnten ihm nicht mehr helfen.

Banküberfall 1971: Das Geiseldrama in der Prinzregentenstraße

Es ist der 4. August 1971, 15.55 Uhr: Zwei schwerbewaffnete Maskierte stürmen die Deutsche Bank in der Prinzregentenstraße. Die Täter: Georg Rammelmayr (31) und sein Kumpan Dimitri Todorov (24). Das Duo will den ganz großen Coup landen. Problemlos bringen sie 18 Angestellte und Kunden in ihre Gewalt. Ein Schock: Einen Banküberfall mit Geiselnahme – das hat es in der Bundesrepublik bis dahin noch nie gegeben.

Heute undenkbar: Im Laufe des Abends finden sich ungefähr 5000 Zuschauer ein, die zum Teil völlig ungeschützt das Geschehen verfolgten. Nach Verhandlungen mit der Polizei unter der Leitung von Manfred Schreiber werden gegen 23 Uhr die geforderte Summe und ein Fluchtfahrzeug bereitgestellt. Als sich Rammelmayr zu der Geisel (ein 19-jähriges Mädchen) in das bereitgestellte Fahrzeug setzt, eröffnen Scharfschützen das Feuer. Rammelmayr wird tödlich verletzt – aber auch das Mädchen wird verletzt. Sie stirbt, von fünf Schüssen getroffen, trotz Notoperation im Krankenhaus.

Schwabinger Krawalle 1962: Die neue Münchner Linie

Als die Polizei am 21. Juni 1962 fünf Teenager auf der Leopoldstraße festnehmen will, die russische Lieder auf der Gitarre spielen, starten die Schwabinger Krawalle: Tagelang liefern sich Tausende junge Protestler Straßenschlachten mit der Polizei. Als Konsequenz erarbeitet Schreiber 1963 ein neues, auf Deeskalation setzendes Konzept bei Großeinsätzen, die „Münchner Linie“ , mit psychologischen Grundsätzen sowie einem Psychologischen Dienst.

Wiesn-Attentat 1980: Noch immer ungeklärt

Bis heute haben die Ermittler die fürchterlichste Terror-Attacke in München nicht zweifelsfrei aufgeklärt: Am 26. September 1980 ging am Haupteingang des Oktoberfests eine selbtgebastelte Rohrbombe in die Luft, als um 22.19 Uhr die Wiesn-Gäste nach Hause strömten. 13 Menschen wurden getötet, 211 verletzt, davon 68 schwer. Keine Frage: Polizeipräsident Manfred Schreiber, Ministerpräsident Franz Josef Strauß und sogar Bundesjustizminister und Alt-OB Hans-Jochen Vogel eilten zum Tatort.

Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten Gundolf Köhler als Bombenleger, der selbst bei dem Anschlag ums Leben kam und ein Anhänger der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann war. Er soll die ganze Tat – von der Beschaffung des mehr als einem Kilogramms TNT bis hin zur Ausführung – allein begangen haben. Das aber wurde immer wieder bezweifelt. Über Jahre förderte etwa der Journalist Ulrich Chaussy immer wieder neue Fakten, Zeugenaussagen und Widersprüche in den Ermittlungen zutage, die im Spielfilm „Der blinde Fleck“ verarbeitet wurden. Dennoch dauerte es bis Dezember 2014, bis die Ermittlungen wieder aufgenommen wurden.

Olympia-Attentat 1972: Der Tag des Schreckens

Für Manfred Schreiber sollte es eigentlich ein Höhepunkt seiner Karriere werden: die Olympischen Spiele in München! Es schien die ideale Gelegenheit, die bayerische Polizei als weltoffene „Freunde und Helfer“ zu präsentieren, zu beweisen, dass die junge Bundesrepublik auch bei der Sicherheit nichts mehr mit der braunen Vergangenheit zu tun hat.

Doch aus dem Fest des Sports und der Weltoffenheit wurde ein Alptraum. Es wurden die dunkelsten Tage im Leben des Polizeipräsidenten – und des damaligen Innenministers Genscher. Als in der Nacht des 5. September 1972 palästinensische Terroristen ungehindert über den Zaun zu den Sportler-Unterkünften kletterten, zwei israelische Sportler töteten und neun weitere als Geiseln nahmen, wurde das Sicherheitskonzept der bayerischen Polizei als völlig unzureichend entlarvt.

Schreibers Polizei war auf diese Art des Terrors völlig unvorbereitet. Und das, obwohl der Münchner Kriminalpsychologe Georg Sieber im Vorfeld unter anderem das Szenario eines PLO-Attentats entwickelt hatte, dem das spätere Attentat ziemlich genau entsprach. Aber Schreiber und die Politiker hörten nicht auf Sieber. Hilfe von Polizeikräften aus anderen Bundesländern wurde ebenso abgelehnt wie die Forderung Israels, eigene Anti-Terroreinheiten in München einzusetzen. Der Versuch der bayerischen Polizei, die Geiseln auf dem Bundeswehrflughafen in Fürstenfeldbruck zu befreien, endete in einem Fiasko: alle neun verbliebenen israelischen Geiseln, fünf Terroristen und der Münchner Polizeiobermeister Anton Fliegerbauer starben

Hans-Dietrich Genscher in der tz: "Er war mein Schicksalsgefährte

„Manfred Schreiber hat uns verlassen. Wir alle sind ärmer geworden. Wir, das sind seine Nächsten; wir, seine Freunde; wir, das ist die deutsche Polizei und alle die anderen, die sich dem lebensfrohen, stets zuversichtlichen Manfred Schreiber seit langem verbunden fühlten. Für mich wurde er zum Freund. Für mich wurde er zum Schicksalsgefährten in der schwersten Stunde unseres dienstlichen Lebens. Er war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, der es verstand, Menschen in seinen Bann zu ziehen – Kollegen und Kameraden, Freunde und Familie. So werden wir ihn wohl alle in Erinnerung behalten und ihm nachrufen: Danke für das, was du uns gegeben und geschenkt hast. Und als Bürger dieses Staates und als ehemaliger Innenminister: Danke für das Beispiel, das du für unsere Polizei immer geben wirst.“

Trauer um den Ex-Polizeichef

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann: „Prof. Dr. Manfred Schreiber war eine herausragende Persönlichkeit und ein Spitzenpolizist mit Leib und Seele. Dank seines Pioniergeistes ist seine Lebensleistung für die Münchner bis heute spürbar. Nicht umsonst zählt München zu den sichersten Großstädten Europas mit einer modernen und bürgernahen Polizei.“

Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä: „Ich bin dankbar, dass ich Herrn Prof. Dr. Schreiber noch persönlich kennen lernen durfte und mich mit ihm austauschen konnte. Die Münchner Polizei hat durch seinen Tod eine große Persönlichkeit verloren, die die Münchner Polizei über zwei Jahrzehnte geprägt hat. Er war eben auf vielen Gebieten Visionär und Vorreiter. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Ehefrau und der Familie.“

Münchens Alt-OB Georg Kronawitter (SPD): „Er war in meiner Amtszeit noch ein städtischer Polizeipräsident, bis die Polizei 1975 verstaatlicht wurde. Ich habe Manfred Schreiber als sachkundigen und engagierten Polizeipräsidenten erlebt. Wir hatten eine gute Zusammenarbeit.“

Armin Geier/KR

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