Wird der Platz erst in Jahren grün?

Marienhof wird wieder zugeschüttet

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Na endlich: Die Bahn lässt den Marienhof wieder planieren

München - Es tut sich was in Münchens guter Stube: Der Marienhof nimmt wieder die Gestalt eines Platzes an. Bis wieder etwas wächst, könnte es unter Umständen Jahre dauern.

Die Bahn lässt die Grube verfüllen und planieren, dann kommt eine Schicht aus Kies drauf. Bis wieder ein bisserl Grün im Herzen der Stadt wächst, dauert es noch Monate – oder viele Jahre, wenn nämlich in der Zwischenzeit die zweite Tunnel-Röhre beschlossen wird.

Die FDP hatte vom OB wissen wollen, wann mit dem „zentralen Schandfleck in der Innenstadt“ endlich Schluss ist. Schließlich habe die Bahn versprochen, die archäologischen Grabungen im September zu beenden – und nichts geschah. Der OB habe in unverantwortlicher Weise auch keine Befristung vereinbart. Der wiederum leitete die Anfrage an einen guten Bekannten der Münchner FDP weiter – deren eigenen Verkehrsminister Martin Zeil. Der ist für die zweite Stammstrecke zuständig und damit auch für die Baustelle.

Marienhof: Was die Ausgrabungen alles zum Vorschein bringen

Dass München die Olympischen Spiele 2018 nicht bekommt, dürfte nicht nur die hartgesottenen Olympia-Gegner erfreuen. Auch die Archäologen, die derzeit am Marienhof nach Münchner Stadtgeschichte buddeln, atmen wahrscheinlich auf: Durch die Absage für 2018 haben sie nun mehr Zeit für ihre Ausgrabungen und können sich intensiver mit den wertvollen Fundstücken beschäftigen. © gs
Die zweite Stammstrecke kommt aber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit so oder so, und mit ihr der neue Bahnhof am Marienhof. Dazu wird das komplette Areal mit einer 40 Meter tiefen Baugrube ausgehoben. Derzeit graben aber noch die Archäologen nach Schätzen aus der Münchner Vergangenheit - und sie werden immer wieder fündig, wie sie auf folgenden Bildern feststellen können. © gs
Seit Mitte April 2011 wird auf dem Gelände hinter dem Neuen Rathaus geschaufelt. Es sind nicht die ersten Grabungen auf dem Gelände. Bereits 1989 und 2003 fanden hier teilweise Ausgrabungen statt, heuer werden noch rund 75 Prozent der etwa 5.000 Marienhof-Quadratmeter  archäologisch untersucht. © gs
Wie auf diesem Bild zu erkennen ist, war der Marienhof bis zum Ende des 2. Weltkrieges dicht besiedelt. Erst die Bombenstürme in den Jahren 1944 und 1945 machten das Gelände dem Erdboden gleich. © gs
Im Zuge des Wiederaufbaus Münchens wurde entschieden, das Gelände nicht wieder neu aufzubauen, sondern einzuebnen. Jahrelang diente das Areal als Parkplatz ... © gs
... vor den Olympischen Spielen 1972 gab es hier einen großen Info-Stand. Der Name "Marienhof" wurde übrigens nie per Stadtratsbeschluss festgelegt, sondern entstand aus dem Volksmund. © gs
Vor den Spielen 1972 gab es im Zuge des U- und S-Bahn-Baus am Marienpplatz bereits umfangreiche Baumaßnahmen auf dem Marienhof. © gs
Was die Ausgrabungen in diesen Tagen freilegen, sind in erster Linie Kellergewölbe von den Gebäuden, die damals auf dem Gelände standen. © Schlaf
Neben normalen Wohnhäusern standen auf dem Marienhof unter anderem einst Gaststätten, eine Synagoge, ein öffentliches Bad, Hotels, ein Kloster sowie die Polizeidirektion. © Schlaf
Außerdem führte durch den Marienhof auch die allererste Stadtmauer Münchens mit dazugehörigem Stadtgraben. © Schlaf
Der größte Teil der rund 110x95 Meter großen Freifläche liegt innerhalb des ältesten Stadtkernes aus dem 12. Jahrhundert, der nördliche Randbereich des Marienhofs gehört der Stadterweiterung aus dem späten 13. und 14. Jahrhundert an. © gs
So sah es in der Schrammerstraße vor dem zweiten Weltkrieg aus: Ein enges Gässchen, dicht bebaut. Links das Café Deistler. © gs
Die selbe Perspektive im Jahr 2011: Man sieht: An der Oberfläche ist rein gar nichts von der Bebauung übrig geblieben. © gs
Damals lief die Schrammerstraße leicht von Nordosten nach Südwesten. © gs
Hier der Blick aus der anderen Perspektive. © gs
Nach dem Krieg und dem Brachliegen des Geländes wurde die Schrammerstraße leicht nach Norden versetzt und begradigt (siehe rechts). © Haag
Nach Beendigung der archäologischen Ausgrabungen wird die Schrammerstraße aufgerissen, um neue Fernwärmeleitungen zu verlegen. Dann wird die Straße ein Stück nach Süden versetzt, nach dem Ende der Bauarbeiten aber wieder den heutigen Verlauf haben. © gs
Kaum zu glauben: In einem der Keller hat sich noch ein original Fischgrätparkett (!) erhalten. © gs
Warum damals in diesem Gebäude in Kellerräumen Fischgrätparkett verlegt wurde, konnte bisher noch nicht herausgefunden werden. © gs
Allerdings müssen in dem Haus feinere Herrschaften gelebt haben, was auch das nächste Bild beweist ... © gs
In dem "Fischgrätraum" wurde nämlich diese wunderbar erhaltene Weinflasche gefunden. Leider ohne Etikett, so dass man den Jahrgang des Tropfens leider nicht bestimmen kann. © gs
Ebenfalls eine äußerst interessante Entdeckung wurde in den Kellerräumen des ehemaligen Café Deistler gemacht. © gs
Dieser Lastenaufzug hat die Jahrzehnte überstanden, allerdings nicht ohne gehörig Rost anzusetzen. © Haag
Neben dem Lastenaufzug traten auch noch andere Schätze zu Tage ... © Haag
Beispielsweise wurden Kaffekännchen aus Metall, Serviertabletts und Besteck gefunden. © gs
Auch eine riesengroße Registrierkasse wurde geborgen. © gs
Die größten Schätze werden bei diesen Grabungen aber in ... Latrinen entdeckt. Diese dienten damals auch als Mülltonnen, so dass heute teilweise Sonderbares zum Vorschein kommt. © gs
So zum Beispiel Nuss- und Kirschkerne oder Trinkgefäße. Durch die Funde lassen sich Rückschlüsse ziehen, wie früher die Ernährungsgepflogenheiten der Menschen waren. © gs
Die Archäologen haben einen anstrengenden Job zu erledigen: Meist verrichten sie ihre Arbeit auf allen Vieren. © gs
An dieser Stelle (damals Theatinerstraße 51) gab es im 16. Jahrhundert an ein Gasthaus angrenzend zwölf Unterstellplätze für Pferde. © gs
Später gab es an dieser Stelle das Gasthaus Büchlbräu, im 19. Jahrhundert schließlich teilte sich das Gebäude in viele kleine Ladengeschäfte auf, uunter anderem eine Parfümerie. In den Kellerräumen wurden kleine Parfümflaschen gefunden. © gs
Genau an dieser Stelle verlief ab dem 12. Jahrhundert der Stadtgraben. © gs
Unter der Holzkonstruktion ist noch ein Rohr zu erkennen, das später als Kanalisation diente. Die Kanalisation verlief genau durch den dann nicht mehr benötigten Stadtgraben (ab frühes 19. Jahrhundert). © gs
Das Haus in der damaligen Theatinerstraße 52 war im 14. Jahrhundert im Besitz einer Ratsfamilie. Später gab es hier eine Gastwirtschaft, anschließend ein Stoffgeschäft. Im Keller wurden Knöpfe gefunden. © gs
Der Blick in Richtung Neues Rathaus. An der Weinstraße Nr. 13 entstand ab 1690 als Stiftung des Kurfürsten Max Emanuel nach Plänen von Hofbräumeister Henrico Zuccalli der vieflügelige Neubau des Instituts der Englischen Fräulein mit Kloster, Schule und Kapelle. © gs
Seit seiner Gründung 1627 durch Maria Ward persönlich war das Münchner Institut zum Sitz der Generaloberin und ein Zentrum des Ordens geworden. © gs
Nach der Aufhebung 1808 wurde der Gebäudekomplex bis 1812 als Innenministerium, ab 1827 als Sitz der Polizeidirektion genutzt. © gs
Auch ein typisches Merkmal der Kellerräume von damals: Lichtnischen. © gs
Dort wurden mangels Elektrizität Kerzen hineingestellt. © gs
Weitere Funde bei den Ausgrabungen: Sparbüchsen ... © gs
... ein Kachelofen-Aufsatz, kleine Gläser und Tassen ... © gs
... und natürlich zahlreiche Fließen. © gs
Funde aus dem Mittelalter: Eine Puppe, ein Pfeifenstiel und eine Spinnwirtel. © gs
Diese Flaschen überstanden den Einsturz von Gebäuden und die Hitze der Bombenfeuer. © gs
Durch die Hitze des Feuers verbog sich dieser Flaschenhals. © gs
Dennoch war das Glas offenbar bruchsicher. © gs
An kaputten Scherben mangelt es bei den Fundstücken nicht. Die Grabungen werden noch einige Zeit andauern, noch sind längst nicht alle Schätze aus der Vergangenheit freigelegt. Mehr Informationen zur 2. Stammstrecke und zu den archäologischen Ausgrabungen finden SIe unter: http://www.2.stammstrecke-muenchen.de/ © gs

Der Minister weist seine Leute zurecht: Von einem „Schandfleck“ könne gar keine Rede sein. Die archäologischen Funde beweisen, dass es den Aufwand wert war – „auch wenn die Grabungen deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen haben als erwartet“. Das ist übrigens nicht die einzige Meinungsverschiedenheit in der FDP – die im Rathaus will nämlich die zweite Stammstrecke verhindern, die im Maximilianeum kämpft unbändig dafür.

Nun sind vor ein paar Tagen erst die Bagger angerückt – so langsam, dass die Stadt mehrfach bei der Bahn nachfragte, ob das wirklich noch was wird mit dem Marienhof. Schließlich geht am 26. November mit dem Christkindlmarkt das Weihnachtsgeschäft los, auch wenn auf dem Platz selbst keine Buden stehen. Die Bahn machte Druck beim Bauunternehmer. Ein Sprecher versichert, noch im November sei alles fertig. Nach dem Winter schafft die Stadt wieder etwas Grün – außer, die neue Röhre kommt doch.

DAC

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