Marienhof: Hier liegen 800 Jahre Stadtgeschichte

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Unter dem Marienhof finden sich derzeit noch Kellergewölbe aus dem 12. Jahrhundert.

München - Vor den Grabungen für die 2. Stammstrecke werden auf dem Gelände des Marienhofs noch 800 Jahre Stadtgeschichte dokumentiert. Für Interessierte wird sogar eine Plattform installiert.

Nur wenige Meter unter dem grünen Rasen ruhen Jahrhunderte, verborgen unter dem Marienhof. Wo sich am Wochenende noch Flaneure tummeln, errichtet die Bahn am Montag Bauzäune. Doch bevor der Aushub für die zweite S-Bahn-Stammstrecke beginnen kann, wird die Stadtgeschichte ans Tageslicht gegraben: Archäologen legen hier den ältesten Stadtkern Münchens frei.

Die Fläche hinter dem Rathaus ist so groß wie ein Fußballfeld, 110 mal 95 Meter. Bald rücken hier Bagger an. Weil deren Schaufeln Bodendenkmäler zerbröseln, verlangt das Denkmalschutzgesetz vorab archäologische Ausgrabungen. Die Spuren der Vergangenheit müssen – wenn schon nicht gerettet – für die Nachwelt dokumentiert werden. Die Arbeiten sollen für die Münchner „erlebbar“ sein, sagte ein Bahn-Sprecher dem Münchner Merkur. Eine Baustelle als Freilichtmuseum. Vermutlich von der Seite der Dienerstraße aus, will die Bahn einen Steg oder eine Plattform errichten, die über die fünf Meter tiefe Grube ragt. „Man steht dann über den historischen Kellern.“ Zusätzlich will die Bahn Info-Tafeln anbringen, auf denen die Grabungen erklärt werden. Details stehen noch nicht fest, „wir müssen abwarten, was wir vor Ort finden“.

Die zweite Zerstörung Münchens: Bausünden nach dem 2. Weltkrieg

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In den Zeiten der Stadtgründung im 12. Jahrhundert standen hier die ersten Häuser Münchens. Die alte Befestigungsanlage durchquerte die heutige Rasenfläche schräg von Ost nach West. Als die Stadt um das Jahr 1270 erweitert wurde, brauchte man die alte Mauer nicht mehr – auch diese Fläche wurde Bauland. Viele der Mauergrundstücke übereignete der Herzog den Juden, die in der Judengasse ihre Synagoge bauten. Knapp 200 Jahre später, 1442, vertrieb Herzog Albrecht III. dann die Juden aus der Stadt. Und aus ganz Oberbayern. Das Viertel veränderte sich. Handwerker, Gastwirte, Beamte und Hofbedienstete zogen ein, um in der Nähe ihres Arbeitgebers zu wohnen. Zwischen Landschaftsstraße und Gruftstraße drängten sich Arztpraxen, Geschäfte und Anwaltskanzleien eng aneinander.

Im Lauf der Jahrhunderte wandelte sich die kleinteilige Bebauung. Parzellen wurden zu großen Grundstücken zusammengefasst, reiche Familien siedelten sich an. Später entstanden Hotels und Verwaltungsgebäude. Der Marienhof florierte, bis die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs das Viertel dem Erdboden gleich machten. Ein alliiertes Geschwader zerstörte weite Teile der Innenstadt in der Nacht zum 18. Dezember 1944. Nach dem Krieg schaufelten die Überlebenden den Schutt in die alten Kellergewölbe. Schließlich entschied man, die alten Häuser nicht wieder aufzubauen. Der Hof wurde sofort von Autofahrern in Beschlag genommen. Von 1948 bis 1971 war das einst lebendige Viertel nur noch ein Parkplatz. Die Grünfläche entstand erst zu den Olympischen Spielen 1972. Der heutige Marienhof war geboren.

München - auferstanden aus Ruinen

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Bis zum Jahresende sollen die archäologischen Grabungen abgeschlossen sein. Steg und Freilichtmuseum werden laut Bahn „voraussichtlich in den nächsten Wochen“ errichtet. Danach starten die Arbeiten an der neuen Stammstrecke – und statt fünf wird dann 40 Meter tief gegraben.

Thomas Schmidt

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