Marie-Luise Schultze-Jahn ist tot

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Marie-Luise Schultze-Jahn im Jahr 2002

Bad Tölz - Sie war die letzte "Weiße Rose": Am Mittwoch ist Marie-Luise Schultze-Jahn im Alter von 92 Jahren gestorben.

Wenn Marie-Luise Schultze-Jahn sprach, tat sie das stets leise und bedächtig. Die 92-jährige Ärztin aus Bad Tölz musste nicht laut werden, um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen. Schließlich hatte das, was sie zu sagen hatte, genügend Gewicht. Schultze-Jahn war das letzte lebende Mitglied der „Weißen Rose“. Generationen von Schülern kennen ihre Geschichte. Am Mittwoch ist die unermüdliche Kämpferin für Zivilcourage gestorben.

Ihr Widerstand, ihre Geschichte –sie beginnt im Frühjahr 1943: Die Geschwister Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst – die Gründer der studentischen Widerstandsbewegung die „Weiße Rose“ – wurden in München zum Tode verurteilt. Sie hatten insgesamt sechs Flugblätter verfasst und verteilt, in denen sie zum Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime aufrufen. Das letzte war ihr Todesurteil. Durch Zufall bekommt die Chemiestudentin Schultze-Jahn die Flugschrift in die Hände und beschließt zusammen mit ihrem halbjüdischen Verlobten Hans Leipelt, dieses letzte Zeugnis der „Weißen Rose“ zu verbreiten: Sie tippen den Text ab und versehen ihn mit der Überschrift „Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!“. Das Paar wird verraten und festgenommen.

Zwölf Jahren Zuchthaus lautet das Urteil für Schultze-Jahn im Oktober 1944, Lippelt wird hingerichtet. Sie selbst wird 13 Monate später, am 29. April 1945, befreit. Der Krieg, die Nazizeit – endlich ist dies alles vorbei. Sie studiert Medizin und zieht nach Bad Tölz. So oft und engagiert Schultze-Jahn ihre Geschichte später vorträgt – Jahrzehnte lang konnte sie gar nicht über die Vergangenheit sprechen. Vor allem, dass ihr Verlobter sich zu ihren Gunsten selbst belastete, überwindet sie nie.

Als sie ihre Praxis in Bad Tölz im Jahr 1988 schließt, entscheidet sie sich, die Vergangenheit aufzuarbeiten und damit die Erinnerung aufrechtzuhalten. Als Zeitzeugin spricht sie an Schulen. „Wie sollen denn die jungen Leute heute sonst wissen, was früher war?“, sagte sie immer wieder. Und sie nannte diesen Einsatz ihren „Beitrag wider das Vergessen“. Die Gräuel, die sie selbst ein Leben lang nicht vergessen kann, hält sie in einem Buch fest. Es trägt den Titel „Und ihr Geist lebt trotzdem weiter“. Dieser Satz – er gilt auch für Marie-Luise Schultze-Jahn selbst.

Kathrin Brack und Andreas Steppan

tz-Stichwort Weiße Rose

Die Weiße Rose um die studierenden Geschwister Hans und Sophie Scholl war eine Widerstandsgruppe in München während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Mitglieder – also die Kommilitonen der Scholls Christoph Probst, Willi Graf und Alexander Schmorell, außerdem Professor Kurt Huber – verfassten, druckten und verteilten unter Lebensgefahr insgesamt sechs Flugblätter, in denen zum Widerstand gegen Hitlers Terror-Regime aufgerufen wurde. Die ersten vier Flugblätter entstanden nach ersten Berichten von Freunden über Massenmorde in Polen und Russland. Das sechste Flugblatt wurde der Gruppe zum Verhängnis: Die Mitglieder der Widerstandsbewegung wurden entdeckt und 1943 von den Nazis hingerichtet. Eine Mahnplatte vor der LMU erinnert an die Zivilcourage der Weißen Rose.

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