Nach Masern-Todesfall: Ärzte sprechen von Skandal

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Das Klinikum Großhadern

München - Der 26-jährige Weilheimer, der im Klinikum Großhadern an Masern gestorben ist, hat nicht geimpftes medizinisches Fachpersonal und möglicherweise sogar Ärzte angesteckt.

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Weilheimer (26) stirbt an den Masern

Die in Bayern grassierende Masern-Epidemie hat ihr erstes Todesopfer gefordert: Wie erst jetzt bekannt wurde, starb am 4. April ein 26-jähriger Weilheimer im Klinikum Großhadern an der Infektionskrankheit. Wo er sich der junge Mann angesteckt hat, sei nicht bekannt, so der Leiter des Weilheimer Gesundheitsamtes Karl Breu. Der Patient sollte in Großhadern wegen einer Tumorerkrankung behandelt werden. Wie rasend schnell sich Masern ausbreiten können, ist an diesem Fall zu studieren: Der 26-Jährige infizierte nicht nur seinen 72-jährigen Zimmernachbarn, sondern auch noch zwei Pflegerinnen. Vom Klinikum war am Sonntag keine Stellungnahme zu erhalten.

Es sei „ein Skandal“, dass medizinisches Klinikpersonal nicht gegen Masern geimpft sei, empört sich Experte Martin Terhardt vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Ärzte und andere medizinische Fachkräfte müssen einen ausreichenden Impfschutz vorweisen“, so Terhardt.

Dafür müsse der Arbeitgeber sorgen; er verweist auf die Bestimmungen im Infektionsschutzgesetz und in der Biostoffverordnung. Es dürfe nicht vorkommen, „dass ein Patient mit einer hoch ansteckenden Krankheit wie Masern eine Infektionskette beim ungeimpften Personal einer Klinik auslösen kann“. Nach Information von BVKJ-Pressesprecher Sean Monk haben sich in Großhadern „sogar Ärzte angesteckt“. Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut habe für medizinisches Personal Impfungen „empfohlen“, so MdL Thomas Zimmermann, Gesundheitspolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion. „Es gibt keine Impfpflicht“ – was der Mediziner bedauert.

Das Schicksal des jungen Weilheimers bestätigt die Warnung auch des Münchner Gesundheitsreferenten Joachim Lorenz: Er wies angesichts der 2011 sprunghaft angestiegenen Masernquote auf die Gefahr für nicht immunisierte Erwachsene hin. Ein besonders leichtes Spiel hat das Virus bei Menschen mit ohnehin geschwächten Abwehrkräften.

Barbara Wimmer

tz-Stichwort Masern

Masern ist keine harmlose Kinderkrankheit. Die tückische Virusinfektion kann, vor allem bei Erwachsenen, schwere Leiden hervorrufen: von Augen- oder Lungenentzündungen bis hin zur gefürchteten Masern­enzephalitis (Entzündung des Gehirns). Im schlimmsten Fall enden Masern tödlich. Deutschlandweit wurden seit Jahresbeginn über 350 Fälle registriert. Schwerpunktmäßig grassiert das ­Virus in Bayern, wo schon 350 Erkrankungen gemeldet wurden, besonders gehäuft in München (bis Mitte März 60 Fälle). Zwischen Ansteckung und Ausbruch der ­Erkrankung liegen sieben bis 18 Tage, ansteckend sind ­Masern fünf Tage vor bis fünf Tage nach Auftreten des ­typischen kleinfleckigen Ausschlags. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt dringend die Impfung für ­alle ungeschützten Erwachsenen, die nach 1970 geboren wurden.

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